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Heft 2: Klimaschutz

Um den Klimawandel zu stoppen, müssen bis 2040 pro Jahr 250 Milliarden Euro in erneuerbare Energien und eine effiziente Wirtschaft fließen. Entweder investieren wir pro Kopf und Jahr 500 Euro in Klimaschutz – oder eine Generation nach uns das Zehnfache. 
Das Heft als PDF (2,5 MB) – Oktober 2014

Heft 2: Klimaschutz

Tausende Seiten gefährlicher Fakten

Es geht um ein Wissenschaftsprojekt, das Thema ist hoch komplex: der Klimawandel. Tausende Forscher sichten ehrenamtlich über mehrere Jahre, was über den Klimawandel bekannt ist und wie man ihn bremsen kann. So entsteht der Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC.

Text: Verena Kern

Stockholm, 27. September 2013, 9 Uhr morgens. Die Männer auf dem Podium sehen müde aus. Vier Tage lang haben sie bis tief in die Nacht mit Regierungsvertretern um das Abschlussdokument verhandelt. Sie haben um jedes Wort gestritten, um Kompromisse gerungen. Nun ist das Papier fertig, abgesegnet von allen Staaten der Welt, als Grundlage internationaler Verhandlungen. Als es an diesem Freitag der aktuelle fünfte Report, ist ein Livestream eingerichtet. Übersetzt in mehrere Sprachen wird das Dokument später im Internet stehen, zum Nachlesen für alle.

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Zigtausende Seiten lesen, Hunderte Seiten schreiben: Eine Arbeitsgruppe des Weltklimarates stellt ihre Ergebnisse vor. (Foto: JanKo)

Worum es geht? Im Fachjargon: um die SPM der WG I des AR5 des IPCC. Für Fachleute sind die Kürzel eine Erleichterung. Sie müssen nicht mehr umständlich sagen: Es geht um die Summary for Policymakers (Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger) der Work­ing Group 1 (Arbeitsgruppe 1) des Fifth Assessment Report (Fünfter Sachstandsbericht) des Intergovernmental Panel on Climate Change (Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen, kurz: Weltklimarat). Nichtfachleute verstehen dagegen nur Bahnhof.

Das liegt in der Sache selbst. Es geht um ein Wissenschaftsprojekt, und das Thema ist alles andere als schlicht: der Klimawandel. Tausende Forscher sichten – ehrenamtlich – in einem mehrjährigen Prozess, was ihre Disziplin mittlerweile über den Klimawandel weiß (Arbeitsgruppe 1), welche Auswirkungen er auf Mensch und Natur hat (Arbeitsgruppe 2) und welche Möglichkeiten es gibt, ihn zu bremsen (Arbeitsgruppe 3). Ende Oktober 2014 wird der vierte und letzte Teil in Kopenhagen vorgelegt: der sogenannte Synthesebericht.

Der Handlungsdruck ist enorm

Jeder der drei Teilberichte ist an die 1.000 Seiten stark. Auf der Grundlage unzähliger Studien, die seit dem letzten Sachstandsbericht 2007 erschienen sind, fassen die Forscher zusammen, wie weit das Schmelzen der Gletscher vorangeschritten ist oder wie einzelne Weltgegenden mit bestimmten Schlüsselrisiken – Dürren, Extremwetterereignissen oder Meeresspiegelanstieg – konfrontiert sind.

Damit auch Nichtwissenschaftler einen Zugang finden, gibt es jeweils eine Zusammenfassung (die oben erwähnte SPM), die ausdrücklich in einem "non-technical style" geschrieben sein soll. Die Botschaft des Weltklimarats soll so verständlich wie möglich formuliert sein. Schließlich enthalten die Berichte auch Handlungsempfehlungen an die Politik.

Und der Handlungsdruck ist enorm. Noch deutlicher und gestützt auf noch mehr Daten als die bisherigen vier Sachstandsberichte, die seit 1990 erschienen sind, stellt der aktuelle fünfte Report fest: "Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar." Und: "Die Erwärmung wird sich fortsetzen, egal welches Szenario man annimmt." Um die Folgen unter Kontrolle zu halten, empfiehlt der IPCC vor allem drastische Einschnitte bei der Verbrennung fossiler Energieträger, in erster Linie bei der Kohle; ein Punkt, der vielen Regierungsvertretern nicht geschmeckt hat, als sie die entsprechende Passage in der Zusammenfassung der Arbeitsgruppe 3 absegnen sollten.

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Schmelzendes Arktiseis: Der Weltklimarat sagt dem Eisbären eine existenzbedrohende Zukunft voraus. (Foto: Nick Reimer)

Dabei ist die Botschaft des IPCC, das 2007 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis erhielt. alles in allem vorsichtig optimistisch: Ja, der Klimawandel findet statt. Aber es lässt sich etwas dagegen tun. Und: Maßnahmen zum Klimaschutz können ein Motor für Wirtschaftswachstum und Wohlstand sein. Wenn man sie denn anpackt.