Heft 20: Kohleausstieg

Heft 20: Kohleausstieg

Die Politik hat sich jahrelang vor der Auseinandersetzung um den notwendigen Ausstieg aus der Kohleverstromung gedrückt. Jetzt muss es schnell gehen.
Das Heft als PDF (1,7 MB) – Juni 2018
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Heft 20: Kohleausstieg

Nach uns der Ostsee

Noch in diesem Jahr soll die Flutung des ehemaligen Tagebaus Cottbus-Nord beginnen. Stadtentwickler freuen sich über das touristische Potenzial des neu entstehenden Sees. Anwohner befürchten Wasserschäden – und dass sie auf den Kosten sitzenbleiben.

Text: Friederike Meier

Ein Urlauber steht am Strand. Er trägt einen weißen Sonnenhut und blickt über den weißen Sand auf den See. In der Ferne ist ein Segelboot zu sehen, sonst nichts. Nur Wasser und Weite. Die Szene stammt nicht etwa aus einer Reisebroschüre, sondern aus einer Präsentation der Stadt Cottbus. Und bei dem See handelt es sich nicht um eine Lagune in der Südsee, sondern um ein Gewässer gleich um die Ecke.

IMG 5927 87 960 640 80 cBergbaufolgelandschaft: Hier soll der Ostsee entstehen. (Foto: Friederike Meier)

Denn dort, wo jetzt noch ein riesiges Loch ist, im ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord soll ab diesem Jahr der größte künstlich geschaffene Binnensee Deutschlands entstehen. Der Name des Riesenprojekts, von dem sich die Stadt Cottbus einen Imagegewinn und mehr Tourismus erhofft: Ostsee.

Der Ostsee, nicht mit der Ostsee zu verwechseln, soll 19 Quadratkilometer groß werden. 280 Millionen Kubikmeter Wasser sind zur Flutung nötig – mehr als die Hälfte davon versickert gleich wieder im lockeren Untergrund. Laut dem Kohlekonzern Leag soll die Flutung fünf bis sechs Jahre dauern. Um den See zu fluten, wird Wasser aus der Spree in den Tagebau geleitet. Im November dieses Jahres soll es losgehen.

Als der Tagebau noch lief, war die Gegend zwischen der Cottbuser Innenstadt und dem Loch nicht sehr attraktiv. Dort stehen eine Justizvollzugsanst alt, ein ehemaliges Kalkwerk und andere Industriebauten. Auch deshalb freut sich die Stadt nun, mehr aus dem Nordosten machen zu können. Am Ostsee soll es einen "urbanen Stadthafen" geben, einen Sandstrand, ein Hotel, Restaurants und viele Freizeitangebote. Einen Aussichtsturm, mit dem man später über den ganzen See bis zum Kohlekraftwerk Jänschwalde blicken kann, gibt es schon.

"Dafür zahlt keine Versicherung"

Ganz oben auf dem Turm steht Sascha Fussan und schaut über den bis her noch wenig idyllischen Tagebau. Wenn er an den Ostsee denkt, hat er eher Sorgen als Urlaub im Kopf. Denn er wohnt in Maust, einem Dorf, das nur ein paar hundert Meter vom Tagebau und damit vom künftigen See entfernt liegt.

Fussan und viele andere im Dorf haben Angst, dass das Grundwasser, das hier ohnehin schon hoch steht, durch den See noch weiter steigt und sie bald das Wasser im Keller haben. Denn Maust liegt tiefer als der momentan geplante Maximalwasser stand des Sees. Deshalb hat Fussan eine Bürgerinitiative gegründet – zusammen mit Wilfried Ott, der heute der Vorsitzende ist, und etwa 70 anderen Menschen aus Maust und Umgebung. "Achtung Ostsee" versteht sich ausdrücklich nicht als Gegner des Sees. "Es geht darum, dass wir keine Schäden erleiden", erklärt Fussan.

IMG 5924 85 960 640 80 c Steht Maust bald regelmäßig unter Wasser? Sascha Fussan (links) und Wilfried Ott von der Bürgerinitiative "Achtung Ostsee" vor einem ihrer Warnschilder. (Foto: Friederike Meier)

Seine größte Angst ist aber, dass die Anwohner auf den Kosten der Wasserschäden sitzen bleiben. "Keine Versicherung tritt für Schäden durch den See ein, weil der menschengemacht ist." Eine der Hauptforderungen der Initiative ist deshalb ein Entschädigungsfonds, in den das Braunkohleunternehmen Leag einzahlen soll. "Wenn dann wirklich Schäden entstehen und die Versicherung dafür nicht aufkommt, könnte man das damit ausgleichen", sagt Fussan.

Kohlekonzern und Bergamt wiegeln ab

Der Kohlekonzern hingegen ist sich sicher, dass die Sorgen der Anwohner unbegründet sind: "Die heutigen Grundwasserstände unmittelbar nördlich der Dichtwand werden sich durch die Seefüllung nicht signifikant verändern", erklärt ein Leag-Sprecher auf Nachfrage. Am nordwestlichen Rand des Sees verhindert eine unterirdische Wand, dass die ganze Umgebung trockenfällt, solange Pumpen das Wasser aus dem Tagebau abpumpen. Die Wand bietet aus Sicht der Leag in Zukunft Schutz vor dem Wasser des Ostsees.

Aber wäre ein Entschädigungsfonds nicht trotzdem eine gute Idee? Die zuständige Planungsbehörde, das Landesbergamt Brandenburg, teilt auf Nachfrage von movum mit, dass ein solcher Fonds nicht vorgesehen ist. Der Grund: "Dafür gibt es keine gesetzliche Regelung."

Die Anwohner haben deshalb kaum noch Hoffnung. "Man will kein Privatunternehmen zwingen, so einen Fonds einzurichten auf Anordnung des Staates", sagt Fussan. "Das ist hier wie in der Kohle."

Auch dass der See überhaupt so groß werden soll, liegt aus ihrer Sicht an den geringeren Kosten. "Wenn man die Innenkippe nicht überfluten würde, müsste man sie verdichten. Und das wäre teurer", sagt Fussan. Als die Braunkohle abgebaut wurde, wurde das Erdreich, das über der Kohle gelegen hatte, auf diese Kippe geladen. Deshalb ist der Untergrund dort locker und unsicher.

Ginge es nach Fussan, würden nur die tiefer gelegenen Randschläuche des Tagebaus geflutet, in der Mitte könnte dann ein großes Naturschutzgebiet entstehen. Trotzdem freut sich der Hobbyangler auch auf dem See und hat auch vor, dort einmal Boot zu fahren und zu angeln.

IMG 5911 84 960 640 80 cDas Einlaufbauwerk: Von hier aus soll der Cottbuser Ostsee geflutet werden. Im Vordergrund ist der tiefer gelegene Randschlauch zu sehen. (Foto: Friederike Meier)

Dass der See ein Touristenmagnet wird und Arbeitsplätze für die vom Strukturwandel betroffene Region schafft, glaubt er allerdings nicht. "Das wird einfach nur ein großer Badesee. Wirtschaftlich kann der gar nicht sein", sagt Fussan. Und Wilfried Ott fügt hinzu: "Die Lausitz braucht neue Alternativen. Der See alleine bringt nichts." Der sei – trotz des vielen Wassers – nur ein Tropfen auf den heißen Stein.