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Heft 15: Kultur

Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben. Für die nötige Transformation brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag.
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Heft 15: Kultur

Drei Fragen zu Kultur und Transformation

Ohne kulturellen Wandel gibt es keinen sozial-ökologischen Wandel, aber Kultur lässt sich nicht instrumentalisieren, sagt der Ökonom und frühere Umweltbundesamts-Chef Andreas Troge. Der Schriftsteller und Umweltaktivist Jörg Sommer beklagt außerdem ein "kollektives gesellschaftspolitisches Koma" der deutschen Kulturszene.

Herr Troge, Herr Sommer, eine sozial-ökologische Transformation braucht die Kultur, um die Herausforderung des Wandels mehrheitsfähig zu machen. Wie kann Kultur dieser Aufgabe gerecht werden?

BildAndreas Troge: Indem sie nicht als veranstaltete Kunst, also als Funktionsbereich, wahrgenommen wird und nicht als Singular, sondern als Plural. Die Kulturen, jeweils verstanden als voneinander im einzelnen unterscheidbare Werte, Gebräuche und Sprachen, bewähren sich verschieden im Umfang und in der Geschwindigkeit, mit denen sie Anpassungen an eine sozial-ökologische Transformation erlauben. Weil sich kulturelle Änderungen zumindest beim Menschen schneller vollziehen können als genetische, liegt im kulturellen Wandel eine notwendige Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung.

BildJörg Sommer: Der nötige sozial-ökologische Wandel braucht viele Akteure. Ich freue mich, dass sich hier in den vergangenen Jahren zwischen traditionell eher ökologisch ausgerichteten Strukturen und den sozialen Bewegungen eine intensivere Kommunikation und Kooperation entwickelt hat – ich erinnere nur an den großen Transformationskongress 2012 von Umweltverbänden, Kirchen und Gewerkschaften.

Die Kulturszene spielt in dieser Zukunftskoalition in der Tat bislang nur eine marginale Rolle. Die Gründe dafür sind vielschichtig und liegen auch im Strukturwandel der Kulturlandschaft begründet, die sich überall mit einem hohen Kommerzialisierungsdruck konfrontiert sieht, der natürlich massiv entpolitisiert. Als Mitglied des Schriftstellerverbandes VS beobachte ich diese Entwicklung im eigenen Verband seit Jahren mit Sorge.

Das mag auch dazu beigetragen haben, dass auf Seiten der ökosozialen Akteure wenig Erwartungen vorherrschen. Im neuen "Transformationsatlas" des Deutschen Naturschutzrings DNR, der sich bemüht, möglichst umfassend Projekte und Angebote zur sozial-ökologischen Transformation zu präsentieren, gibt es zehn Rubriken – der Bereich Kultur ist überhaupt nicht darunter.

Wir sehen also auf der Seite der Kultur wenig Entwicklungen und bei den bekannten Akteuren der sozial-ökologischen Transformation entsprechend wenig Erwartungen ...

An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, damit die Kultur zu einem wichtigen Vorreiter und Medium der "Postwachstumsgesellschaft" wird?

Jörg Sommer: Aus meiner Sicht ist es keine Frage von "Stellschrauben", sondern es braucht eine grundlegende Erneuerung des erstarrten Kulturverwaltungsbetriebes. Da setze ich sehr auf die junge Generation Kulturschaffender, die tatsächlich überwiegend einen transformatorischen Anspruch lebt. Es gibt zahlreiche Kulturprojekte und -initiativen mit sozial-ökologischem Ansatz, allerdings fast ausschließlich unabhängig von den herkömmlichen Kultur- und Kulturförderinstitutionen.

