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Heft 15: Kultur

Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben. Für die nötige Transformation brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag.
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Heft 15: Kultur

Wie lässt sich eine "Kultur des Weniger" gestalten?

Heute gibt es für jedes Problem scheinbar schon eine Lösung, die man kaufen kann. Nur das Gesamtsystem funktioniert nicht. Transformationsdesign bietet einen Ausweg, indem zunächst die Fragen anders gestellt werden. Das Ergebnis kann regelrecht befreiend sein. 

Text: Harald Welzer und Bernd Sommer

Bei Manufactum, aber auch bei Gardena gibt es noch sogenannte handbetriebene Spindelrasenmäher, die besonders für kleinere Rasenflächen bis etwa 500 Quadratmeter gut geeignet sind. Das Manufactum-Modell kommt aus den USA und wird seit ungefähr 100 Jahren weitgehend unverändert produziert. Es kostet knapp 200 Euro und geht nie kaputt, weil an ihm nichts kaputtgehen kann. An notwendigem Service ist alle paar Jahre ein Schleifen der Messer erforderlich, sonst nichts.

In deutschen Gärten und Vorgärten ist so ein Rasenmäher heute ein exotisches Gerät. Selbst in Reihenhaussiedlungen mit handtuchgroßen Rasenflächen wird elektrisch oder mit Benzinmotor gemäht, und in der Regel hat jeder Gartenbesitzer seinen eigenen Rasenmäher dafür. Zeitersparnis bringt das keine; die zu mähende Fläche bleibt ja dieselbe, die Benzinmäher brauchen Treibstoff und Wartung, elektrische Rasenmäher Strom und sorgfältigen Umgang mit dem Kabel. Aufwendige Reinigungen erfordern beide. Die Mäher selbst brauchen mehr Platz zum Abstellen, und ihre Lebensdauer ist, besonders im Vergleich zum unzerstörbaren Spindelmäher, vergleichsweise begrenzt. Zudem produzieren sie erheblichen Lärm und natürlich CO2-Emissionen. Schließlich: Dem Rasen bekommt die Rasur mit dem Spindelmäher besser, da der Schnitt anders und pflanzenschonender erfolgt.

Kurz: Alles, was nach dem Spindelmäher erfunden und auf den Markt gebracht wurde, bringt für den durchschnittlichen Klein- oder Vorgartenbesitzer nur Nachteile. Gleichwohl ist der Marktanteil der handbetriebenen Mäher verschwindend gering, die Leute kaufen lieber die, die ihnen jede Menge Nachteile einbringen.

Wenn man im eigenen Garten mit dem Spindelmäher arbeitet, erlebt man denn auch regelmäßig den Tom-Sawyer-Effekt. Interessierte Nachbarn stehen am Gartenzaun und fragen spöttisch, was das denn sei – so was habe man ja schon lange nicht mehr gesehen. Die Antworten kann man beliebig variieren: von "der ist emissionsfrei" über "der macht keinen Lärm" bis hin zu "ist jetzt das Neueste, mäht besser als die elektrischen" ist alles geeignet, um die nachbarliche Neugier weiter zu steigern. Von da ist es nicht mehr weit bis zu der Frage: "Darf ich mal probieren?" – und schon sehen Sie den Nachbarn Ihren Rasen mähen. Mit dem Spindelmäher.

Fertige Antworten auf nicht gestellte Fragen

Was zeigt dieses Beispiel an Grundsätzlichem in Sachen Transformationsdesign – wenn es also um die Gestaltung des sozial-ökologischen Wandels geht? Es zeigt, dass der Mitteleinsatz zunächst von der Antwort auf die Frage abhängt, welches Ziel man erreichen möchte. Das ist im Rasenmäher-Beispiel leicht zu beantworten: Ziel ist ein schonend gemähter Rasen. Das Erreichen dieses Ziels lässt sich mit einer einmaligen Investition, einem Materialeinsatz von zehn Kilo Metall und Kunststoff und einem überschaubaren Körpereinsatz dauerhaft sicherstellen. Vom leichten körperlichen Ertüchtigungseffekt haben wir dabei noch gar nicht gesprochen.

Aber auch in anderen Fällen würde die Antwort ähnlich einfach ausfallen. Wenn beispielsweise eine Raumüberwindung, sagen wir, von Berlin nach Essen ansteht, dann kann man sich in einen Zug der Deutschen Bahn setzen und das Ziel in etwa dreieinhalb Stunden erreichen. Man kann aber auch fliegen, was weniger als eine Stunde reine Flugzeit erfordert. Leider befindet sich der Flughafen aber in Düsseldorf, was einen Transfer nach Essen nötig macht. Auch in Berlin ist der Flughafen nicht so einfach zu erreichen wie einer der sechs Bahnhöfe, was zusätzliche Zeit und Aufwand erfordert. In der Regel benutzen die Fluggäste für die Transfers ein privates Auto, einen Mietwagen oder ein Taxi. So schafft niemand – die Wartezeiten, Sicherheitskontrollen, Ein- und Aussteigezeiten et cetera eingerechnet – eine kürzere Reisezeit als dreieinhalb Stunden für diese Strecke. Trotzdem verzeichnen die Fluggesellschaften seit Jahren steigende Passagierzahlen, die Leute bevorzugen also die schlechtere und vor allem ökologisch hoch problematische Mobilitätsform.

