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Heft 15: Kultur

Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben. Für die nötige Transformation brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag.
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Heft 15: Kultur

Der Außenseiter

Der Künstler Hermann Josef Hack will den Verlierern der Gesellschaft in Zeiten von Globalisierung und Klimawandel ein Gesicht geben. Zu seinen Kontrahenten gehört auch eine Welt, zu der er selbst ein bisschen gehört: der Kunstbetrieb.

Text: Susanne Schwarz

Auf der Art Cologne im vergangenen Jahr war Hermann Josef Hack ein Kunstwerk. Der 59-Jährige schritt durch die Hallen der Kölner Kunstmesse, bekleidet mit einer weißen Plane, in die er ein Loch für den Kopf geschnitten hatte. Vor seiner Brust baumelte ein Tablet-Gerät. Er selbst redete – für ihn ungewöhnlich – kaum. Da lief eben nur zur Hälfte der Siegburger Künstler Hack, zur anderen Hälfte war er seine eigene Plastik.

BildBeuys-Schüler Hermann Josef Hack. (Foto: Andreas Pohlmann)

An seiner statt sprachen Menschen, die live auf dem Tablet zu sehen waren, und zwar Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in der kleinen Stadt Siegburg zwischen Köln und Bonn, wo Hack mit seiner Frau wohnt. "Sichtkontakt" las man auf Hacks Gewand. Eine Art Beschnuppern zwischen dem Kölner Bürgertum und Geflüchteten.

Wenn Hack davon erzählt, regt er sich ein bisschen auf. Das liegt an den Problemen, die es bei der Genehmigung der Aktion gab – die Kunstmesse wollte sie nicht zulassen. Aus den Hallen wurden Hack und sein künstlerischer Partner Andreas Pohlmann schnell vom Sicherheitspersonal verwiesen. Selbst das Zelt, das Hack vor dem Messegelände sozusagen als Homebase für das Sichtkontakt-Projekt zu nutzen vorhatte, wollte der Veranstalter nicht erlauben. Hack baute es dennoch auf, wieder aus über und über bemalten Kunststoffplanen. Legal, wie er betont. Statt vom Messeveranstalter hatte er sich die Erlaubnis vom Polizeipräsidium geholt – der Platz vor dem Messegelände ist schließlich öffentlich.

Sorry, 2050!

Den Verlierern der Gesellschaft will Hack ein Gesicht geben. Eben zum Beispiel den Flüchtlingen in Siegburg. Für sie hat er zusammen mit Pohlmann eine Kunstakademie gegründet, lernt, spricht und malt mit ihnen. Seit Jahren ist eines seiner großen Themen aber der Klimawandel. "Sorry, 2050" stand groß auf einer der Planen, die Hack 2015 an einen Bauzaun gehängt und vor den Siegburger Bahnhof gestellt hatte. Darunter lagen Blumensträuße. Eine Gedenkstätte für die zukünftigen Opfer der Klimakatastrophe nannte Hack die Installation. Die Kinder von morgen, soll das heißen, können sozusagen schon heute als Verlierer der Gesellschaft gelten.

Richtig wohl fühlt Hack sich in der Kunstszene nicht, ist manchmal gern ihr Außenseiter, ihre Nervensäge. Er echauffiert sich gern, über den Kunstmarkt, über versnobte Galeristen, über "Siegerkunst" von reichen Künstlern für reiche Käufer. Eine Gratwanderung: Zwangsläufig ist er als Künstler ja auch Teil dieser Welt, deren Regeln er leidenschaftlich kritisiert. Den Widerspruch scheint schon sein Äußeres abzubilden. Hacks dunkle Zottelmähne, der Ohrring, manchmal ein locker um den Hals geworfenes Tuch – typisch Künstler eben. Die Sonnenbrille mit den vielen kleinen Strasssteinen bricht damit.

Der freie Radikale

In Interviews oder in seiner Kolumne im Online-Magazin klimaretter.info scheut Hack selten die Konfrontation. Er hat keine Probleme damit, Kollegen oder Galerien, die sich seiner Meinung nach verkauft haben, lautstark zu kritisieren – auch auf die Gefahr hin, eine Ausstellung weniger zu bekommen. Kaum ein Verrat wiegt für ihn schwerer, als wenn die Kunst sich in den Auftrag der Mächtigen stellt.

Auch Hacks Medium, die Zeltplane, fällt aus dem Rahmen. Hack nutzt solche Planen seit Jahren für seine Bilder, nicht nur für das Sichtkontakt-Projekt. Leinwand findet er prätentiös. Die Zeltplanen hingegen, so erzählt er gern, seien lebendiger. Mal hängen sie einfach flach an der Wand, mal baut Hack aus ihnen Zelte, um etwa auf Klimaflucht aufmerksam zu machen, manchmal spielen Kinder in Flüchtlingsunterkünften damit. Außerdem gefällt ihm der Gedanke, dass er durch seine Kunst Abfallmaterial neues Leben einhaucht.

Hacks Leben als Künstler war nicht immer vorgezeichnet. Mit Anfang zwanzig machte er eine Ausbildung zum Verwaltungsbetriebswirt bei der Bundesbahn. In den Neunzigerjahren arbeitete er im Bundesministerium für Forschung und Technologie – immerhin als Kunstbeauftragter.

Jetzt wird Hack oft in eine Reihe mit Joseph Beuys gestellt, dessen Schüler er als ganz junger Mann war. Mit 17 begann Hack, an der Kunstakademie Düsseldorf von dem Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner und Kunsttheoretiker zu lernen. Beuys' Idee der sozialen Plastik hat ihn beeinflusst. Was da aber noch gefehlt habe, sei die globale Perspektive, meint Hack. Ohne die gehe es heute nicht mehr.

BildKämpft gegen Ungerechtigkeit und Kunst, die sich in den Dienst der Mächtigen stellt: Hack. (Foto: Andreas Pohlmann)

Vor einem Vierteljahrhundert hat der Künstler deshalb das "Global Brainstorming Project" gegründet, mit dem er immer wieder Aktionen veranstaltet. Das Projekt fordert dazu auf, Politik und Weltgestaltung kreativ anzugehen – als Kunst. Seine eigene UNO nennt er es gern mit einem Augenzwinkern. Die echten Vereinten Nationen oder das Militärbündnis Nato, die für Frieden in der globalisierten Welt sorgen sollen, hält Hack für festgefahren und ineffektiv. Als Künstler sei es seine Aufgabe, Entwürfe für die Gesellschaft und den Planeten zu haben. Das müssen, findet Hack, keine konkreten politischen Forderungen sein, aber eben Visionen. "Sonst könnte ich mir gleich die Kugel geben."