Die sozial-ökologische Bewegung, und da schließe ich ausdrücklich neben der Ökologiebewegung auch die sozialen Akteure, die Kirchen und besonders die Gewerkschaften ein, sollten ihre ehemals erheblich umfangreicheren kulturpolitischen Aktivitäten wieder intensivieren und den Kontakt zu diesen – oft unorganisierten – Projekten suchen, sie unterstützen, fördern und den inhaltlichen Diskurs suchen. Das wird letztlich auch nicht ohne Wirkung auf den etablierten Kulturbetrieb bleiben, den die Transformateure ebenfalls weit stärker als bisher ansprechen und herausfordern sollten. Lasst uns damit beginnen, den "Transformationsatlas" auch um die zahlreichen spannenden Kulturprojekte und -akteure zu ergänzen. Denn wir wissen: Am Ende ist die sozial-ökologische Transformation vor allem auch ein kultureller Wandel.

Andreas Troge: Für Kulturen gibt es keine "Stellschrauben", denn Kulturen sind keine bewusst gestalteten Konstrukte, sondern sich laufend an die aktuellen Herausforderungen anpassende Werte, Verhaltensmaximen sowie Verhaltensweisen. Es gibt sozusagen nur Bojen oder Seezeichen, die politisch zu setzen sind und eine Fahrrinne der akzeptablen Naturbelastung beschreiben, in der sich die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zukünftig halten muss. Wo diese Bojen zu verankern sind, ist selbst eine wertbehaftete Entscheidung, speziell die Abwägung zwischen dem heutigen Nutzen und den Schäden am Naturvermögen morgen und übermorgen.

Warum tun sich die etablierten Kultureinrichtungen schwer, die ökologischen Herausforderungen zu bearbeiten?

Andreas Troge: Weil Geschichten zwischen und über Menschen interessanter sind als solche, in denen es um Menschen und die übrige Natur oder um diese Natur alleine geht. Unsere natürlichen Lebensgrundlagen erscheinen im "Kulturbetrieb" meist als apokalyptische Szenarien ohne Auswege mit unserem Handeln. Was ist also gefordert? Ich meine, es geht darum, den Satz "Jeder kehre vor seiner eigenen Tür" zur Maxime staatlicher Nachhaltigkeitspolitik zu machen – zum Beispiel: Was gesetzlich vorgeschrieben ist, muss der Staat auch kontrollieren und Verstöße müssen sanktioniert werden. Ohne diese notwendige Bedingung haben die Kulturen keine Bojen!

Jörg Sommer: Die deutsche Kulturszene ist nach einem Zwischenhoch im Zuge der hochproduktiven "Durchmischung" von ost- und westdeutscher Kulturlandschaft durch die deutsche Einheit Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zwischenzeitlich in ein kollektives gesellschaftspolitisches Koma gefallen.

BildDass Kunst sich bewusst in die Politik einmischt, ist selten geworden: "Welt-Klimakonferenz" am Hamburger Schauspielhaus. (Foto: Schauspielhaus Hamburg)

Der Wahlkampf des aktuellen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz – als ehemaliger Buchhändler immerhin nicht ganz kulturfern – wird in seiner Wirkung gerade auf junge Menschen gerne mit den erfolgreichen Kampagnen Willy Brandts in den 1960er/70er-Jahren verglichen. Damals waren es jedoch gerade die Intellektuellen und Kulturschaffenden, die am Paradigmenwechsel in der deutschen Politik großen Anteil hatten. Wo sind diese Stimmen heute?

Zu allen Zeiten hat sich der Wert von Kultur auch daran bemessen, was sie zu den Herausforderungen der Zukunft zu sagen und beizutragen hatte. Kultur – und damit auch die kulturellen Institutionen – sollen unterhalten, aber auch herausfordern, verstören, provozieren und Auseinandersetzungen forcieren. Die unwürdigen Geschehnisse um die Zukunft des Berliner Ensembles nach dem Dienstende von Intendant Claus Peymann sind da nur ein – wenn auch nicht untypisches – Beispiel. Ich fürchte, ohne eine sozial-ökologisch inspirierte "Kulturrevolution" werden wir die deutsche Kulturlandschaft nicht aus dem Koma wecken können.

Andreas Troge ist Wirtschaftswissenschaftler und war von 1995 bis 2009 Präsident des Umweltbundesamtes. Jörg Sommer ist Schriftsteller und Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung

Interview: Susanne Götze