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Heft 15: Kultur

Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben. Für die nötige Transformation brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag.
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Heft 15: Kultur

Attraktive Bilder einer neuen, friedlichen Kultur

Endzeiterzählungen haben immer ihre Anhänger. Ihre neuerliche Häufung zeigt aber die Krise unseres Wirtschafts- und Lebensmodells. Wir brauchen auch Erzählungen von einer naturverträglichen, kooperativen Praxis.

Text: Johano Strasser

Wieder einmal wie schon so oft in der Geschichte der Menschheit verstärkt sich heute das Gefühl, in einer Endzeit zu leben. Wird uns womöglich, fragen sich viele Menschen, jetzt die Rechnung präsentiert für die Zerstörung der Biosphäre, für die achtlose Verschwendung des über viele Jahrmillionen angesammelten Naturkapitals, für die Missachtung der Lebensinteressen der Mehrheit der Weltbevölkerung, für die leichtfertige Überschreitung von Grenzen des Verantwortbaren? Müssen wir nun bezahlen für das, was wir in unserer Hybris, in unserer Maßlosigkeit und in unserem Machtrausch angerichtet haben?

Lars von Trier hat vor einigen Jahren diese bange Stimmung in seinem Film Melancholia in bedrückende Bilder gefasst. Am Ende kommt über die verängstigten Menschen, die nach einer Hochzeitsfeier in einem prächtigen Schloss zurückbleiben, ein allen heilsgeschichtlichen Sinns beraubtes apokalyptisches Geschehen: Ein Planet namens Melancholia droht mit der Erde zu kollidieren und auf einen Schlag alles höhere Leben zu vernichten. Die "Lösung", die der Film – vermittelt durch die depressive Schwester der Hausherrin – suggeriert, lautet: Lasst ab von der hektischen Suche nach Auswegen, fügt euch in das Unvermeidliche!

Die Hellsicht des verdunkelten Gemüts, das alte Kassandra-Motiv, hat immer seine Anhänger gehabt. Heute taucht es in Filmen und Büchern vermehrt wieder auf. Filme, die den Weltuntergang zum Thema machten, wurden in größerer Zahl zuerst in den 1950er Jahren in Hollywood gedreht, damals zumeist unter dem Eindruck des atomaren Wettrüstens und des Ost-West-Konflikts. Heute sind es neben Phantasien über die Invasion der Erde durch Außerirdische und Schreckensbildern eines weltweiten atomaren Krieges oft ökologische Katastrophen, die zu apokalyptischen Szenarien ausgemalt werden, so zum Beispiel in Cormac McCarthys Roman Die Straße, der im Jahr 2009 auch verfilmt wurde, oder in Roland Emmerichs Horrorfilm The Day After Tomorrow von 2004.

Inzwischen gibt es eine größere Zahl von sogenannten postapokalyptischen Dystopien, düstere Szenarien des mühsamen Überlebens in einer Welt, in der eingetreten ist, wovor Wissenschaftler und Intellektuelle wortreich gewarnt hatten, was sie aber nicht verhindern konnten – von Reinhard Jirgls Roman Nichts von euch auf Erden (2012) bis zu Heinz Helles Eigentlich müssten wir tanzen (2015).

Pessimismus kann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden

Auch wenn die allermeisten Menschen, die solche Bücher lesen und sich solche Filme anschauen, auch weiterhin ein ganz normales Leben führen, sich jedenfalls nicht zu einer radikalen Umkehr aufgerufen fühlen oder in tiefe Melancholie versinken, ist es vielleicht doch nicht ganz falsch, in der auffällig großen Zahl von Weltuntergangsdramen einen Ausdruck der Krise unseres Wirtschafts- und Lebensmodells zu sehen. Umstritten ist, ob sie auf der Basis und mit den Mitteln der Vernunft zu lösen ist oder ob es sich hier auch um eine Krise der Vernunft selbst, besser: einer spezifischen, eingeengten Variante der westlichen Rationalität handelt.

Insgeheim, so ist zu vermuten, halten auch manche Menschen, die im Alltag relativ zuverlässig und angstfrei funktionieren, es für möglich, vielleicht sogar für wahrscheinlich, dass die Zerstörung der Umwelt, der Verfall der westlichen Kultur, das Abrutschen in einen Zustand totaler Überwachung, dass eine lange, womöglich finale, Phase von Terror und Krieg nicht mehr abgewendet werden kann.

Dass die meisten Menschen sich von gelegentlichen Zukunftsängsten dennoch nicht überwältigen lassen und im praktischen Leben, manchmal sogar entgegen ihren eigenen innersten Überzeugungen, zuversichtlich bleiben, sollte man ihnen nicht als Dummheit oder mangelnde Aufrichtigkeit ankreiden. Denn Pessimismus, auch wenn er gut begründet erscheint, erst recht ein latent apokalyptisches Verständnis der Gegenwart kann die Kräfte, die zur Abwehr der Gefahren gebraucht werden, lähmen und verwandelt sich leicht in eine self-fulfilling prophecy.

Aber die Zerstörung der Biosphäre ist kein unabwendbares Schicksal. Sie lässt sich verhindern, wenn die an unserem kulturellen Selbstverständnis Arbeitenden die Kraft finden, nicht nur vor der Apokalypse zu warnen, sondern auch attraktive Bilder einer neuen, friedlichen Natur und einer sie mit der menschlichen Kultur versöhnenden Wirtschafts- und Lebensweise zu schaffen – und wenn daraus eine kooperative Praxis erwächst.

22471450531 aebe117736 zAus der Freiheit der Kunst erwächst auch Verantwortung. (Foto: Matt Gibson/​Flickr)

Johano Strasser ist Politologe, Publizist und Schriftsteller. Es war ab 1995 Generalsekretär und dann bis 2013 Präsident des deutschen PEN-Zentrums