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Heft 15: Kultur

Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben. Für die nötige Transformation brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag.
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Heft 15: Kultur

Editorial

Ökologen sehen den Menschen meist als Störer einer sich im Gleichgewicht befindenden Natur. Doch im Zeitalter des Menschen hebt sich der Gegensatz von Kultur und Natur auf. Der Mensch muss sich als integrativer Bestandteil der heutigen Natur auffassen.

Text: Kai Niebert

Die Aufklärung war der Versuch einer Emanzipation des Menschen von der Natur. Fortschritt verhieß Kontrolle über die Natur und die Unwägbarkeiten des Lebens. In dieser Idee steckte die Hoffnung, die ungezähmte Natur durch die kulturelle Vernunft zu ersetzen. Die große Hoffnung auf eine rational begründete Gesellschaft, wie sie Gottfried Leibniz Ende des 17. Jahrhunderts beschrieb, grub sich tief in unserer Kultur ein.

Es entstand ein Naturbild, in dem der Mensch der Gute und die Natur das Böse war. Francis Bacon gab dem Menschen die Aufgabe, die Natur zu besiegen, für René Descartes waren Entdeckungen siegreiche Schlachten gegen die Natur. Das Problem dieses Weltbildes liegt in seiner Wirkung: Die großen Umweltkrisen der Gegenwart, vom Klimawandel über das Artensterben bis zur Überdüngung, sind im Kern das Ergebnis der falschen Entgegensetzung Mensch versus Natur. Die Debatten um die massiven, globalen Umweltverschlechterungen zeigen, dass dieser Gegensatz so nicht mehr lange lebbar sein wird.

Während unsere Umwelt immer menschengestalteter wird, sehnen wir uns zurück in die Natur, ins Natürliche. Das Natürliche sind dabei in der Regel Gärten, Parks, allenfalls eine Wanderung über saftige Almwiesen. Das Adjektiv natürlich ist wegen des überall auf der Erde spürbaren Einflusses des Menschen jedoch irreführend. Bei dem Wort natürlich assoziieren wir ursprünglich, unberührt, echt, rein und sauber. Intuitiv ist natürlich immer besser als künstlich: Joghurt mit natürlichen Aromen, Getränke mit natürlichem Fruchtzucker und Gummibärchen mit natürlichen Farbstoffen scheinen uns gesünder als ihre künstlichen Alternativen – selbst wenn die chemische Struktur der Inhaltsstoffe identisch ist.

Dort, wo uns die Kultur zu viel geworden ist, hat die Natur wieder Einzug gehalten – zumindest das, was man für Natur hält: Immer größere Einkaufszentren versuchen ihre Besucher mit auf Fotowänden gedrucktem Urwald, aus Lautsprechern ertönenden Vogelstimmen und sonnengefluteten Kunst-Indoor-Gärten zu locken. Die ehemals größte Mall der Welt, die West Edmonton Mall im kanadischen Alberta, beinhaltet eine künstliche Lagune, einen Wasser-Erlebnispark, einen Tiefseebereich und einen Wald voll Palmen: Convenient-Natur zum Anfassen und Shoppen. Diese keimfreie, gefahrlose Natur mit künstlich zerstäubtem Fichtennadelextrakt ist es, die uns entspannen lassen soll.

Eine Herausforderung für Umweltschützer

Spätestens hier wird deutlich, dass das Ideal der natürlichen Natur ein Luftschloss ist. Nicht nur in der Kunstnatur von Kaufhäusern, sondern überall, wo die menschliche Kultur ihre Spuren hinterlassen hat, ist die wilde Unberührtheit dahin. Heute sind diese menschlichen Kulturspuren in den tiefsten Tiefen der Meere, auf den höchsten Bergen und sogar im ewigen Eis zu finden. Und auch im Alltag hält die Natur wieder Einzug: Starkregen, verheerende Stürme und ein Jahrhundertsommer nach dem anderen zeigen uns mehr denn je, dass wir der Natur nicht entkommen werden. Wenn Wasser und Schlamm im Keller stehen, wird wieder klar, warum Menschen jahrtausendelang nicht in den Überflutungsgebieten von Flüssen gesiedelt haben.

Die Debatten um den Beginn der Epoche des Anthropozäns, der Menschenzeit, zeigen, dass der Mensch mit seinen Aktivitäten zu einem geologischen Faktor geworden ist: Seit Beginn der Industrialisierung haben wir so viele neuartige Mineralien in so kurzer Zeit in Umlauf gebracht, wie es die Natur in 2,4 Milliarden Jahren nicht geschafft hat; der Stickstoffeintrag in die Biosphäre durch künstliche Dünger ist in der Erdgeschichte ohne Beispiel und unsere Schiffe und Flugzeuge überschreiten artengeografische Barrieren und verändern den Lauf der Evolution. Diese Erkenntnisse heben den Dualismus zwischen Natur und Kultur auf.

Hier hält das Anthropozän besonders für Umweltpolitiker, Umweltverbände und Ökologen eine kulturelle Herausforderung bereit: In der Regel insinuieren wir den Menschen als schlecht, als Störer der guten, unberührten, sich im Gleichgewicht befindenden Natur. In einem Zeitalter, in dem wir Menschen als Leitfossil noch lebendig sind, hebt sich dieser Gegensatz auf: Der Mensch muss sich als integrativer Bestandteil der heutigen Natur auffassen. Wir müssen es schaffen, uns als der Natur zugehörig begreifen. Unsere Kultur kann nicht von der Natur, sondern nur mit der Natur leben.

Wir sind nicht von einer Umwelt umgeben, sondern wir leben in einer von uns entscheidend geprägten Unswelt. Politik und Wirtschaft alleine können unsere Integration in die Natur nicht gewährleisten. Was wir brauchen, ist eine neue Kultur des Umgangs miteinander – und mit der Natur. Diente der aus der Aufklärung entspringende Gesellschaftsvertrag dazu, die Konflikte zwischen den Akteuren der Gesellschaft zu lösen, so ist nun ein neuer Vertrag erforderlich, der auch unsere Beziehung zur Unswelt regelt.

BildWir müssen eine neue Kultur des Umgangs miteinander und mit der Natur entwickeln. (Bild: Gerd Altmann/Pixabay)

Der Nachhaltigkeitsforscher Kai Niebert ist Professor für Didaktik der Naturwissenschaften an den Universitäten Zürich und Lüneburg und Präsident des Deutschen Naturschutzrings