heft3 cover

Heft 3: Landwirtschaft

Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur. Nur so werden wir genügend Lebensmittel, Arbeitsplätze im ländlichen Raum und dauerhaft gute Umweltbedingen schaffen.
Das Heft als PDF (5,5 MB)

Heft 3: Landwirtschaft

Editorial

Im Weltagrarbericht steht, dass wir die Probleme der Nahrungsmittelversorgung nicht mit den agrarindustriellen Methoden der USA oder der "modernen Landwirtschaft" der EU lösen werden. Wir müssen wegkommen von einer Landwirtschaft, die am Tropf des zu Ende gehenden Erdöls hängt. Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur.

Text: Christel Schroeder

Als auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York im September 2000 die sogenannten "Millennium Development Goals" beschlossen wurden, litten weltweit 700 Millionen Menschen unter Hunger. Feierlich wurde verkündet, diese Zahl bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Die Befürworter der "grünen Revolution" versprachen, mit Pestiziden und Düngern, Gentechnik und hochgezüchteten Tierrassen das Problem in den Griff zu kriegen. Diese Politik ist kläglich gescheitert. Heute hungern 820 Millionen Menschen. Dabei könnten auf der Erde auch acht Milliarden Menschen und mehr ausreichend mit Nahrung versorgt werden, würde nur die richtige Politik gemacht.

Waren früher Mist, Jauche und stickstoffbindende Pflanzen unverzichtbarer Bestandteil einer bäuerlichen Kreislaufwirtschaft, so decken heute Betriebe ohne Vieh den Nährstoffbedarf ihrer Pflanzen mit synthetischen Mineraldüngern. Auf der anderen Seite gibt es die Regionen mit industrieller Massentierhaltung, die in der Gülle versinken. Belastete Grundwasservorkommen und Oberflächengewässer sind die Folge.

Der "Strukturwandel" in der Landwirtschaft hält an. Immer weniger Bauern produzieren mit immer höherem Energieeinsatz immer mehr Erträge bei zunehmenden Umweltproblemen. Und dennoch wächst der Hunger weltweit. Immer mehr Tiere werden in engen Ställen zusammengepfercht, um in Rekordzeit auf Schlachtgewicht gemästet zu werden. Für den reibungslosen Ablauf werden den Schweinen die Schwänze abgekniffen, dem Geflügel die Schnäbel kupiert. Ins Futter werden Antibiotika gemischt. Humanmediziner schlagen Alarm, denn Resistenzen bei Menschen nehmen zu.

Wegkommen von einer Landwirtschaft am Tropf des Erdöls

Europa hatte sich einst für ein "europäisches Agrarmodell" entschieden, eine "multifunktionale Landwirtschaft", die nicht nur genügend qualitativ hochwertige Lebensmittel herstellt, sondern gleichzeitig Rücksicht auf Kulturlandschaft, Umwelt, Biodiversität und das Tierwohl nimmt, die sozial, gerecht und zukunftsfähig wäre. Doch was ist daraus geworden? Die Landschaft wurde zur monotonen Produktionswüste, die Bauern zu Marionetten der Agrarindustrie. Die Steuerzahler subventionieren dieses abstruse System jährlich mit rund 50 Milliarden Euro allein aus dem Haushalt der EU.

Die Roten Listen bedrohter Tier- und Pflanzenarten in Europa und weltweit werden länger und länger. Honigbienen, die wichtigsten Nutztiere auf unserem Planeten, finden in den ausgeräumten Landschaften nicht mehr genügend Nahrung; Ursache dafür ist die verfehlte Agrarpolitik.

Transformation tut not, heute, nicht erst morgen. Auf globaler Ebene wird das zunehmend erkannt. Im Weltagrarbericht steht, dass wir den Hunger in der Welt nicht mit den agrarindustriellen Methoden der USA oder der "modernen Landwirtschaft" der EU lösen werden. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2014 zum Jahr der bäuerlichen Landwirtschaft erklärt.

Wir müssen wegkommen von einer Landwirtschaft, die am Tropf des zu Ende gehenden Erdöls hängt. Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur. Nur so werden wir genügend Lebensmittel, Arbeitsplätze im ländlichen Raum und dauerhaft gute Umweltbedingen schaffen.

300 35068
Europa hatte sich einst für eine "multifunktionale Landwirtschaft" entschieden. Doch was ist daraus geworden? (Foto:
Schulze von Glaßer)

Christel Schroeder ist Präsidentin von EuroNatur

Schlagworte: Editorial