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Heft 1: Kreisläufe

In einer begrenzten Welt sind Ressourcen nur begrenzt verfügbar. Statt weiter gewaltige Summen für glitzernde Wolkenkratzer und Spekulationsgeschäfte zu verschwenden, müssen sie jetzt in die Energie- und Verkehrswende und in eine Kreislaufwirtschaft investiert werden. 
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Heft 1: Kreisläufe

Mit Biogas zum schnellen Internet

Schade um das Biogas: In manchen Regionen hat die Nutzung der Biomasse einen wahren Boom auf dem Dorf begründet. Regionale Wertschöpfung, schnelles Internet, neue Kindergärten, neue Kinder – mit der Bioenergie fanden abgehängte Regionen eine neue Perspektive. 

Text: Nick Reimer

In anderen Dörfern wird die Schule dichtgemacht – hier kam jetzt eine Solaranlage aufs Dach der Dorfschule. Mag ja sein, dass andernorts junge Menschen vom Land wegziehen – in Schlöben ist es andersherum. "Wir machen hier grüne Energie", sagt eine junge Frau auf der Dorfstraße. Die 480-Einwohner-Gemeinde im Osten Thüringens ist "Bioenergiedorf".

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War schlau und schnell genug: Hans-Peter Perschke, SPD-Bürgermeister von Schlöben vorm sanierten Rathaus. (Foto: Bioenergiedorf Schlöben)

Was beiläufig klingt, ist ein echter Standortfaktor: Schlöben kann den Strom- und Wärmepreis für die nächsten 20 Jahre garantieren: 6,6 Cent pro Kilowattstunde Wärme, viel günstiger als beim Regionalanbieter Eon. Das Beste sind aber die Besitzverhältnisse: Die Schlöbener haben eine Bürgerenergiegenossenschaft gegründet, die Kraftwerke gehören also den Einwohnern. Und das sorgte dafür, dass die Gemeinde reich wurde. "Wir liefern für das Bioenergiedorf die Rohstoffe", sagt Matthias Klippel, Vorstand der örtlichen Agrargenossenschaft. Die Rohstoffe sind 10.000 Kubikmeter Rindergülle im Jahr und 2.000 Tonnen Mist. Typisch für Bauern: Sie sehen im Abfall noch Verwertbares. Klippel: "Dazu kommen 8.000 Tonnen Mais." Fertig ist der Liefervertrag!

"Mit der Biogasanlage erzeugen wir Strom, die Abwärme nutzen wir, um unsere Häuser zu heizen", sagt Hans-Peter Perschke, SPD-Bürgermeister von Schlöben. In einem großen Auffangbehälter vergären Bakterien die Gülle nebst Mais zu einem Gasgemisch, das Methan ähnelt und in zwei Blockheizkraftwerken verstromt wird. 2.000 Euro kostet die Mitgliedschaft in der Genossenschaft; gut investiertes Geld, wie der Bürgermeister findet: "Alle haben etwas davon: Wir bekommen Unabhängigkeit, die Wertschöpfung bleibt im Dorf, die Bauern haben einen verlässlichen Kunden." Ein sechs Kilometer langes Nahwärmenetz transportiert die Wärme in die Haushalte, Schlöben versorgt sich komplett mit selbst produziertem Strom.

Was die Kommune zusammenschweißt

Es war schwer, die Schlöbener zu überzeugen. Drei Jahre hat der Bürgermeister nur geredet und geredet. Dann zog zuerst der Gemeinderat mit; schließlich folgten die Einwohner. 2009 wurde die Genossenschaft gegründet. "Das Wichtigste ist, dass die Leute ein gemeinsames Projekt begründen, das schweißt eine Gemeinde zusammen", sagt Bürgermeister Perschke. "Wir streiten uns nicht über die Farbe des Bürgersteigs, sondern über Wärmespitzen." Was zum Beispiel, wenn im Winter einmal ein Blockheizkraftwerk ausfällt? Frieren wir dann? Die Schlöbener beschlossen zusätzlich einen Holzhackschnitzel-Heizkessel anzuschaffen, Holzabfälle fallen auf dem Land schließlich immer irgendwo an.

Die Schlöbener haben jetzt auch schnelles Internet. Denn wenn schon einmal die Straßen aufgerissen werden für das neue Wärmenetz, warum dann nicht gleich neue Glasfaserleitungen mitverlegen? Schließlich ist das nicht nur für ein ungestörtes Surfen wichtig: In Schlöben soll die Energiezukunft beginnen. Perspektivisch ist etwa die Fernüberwachung geplant, um den Energieverbrauch zu senken. Angeschlossen sind nicht nur Haushalte, sondern auch Kinderkrippe, Gemeindezentrum, Schule und Turnhalle.

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Herz des neuen Reichtums: Die Schlöbener Biomasse-Anlage. (Foto: Bioenergiedorf Schlöben)

Die Energiekosten von 250.000 Euro, die früher jährlich aus der Region abflossen, bleiben nun in Schlöben. Sie sorgen für neue Arbeitsplätze, stärken die Kaufkraft und generieren neue Steuereinnahmen. "Mir schwebt ein Projekt für altersgerechtes, gemischtes Wohnen vor", sagt der Bürgermeister. Einerseits sei ja nun Geld in den Kassen. "Andererseits müssen wir uns in einer älter werdenden Gesellschaft über neue Konzepte des Zusammenlebens Gedanken machen."