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Heft 15: Kultur

Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben. Für die nötige Transformation brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag.
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Heft 15: Kultur

Klimaerwärmung ist ein Kultur- und Naturthema

Bislang hält sich der Kulturbereich aus Umweltdebatten meist heraus. Angesichts von Herausforderungen wie dem Klimawandel ist das unverantwortlich. Ein Plädoyer für die Partnerschaft von Umwelt- und Kulturverbänden.

Text: Olaf Zimmermann

Die Einflüsse der menschlichen Kultur auf die Natur, also unsere Umwelt, sind unübersehbar und kaum ein Fleckchen der Erde bleibt von ihnen verschont. Trotzdem machen wir gerne einen Unterschied zwischen einer vermeintlichen natürlichen Umwelt und einer unnatürlichen, also von Menschen beeinflussten Umwelt. Bei dem Wort "natürlich" assoziieren wir sofort "ursprünglich", "unberührt", "rein", "sauber", also zumindest nicht künstlich. Doch dieses Ideal von natürlicher Natur ist eine Fiktion. Überall, wo die menschliche Kultur ihre Spuren hinterlassen hat, ist die vermeintliche Unberührtheit dahin. Heute sind diese menschlichen Kulturspuren in den tiefsten Tiefen der Meere, auf den höchsten Bergen und sogar im "ewigen" Eis zu finden.

"Schuld" daran ist die menschliche Natur. Wir wollen unsere Umwelt kultivieren. Kultur, vom lateinischen cultura für "Bearbeitung", "Pflege", "Ackerbau", bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt. Aber nicht als Selbstzweck, sondern als notwendige Maßnahme, um in der Umwelt überleben zu können.

Die Vorstellung gerade von Umweltschützern, dass mit weniger kultureller Beeinflussung die Natur "besser", weil "unberührter" sei, ist aus der Sicht eines Menschen eher eine akademische denn eine praktische Frage. Ohne Zweifel wäre die Natur ohne das Wirken des Menschen nicht Kultur, vielleicht auch "schöner", aber der Mensch könnte in ihr nicht leben. So weit geht dann die Naturliebe auch des größten Umweltschützers wohl doch nicht.

Trotzdem beschreiben die Begriffe Kultur und Natur in den gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte mehr Gegensätze als Gemeinsamkeiten. Diejenigen, die sich für die Natur einsetzten, und diejenigen, die sich für die Kultur einsetzten, standen sich oft wie feindliche Brüder gegenüber. Doch ist dieser alte Gegensatz noch zeitgemäß?

Denn wenn es die unberührte Natur nicht mehr gibt, dann ist alles um uns herum Kulturnatur oder Naturkultur. Das bedeutet aber gerade nicht, dass der Mensch keine Verantwortung für seine Umwelt hätte. Gerade weil er der universelle Gestalter ist und obwohl er diese Gestaltung auch nicht einfach abstellen kann, ist er für sein Tun, also die Art und Weise der Gestaltung mit all ihren Auswirkungen, verantwortlich. Er trägt Verantwortung für das Artensterben, die Erderwärmung und den Raubbau an den Naturschätzen.

Kultursprünge durch Klimaänderungen

Das Klima ist ein gutes Beispiel für die Dualität von Kultur und Natur. Unsere kulturelle Entwicklung ist maßgeblich vom Klima gestaltet worden. Das Römische Reich konnte sich vor mehr als zweitausend Jahren leichter ausdehnen, als die Alpenpässe wegen der Klimaerwärmung auch im Winter nutzbar wurden. Fast tausend Jahre später zerstörten nach einer deutlichen Abkühlung Gletscher viele römische Straßen in den Alpen und beschleunigten den Untergang des Römischen Reiches. Nord- und Nordwesteuropa wurden wegen der Klimaänderung zu dieser Zeit von Hungersnöten heimgesucht, die, so glauben Wissenschaftler, den Anstoß für die Völkerwanderung, einem fundamentalen kulturellen Aufbruch, gaben.

