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Heft 2: Klimaschutz

Um den Klimawandel zu stoppen, müssen bis 2040 pro Jahr 250 Milliarden Euro in erneuerbare Energien und eine effiziente Wirtschaft fließen. Entweder investieren wir pro Kopf und Jahr 500 Euro in Klimaschutz – oder eine Generation nach uns das Zehnfache. 
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Heft 2: Klimaschutz

"Bewahren wir uns vor der Selbstzerstörung!"

BildNur eine Minderheit ist freiwillig zur maßvollen Nutzung von Energie und Rohstoffen bereit, deshalb brauchen wir für alle gültige Gesetze, die ein maßvolles Leben fördern und das Gegenteil verhindern, sagt Manfred Linz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Dazu müssten Abgaben erhöht und Vergünstigungen gestrichen werden. Am Ende würden sich die allermeisten auf das einstellen, was sie als unausweichlich erkennen – aber nur, wenn es überzeugend begründet ist und wenn es alle entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit trifft.

 
Herr Linz, warum ist der heutige Klimaschutz Ihrer Meinung nach nicht ausreichend?

Manfred Linz: Die Erderwärmung wird weder unter zwei Grad zu halten noch die Welternährung zu sichern sein, wenn wir nicht bis 2050 den Verbrauch fossiler Energien um mindestens 90 Prozent gekürzt haben. Das ist mit Energieeffizienz allein nicht zu schaffen, auch wegen des "Rebound-Effekts". Er bedeutet: Was an einer Stelle an Energie eingespart wird, wird nur zu oft an anderer Stelle wieder verbraucht. Auch eine naturverträgliche Produktionsweise ist vielversprechend, aber noch zu wenig fortgeschritten und kann in den entscheidenden Jahrzehnten vor uns nur einen begrenzten Beitrag leisten. Es gibt Pilot- und Leuchtturmprojekte, aber außer bei Sonnen- und Windenergie noch kaum großtechnische Anwendungen.

Woran mangelt es Ihrer Meinung nach?

Es gibt inzwischen viele Initiativen, die sich für eine maßvolle Nutzung von Energie und Rohstoffen einsetzen. Alle diese Impulse sind wichtig als Anreger, Treiber, Mutmacher. Sie sind unersetzbar, aber ihre Reichweite ist begrenzt. Die wichtigen Entscheidungen können in dieser Gesellschaft nur von unten vorbereitet werden: Die ganze Gesellschaft werden sie nur erreichen, wenn sie politisch durchgesetzt werden.

Woran genau denken Sie dabei?

Nur eine Minderheit in unserer Gesellschaft ist freiwillig zu Veränderungen bereit, und auch sie sind in ihrem Ressourcenverbrauch nur teilweise maßvoll. Darum brauchen wir Gesetze und Verordnungen, die ein maßvolles Leben fördern und das Gegenteil durch zusätzliche Belastungen verhindern. Es werden Abgaben erhöht und Vergünstigungen gestrichen werden müssen.

Welche Folgen hätte das für unsere Wirtschaftsstruktur und das Wachstum?

Wir würden bescheidener essen, wohnen, uns kleiden und uns fortbewegen. Dadurch, dass weniger produziert und verbraucht wird, würde wohl auch das Volumen des Herstellens und des Handels abnehmen. Die heutige Konzentration auf den materiellen Wohlstand wird – so hoffe ich – einem besseren Verständnis von Zeitwohlstand und Beziehungswohlstand Platz machen. Und weil es vermutlich weniger Erwerbsarbeit geben wird, werden wir die Arbeit fair teilen müssen und mehr Zeit haben, Arbeiten für das allgemeine oder das eigene Wohl zu tun.

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Erneuerbare Energien sind wichtig, um unsere Lebensweise vom fossilen Energieverbrauch zu entkoppeln, aber sie reichen nicht aus. (Foto: Mountain Ash/Flickr)

 
Wie können möglichst viele Menschen ermuntert werden, so zu leben?

Es gibt Politik, die in diesem Zusammenhang unmittelbar einleuchtet und viel Zustimmung finden wird, wie etwa progressive Stromtarife oder Häuser der Eigenarbeit. Tiefer eingreifende Politik wie eine ökologische Steuerreform oder das Teilen der Erwerbsarbeit wird Widerstand hervorrufen. Darüber muss konstruktiv gestritten werden. Am Ende stellen sich die allermeisten Menschen ohne größere Widerstände auf das ein, was als notwendig, als unausweichlich erkannt wird. Aber nur unter zwei Voraussetzungen: Was ihnen abgefordert wird, muss überzeugend begründet sein, und es muss alle treffen, entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit.

Was wären die Ergebnisse einer solchen Politik?

Wenn sie gelingt, ist sie ein unentbehrlicher Beitrag dazu, die natürlichen Lebensgrundlagen dieser Zivilisation zu erhalten. Es geht mir nicht um eine ideale Gesellschaft, sondern darum, die Gesellschaft, in der wir leben, vor ihrer Selbstzerstörung zu bewahren.

Interview: Daniel Seemann