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Heft 15: Kultur

Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben. Für die nötige Transformation brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag.
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Heft 15: Kultur

"Es gibt keine Stücke zu Umweltzerstörung"

Die Abwesenheit ökologischer Themen in deutschen Theatern ist durchaus verständlich, sagt der Schauspieler Ulrich Matthes. Im Theater geht es um Zwischenmenschliches, um Macht, Gewalt und Liebe. Zur Auseinandersetzung mit der Natur eigen sich Prosa oder Film.

BildUlrich Matthes. (Foto: M. Krefting/​9EkieraM1/​Wikimedia Commons)

Herr Matthes, Sie spielen gerade in "Der Mensch erscheint im Holozän" von Max Frisch am Deutschen Theater in Berlin. Welche Rolle spielt darin die Natur?

Ulrich Matthes: Ich spiele Herrn Geiser, der die Natur aufgrund seines fragilen Geisteszustandes hochintensiv erlebt. Die Natur schützt und bedroht ihn zugleich. Es geht um einen Erdrutsch, der sich vermutlich im Tessin ereignet, denn das Stück ist nahe an Frischs Biografie. Das Tal ist dadurch von der restlichen Welt abgeschnitten und der Erzähler reagiert hoch angespannt – weil er sich eben selbst in einer Art persönlicher Apokalypse befindet. Es ist aber eigentlich nicht die Natur, die ihm Angst macht, sondern seine beginnende Demenz.

Der Mensch als verlorenes Wesen in der Natur ist ja seit Büchners "Lenz" ein starkes Motiv: Warum greift Frisch so einen Stoff auf?

Frisch hat selbst in einem Tal im Tessin gelebt. Er selbst hat die Natur in ihrer Schönheit und in ihrer Bedrohlichkeit immer wieder erfahren und beschrieben. Und es geht natürlich um den Geisteszustand von Herrn Geiser. Denn der Erdrutsch ist zwar eine starke Änderung der Umwelt, aber auch keine Katastrophe wie beispielweise ein Erdbeben. Geiser hat genug Konserven und kann sich eigentlich in dieser Isolation einrichten – aber es fällt ihm schwer, eben aufgrund seiner inneren Aufgewühltheit.

Sind dramatische Stoffe, in denen die Natur eine wichtige Rolle spielt, eher die Ausnahme?

Es geht im Theater meist um die zwischenmenschlichen Dinge. Es geht um Macht, Ausüben von Macht, Gewalt und Liebe. Ich glaube die Natur ist eher in der Prosa zuhause – auch weil man sie da genauer beschreiben kann. Theater hingegen arbeitet eher mit Bildern. Ein Beispiel für ein starkes Naturverständnis ist Thomas Bernhard, mit dem ich mich viel beschäftigt habe.

Ist das Thema Natur für das Theater zu kompliziert?

Auch Gewalt und Liebe sind kompliziert. Ich glaube eher, dass sich das Medium nicht dafür eignet. Anders als der Film zum Beispiel.

Siegfried Lenz hat die Natur und das Problem der Selbstvernichtung der Menschheit in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels thematisiert.

Das war auch ein Prosaschriftsteller. Aber für das Theater eignet sich die Ökologie nicht wirklich oder es hat sich noch keiner rangetraut.

Aber sind Klimawandel oder Umweltzerstörung nicht genauso aktuell wie die Flüchtlingsfrage, die ja sehr stark aufgegriffen wird?

Ja, aber die Stücke muss ja irgendwer schreiben. Und ich glaube, neben der mangelnden Darstellbarkeit auf der Bühne ist auch das Interesse der meisten Dramatiker an Fragen der Natur einfach sehr gering. Die Autoren kümmern sich eher um die Flüchtlingsfrage oder den Rechtspopulismus. Dazu kann man direkter Einfluss nehmen und sich ausdrücken – das finde ich auch verständlich.

Liegt es vielleicht auch daran, dass es beim Umweltschutz schnell um den moralischen Zeigefinger geht?

Jeder weiß heute, dass die ökologische Frage wichtig ist. Mittlerweile kümmern sich ja alle Parteien um ökologische Belange. Aber Sie sehen es an der Schwäche der Grünen: Das Thema zieht gerade nicht – vor allem bei den Kreativen.

Vielleicht sind es Dimensionen, die wir heute, wo das kurzfristige Denken im Vordergrund steht, einfach schwer begreifen?

Ja, Sie sehen es an der Zwei-Grad-Diskussion beim Klimawandel: Es bleibt letztendlich eine abstrakte Zahl. Und man muss auch gar nicht so weit gehen: Ich lebe in einem bürgerlichen Wohnhaus und verzweifle an der Mülltrennung. Viele schmeißen ihre Apfelsinenschalen ins Papier und die Flaschen in den Bioabfall – und diese Inkonsequenz vieler Leute in ihrem Alltag zeigt: Der Mensch ist nicht das idealste Tier ...

Sind Sie ein Naturmensch?

Ich bin in der Stadt, hier in Berlin aufgewachsen. Aber wir hatten hinter unserem Wohnblock einen riesigen, völlig unberührten Garten mit Obstbäumen. Daran denke ich noch heute mit großer Sentimentalität zurück.

Ulrich Matthes ist Schauspieler am Deutschen Theater. Er erhielt den Grimme-Preis und den Faust-Theaterpreis und wurde zweimal zum Schauspieler des Jahres gewählt