Später lösten Erwärmungen im Osten Dürreperioden aus, die den Handel der damaligen Zeit nachhaltig schädigten und höchstwahrscheinlich auch zur Zerstörung der Seidenstraße führten. In Nordeuropa wirkte sich die Erwärmung dagegen überwiegend positiv aus. Es wurde grüner, Landwirtschaft wurde auch in Höhenlagen möglich. Die steigende landwirtschaftliche Produktion ermöglichte die Versorgung einer wachsenden Bevölkerung und den Ausbau von Handel und Gewerbe.

Die kleine Eiszeit beendete diese kulturelle Aufwärtsbewegung. Die Pest und der Hunger hatten Europa fest im Griff. Der religiöse Fundamentalismus, auch eine Kulturerscheinung, nahm damals dramatisch zu. Kriege waren an der Tagesordnung. Flucht war oftmals die einzige Rettung.

Seit 150 Jahren erwärmt sich das Klima wieder. Dieses Mal ist der Mensch nicht nur Opfer oder Nutznießer dieser Entwicklung, sondern er ist selbst mitverantwortlich für diese Veränderung. Schon jetzt zeigen sich die Wirkungen weltweit. Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien schlug im März dieses Jahres Alarm. In Afrika und Asien drohen 20 Millionen Menschen zu verhungern. Gründe sind Krieg, Vertreibung, Missmanagement, aber auch der Klimawandel.

Wirbelstürme, Hitzewellen, Überschwemmungen und andere Extremereignisse werden weltweit zunehmen. Immer mehr Menschen werden vor den Umweltkatastrophen flüchten, besonders innerhalb Afrikas und Asiens, auch nach Europa. Parasiten und tropische Krankheiten werden sich auch in Mitteleuropa ausbreiten. Die Klimaänderung hat unsere Kultur verändert und wird sie auch in der Zukunft massiv prägen.

Umweltfragen als Kulturfragen neu bewerten

Die gerade stattfindende Erderwärmung, die wir Menschen zumindest stark mitbefördern, wird keinen kulturellen Segen bringen. Die Zahlen liegen auf dem Tisch, die Notwendigkeit eines schnellen Gegensteuerns ist eigentlich unumgänglich. Warum passiert trotzdem so wenig?

  • Weil die Klimaerwärmung nicht als Kulturthema, sondern nur als Naturthema gesehen wird.
  • Weil es versäumt wurde, Umweltbildung als essenziellen Teil der kulturellen Bildung und umgekehrt zu verstehen.
  • Weil es zugelassen wurde, dass Kultur und Umwelt als ein Gegensatz wahrgenommen werden, statt sie als Einheit zu verstehen.

Was bedeutet das für einen Kulturverband wie den Deutschen Kulturrat? Es ändert die bislang schön aufgeteilten Verantwortlichkeiten. Die einen kümmern sich um die Natur, die anderen um die Kultur. Die einen sind Naturwissenschaftler, die anderen Kulturwissenschaftler, die einen sind Umweltpolitiker, die anderen sind Kulturpolitiker, die einen engagieren sich in Umweltverbänden, die anderen in Kulturverbänden.

Bislang hat sich der Kulturbereich aus Umweltthemen weitgehend herausgehalten. Doch wenn man sich Herausforderungen wie die Klimaerwärmung anschaut, muss man erkennen, wie unverantwortlich das ist. Da in diesem Jahr die Weltklimakonferenz in Bonn stattfindet, besteht die Chance, Umweltschutzfragen als Kulturfragen gemeinsam neu zu bewerten. Wir, Umwelt- und Kulturverbände, sollten die Chance dazu nutzen.

transmediale 09 Beyond the End The Polar Project by Charly Niejensohn flickrDer Mensch als Teil der Natur: "Beyond the End – The Polar Project" von Charly Nijensohn auf der transmediale.09 in Berlin. (Foto: Jonathan Gröger/​transmediale/​Flickr)

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Dem Spitzenverband gehören 257 Bundeskulturverbände an