Heft 20: Kohleausstieg

Heft 20: Kohleausstieg

Die Politik hat sich jahrelang vor der Auseinandersetzung um den notwendigen Ausstieg aus der Kohleverstromung gedrückt. Jetzt muss es schnell gehen.
Das Heft als PDF (1,7 MB) – Juni 2018
Die Infografik als PDF (444 KB)

Heft 20: Kohleausstieg

Der Koxit kommt

Großbritannien war der Trendsetter bei Einstieg in die Kohle. Nun ist das Land auch Vorreiter beim Ausstieg. Aktuelle Zahlen zeigen, dass das Land damit auf Kurs bei den Klimazielen ist – ganz anders als der abgedankte "Klima-Weltmeister" Deutschland.

Text: Joachim Wille

In England und Schottland begann im 18. Jahrhundert die industrielle Revolution, basierend auf der Nutzung von Kohle. Hier wurde der erste mit Koks gefeuerte Hochofen betrieben, hier arbeitete die erste Dampfmaschine, und hier fuhr die erste Eisenbahn, die ihre Antriebsenergie aus der Kohle holte.

1024px Philipp Jakob Loutherbourg d. J. 002"Coalbrookdale bei Nacht": 1801 wurde hier in den Midlands der erste koksgefeuerte Hochofen betrieben. (Gemälde: Philipp Jakob Loutherbourg d. J./​Wikimedia Commons)

Doch Großbritannien ist nun auch Vorreiter bei der Beendigung des Kohlezeitalters. Der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist in vollem Gang, und aktuelle Zahlen zeigen, dass das Land mit dieser Strategie auf Kurs bei den Klimaschutzzielen ist – ganz anders als der abgedankte "Klima-Weltmeister" Deutschland.

Großbritanniens CO2-Ausstoß lag Ende 2017 bereits um 38 Prozent unter dem Wert von 1990, das in der Klimapolitik als Basisjahr dient. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Online-Klimaportals Carbon Brief. Rechnet man die anderen Treibhausgase wie Methan und Lachgas mit ein, sind sogar 42 Prozent Reduktion erreicht.

Zum Vergleich: Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, den Klimagas-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu senken, geschafft waren 2017 aber erst rund 27 Prozent. In ihrem Koalitionsvertrag musste die neue Groko dann einräumen, dass das 2020er Ziel nicht mehr erreichbar sei – eine große Peinlichkeit für die Regierung von "Klimakanzlerin" Merkel.

Wie die neuen Zahlen zeigen, hat es die Londoner Regierung dagegen geschafft, den CO2-Ausstoß sogar wieder unter das Niveau des Jahres 1890 zu bringen. Hauptinstrument dafür war im letzten Jahrzehnt vor allem der forcierte Kohleausstieg, der 2025 abgeschlossen sein soll; dann soll der letzte Kohleblock vom Netz gehen.

Den stärksten Einbruch bei der Kohleverstromung gab es 2016 mit einem Minus von 52 Prozent. 2017 ging es noch einmal um 19 Prozent herunter. Inzwischen steuert der Energieträger nur noch fünf Prozent zum britischen Primärenergieverbrauch bei. Anfang der 1990er Jahre war es noch rund ein Fünftel. Zum Vergleich: In Deutschland liefern Steinkohle und Braunkohle heute noch immer rund 22 Prozent.

Vorteil für Erdgas und Erneuerbare

Entlastung in der Klimabilanz Großbritanniens bringt vor allem der Wechsel von Kohle auf das weniger CO2-trächtige Erdgas, der in Großbritannien bereits in den 1970er Jahren einsetzte, als Erdöl- und Gasfelder in der Nordsee entdeckt wurden. In jüngerer Zeit trug vor allem die 2013 eingeführte und inzwischen erhöhte CO2-Mindeststeuer zum Absturz der Kohle bei, die dadurch im Vergleich zu anderen Energieträgern teuer wird. Pro Tonne Kohlendioxid müssen die Betreiber von Kohlekraftwerken umgerechnet rund 20 Euro zahlen.

Viele Kraftwerke wurden komplett stillgelegt, andere umgerüstet. So produziert eines der größten Kraftwerke Großbritanniens, Drax im Norden der Grafschaft Yorkshire, heute über zwei Drittel des Stroms mit Biomasse, unter anderem Holz-Pellets. Auch Solar- und Windenergie haben dank Förderung stark an Bedeutung gewonnen, sie liefern in zwischen rund ein Viertel des Stroms.

Ins Bild vom Klimavorreiter Großbritannien passt, dass die Regierung in London auch international den Kohleausstieg voranbringt. Auf dem Weltklimagipfel in Bonn im Herbst 2017 hat sie zusammen mit Kanada ein Anti-Kohle-Bündnis vorgestellt, die "Global Alliance to Power Past Coal". Dieser Allianz gehören inzwischen rund 30 Länder an, außerdem Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen. Sie alle plädieren für einen zügigen Ausstieg aus der Kohleverstromung, denn dies sei einer der wichtigsten Schritte, die Länderunternehmen könnten, um die Vorgaben des internationalen Klimavertrags von Paris zu erreichen.

credit_Les-HainesFlickr.de.jpgDas Steinkohlekraftwerk Drax Selby in North Yorkshire war lange größter Emittent von Kohlendioxid in Großbritannien, heute verfeuert es zu zwei Dritteln Biomasse und ist das Vorzeigekraftwerk in Sachen Kohleausstieg. (Foto: Les Haines/​Flickr)

In Deutschland lässt die Merkel-Regierung in diesem Jahr den Fahrplan für einen Kohleausstieg von einer Kommission entwickeln, in der vier Ministerien, fünf Bundesländer, Kommunen, Gewerkschaften, Unternehmen und Umweltverbände vertreten sind. Die Positionen liegen weit auseinander – Ausstieg 2030 oder erst zur Mitte des Jahrhunderts? Was auch immer dort beschlossen wird: Gegenüber Großbritannien ist Deutschland Nachzügler.