Warum? Weil die Leute vergessen haben zu fragen, für welche Aufgabe ihre Konsumentscheidung eine Lösung sein soll. Dass sie das vergessen, ist wiederum einfach zu erklären: weil moderne Infrastrukturen immer schon Lösungen für Aufgaben konventioneller Art bereitstellen. Das komplette Universum der Konsum- und Mobilitätsangebote bildet ein stets verfügbares Archiv von Antworten auf Fragen der unterschiedlichsten Art – was man essen, wie man sich kleiden, wie man sich bewegen, was man sehen soll. In dieser Dauerverfügbarkeit voreingestellter Antworten geraten, wie in den beiden Beispielen, die Fragen, die man ursprünglich hatte, völlig in den Hintergrund.

Man befindet sich, anders gesagt, chronisch in einem Universum von Antworten, ohne dass man noch wüsste oder sich erinnern könnte, was eigentlich die zugehörige Frage gewesen ist. Das ist es, was konventionelles Design leistet: permanent neue Antworten auf Fragen zu geben, die nicht mehr eigens formuliert zu werden brauchen.

Nichtstun kann die beste Lösung sein

Transformationsdesign geht demgegenüber davon aus, dass die Frage das Entscheidende ist: Welches Ziel möchte ich erreichen, was sind die dafür erforderlichen Mittel? Mögliche Antworten darauf schließen ein, dass man sogar das Ziel selbst infrage stellt: Muss man tatsächlich nach Essen? Muss der Rasen im Garten so kurz sein wie das Grün in Wimbledon oder auf dem Golfplatz? Transformationsdesign setzt also nicht bei der Lösung an, sondern bei der Definition der Frage, die in der Praxis auftaucht. So könnte die Antwort auf die Frage nach der bestmöglichen Lösung für eine Platzgestaltung sein: Man lässt den Platz, wie er ist. Oder die Antwort auf die Frage nach der bestmöglichen Reiseverbindung: zu Hause bleiben.

Transformationsdesign ist also zunächst nichts anderes als die Anwendung von moralischer Fantasie und moralischer Intelligenz und muss sich keineswegs in eine Form von Produktion und Produkt übersetzen. Sein Ergebnis kann im Handeln oder auch im Nicht-Handeln bestehen. Soziale und individuelle Prozesse von möglichen Frage- und Antwortstellungen gehen dem jeweiligen Ergebnis immer voraus.

Im konventionellen Design ist die Reihenfolge genau umgekehrt: Das Ergebnis ist auf alle Fälle ein Produkt, die Frage bleibt lediglich, wie ich es gestalte. In diesem Sinn ist konventionelles Design moralisch und sozial obdachlos, weshalb es auch nicht problematisiert, dass es in der Regel mit einer Aufwandserhöhung einhergeht. Transformationsdesign strebt dagegen nach dem kleinstmöglichen Aufwand. Dieser kann auch bei null liegen. Transformationsdesign setzt nicht bei Produkten an, sondern bei der kulturellen Produktion und Reproduktion.

Konsumkulturen sind nicht krisensicher

Transformationsdesign ist also etwas anderes als nur das Design von Artefakten – seien es Produkte, Mobilitätsinfrastrukturen, Häuser oder Städte. Es betrifft die Veränderung kultureller Praktiken des Gebrauchs von Energie, Stoffen und Produkten und damit auch soziale Kategorien wie Kommunikation, Handel, Konsum, Versorgung. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Transformationsdesign auch mit der Geschichte solcher Praktiken, denn ihre kulturelle Entstehung und Entwicklung beschreibt zugleich die Potenziale ihrer Veränderbarkeit.

Durch die enorme Ausweitung von Strukturen wechselseitiger Abhängigkeiten sind zeitgenössische Gesellschaften zusätzlich störanfällig geworden. So gelten etwa Verkehrs- und Energieinfrastrukturen als "kritische Infrastrukturen", weil zahlreiche weitere gesellschaftliche Funktionen von ihnen abhängen. Eine Störung an einem Punkt dieses Abhängigkeitsgeflechts vibriert dann durch das gesamte System.

Kulturen der Fremdversorgung befriedigen Bedürfnisse aller Art durch Konsumangebote, deshalb tendieren sie dazu, die Menge der angebotenen und gekauften Artikel durch die Schaffung immer neuer Bedürfnisse beständig auszuweiten. Das erhöht nicht nur den Material- und Energieverbrauch und die Müllberge, es verringert auch die Resilienz, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen. Die Produkte gewinnen Herrschaft über ihre Nutzer.

Umgekehrt wird ein nachhaltiges Design nicht nur die erforderlichen Material- und Energiemengen verringern, sondern zugleich die Autonomie der Menschen vergrößern. Transformationsdesign bekommt damit eine zivilisatorische Aufgabe, ganz im Sinn der klassischen Aufklärung: Es dient der Ermöglichung von Mündigkeit. Man könnte auch sagen: Es ist emanzipatives Design.

BildSein Nachfolger verbraucht ein Vielfaches an Ressourcen und gilt trotzdem als besser. Oder deswegen? (Foto: Rafael Castillo/​Flickr)

Harald Welzer ist Sozialpsychologe und Leiter des Forschungsschwerpunkts KlimaKultur am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Bernd Sommer ist Soziologe und Leiter des Bereichs "Klima, Kultur und Nachhaltigkeit" am Norbert Elias Center for Transformation Design & Research (NEC) der Europa-Universität Flensburg. Der Text ist ein Auszug aus ihrem Buch "Transformationsdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne", Oekom Verlag, München 2016