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Heft 1: Kreisläufe

In einer begrenzten Welt sind Ressourcen nur begrenzt verfügbar. Statt weiter gewaltige Summen für glitzernde Wolkenkratzer und Spekulationsgeschäfte zu verschwenden, müssen sie jetzt in die Energie- und Verkehrswende und in eine Kreislaufwirtschaft investiert werden. 
Das Heft als PDF (4 MB) – August 2014

Heft 1: Kreisläufe

"Mindestlöhne machen Smartphones nicht teurer"

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Die Germanwatch-Expertin für Unternehmensverantwortung Cornelia Heydenreich spricht im Interview über "faire" Smartphones und Tablet-Computer: Sie plädiert dafür, die Produkte länger zu nutzen, da der Rohstoffabbau und die Produktion sehr energieintensiv sind.

 
Frau Heydenreich, kann man heutzutage noch einen Tablet-Computer, ein Smartphone oder einen Laptop mit gutem Gewissen kaufen?

Cornelia Heydenreich: Das ist schwierig – zumindest aus entwicklungs- und umweltpolitischer Sicht. Es beginnt schon mit den Produktionsbedingungen und beim Rohstoffabbau der ungefähr30 Metalle, die in Smartphones oder Laptops enthalten sind. Stichworte dabei sind Vertreibung, Kinderarbeit, Rohstoffe aus Konfliktgebieten, Umweltverschmutzung.

Und auch nach der Nutzung werden die Geräte wieder zum Problem, vor allem wenn sie als Elektroschrott irgendwo in Afrika landen und nicht ordnungsgemäß entsorgt werden. Dann können die enthaltenen Schwermetalle und anderen giftigen Substanzen die Gesundheit der Arbeiter gefährden und die Umwelt verschmutzen. Einmal davon abgesehen, dass viele wertvolle Rohstoffe verloren gehen.

Um wie viel würde ein solches Gerät teurer, wenn die Arbeiter in den Fabriken in China vernünftig bezahlt würden? 

Zum neuen iPhone 5s gibt es Berechnungen, wonach die Arbeitskosten nur 1,2 Prozent des Kaufpreises betragen. Ein fairer Lohn für die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken in China würde das Gerät nur wenig verteuern. Insbesondere bei Apple sollte man aufgrund der enormen Gewinnspannen erwarten, dass gute Löhne auch ohne Preissteigerungen gezahlt werden

Können Verbraucher die Hersteller beeinflussen, wenn sie faire Produkte wollen?

Sie können durchaus etwas bewirken. Wichtig ist vor allem, dass mehr Verbraucher sich beim Kauf der Geräte nach den Arbeitsbedingungen und den Umweltauswirkungen erkundigen. Die Hersteller ziehen sich bisher auf das Argument zurück, die Kunden fragten ja nur nach dem billigsten oder neuesten Produkt. Das macht es den Nachhaltigkeitsverantwortlichen in den Unternehmen schwer, ihre Anliegen dort durchzusetzen. 

Wäre es nicht besser, Mindestlöhne und hohe Sozialstandards per Gesetz durchzusetzen? 

Die gesetzlichen Mindestlöhne sind in vielen asiatischen Ländern, in denen IT-Geräte produziert werden, viel zu niedrig, um davon leben zu können. Zudem gibt es oft keine freien Gewerkschaften, die für die Arbeiterinnen und Arbeiter höhere Löhne aushandeln könnten. Sozialstandards, sogar recht gute, existieren in vielen Ländern. Nur: Sie werden oft nicht umgesetzt. Firmen wie Apple üben großen Druck auf ihre Zulieferer und Lieferanten aus, indem sie niedrige Preise festlegen und kurze Lieferfristen vereinbaren. Deshalb versuchen wir, auch in Europa soziale und ökologische Mindeststandards zu verankern und die Firmen, die ihre Produkte hier verkaufen, darauf zu verpflichten. Beispiel: Ein Großteil der Computer wird von öffentlichen Verwaltungen gekauft. Sie könnten durch Festlegung von Standards großen Einfluss nehmen.

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Smartphones wie das iPhone von Apple verbrauchen bei ihrer Herstellung viele Ressourcen. Werden sie länger genutzt, kann sich der Druck auf die Umwelt verringern. (Foto: Robert Babiak/Pixelio)

Wie ließe sich die Umweltfreundlichkeit der Produkte verbessern, die oft schon nach ein, zwei Jahren ausgetauscht werden? 

Es brächte am meisten, wenn die Produkte länger genutzt würden, da der Rohstoffabbau und die Produktion sehr energieintensiv sind. Selbst wenn ein Smartphone oder ein Laptop ins hochwertige Recycling geht, können längst nicht alle wertvollen Rohstoffe zurückgewonnen werden. Um längere Nutzungszeiten zu ermöglichen, sollten die Geräte haltbar und reparaturfreundlich gebaut sein – und mit auswechselbarem Akku.

Interview: Joachim Wille