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Heft 2: Klimaschutz

Um den Klimawandel zu stoppen, müssen bis 2040 pro Jahr 250 Milliarden Euro in erneuerbare Energien und eine effiziente Wirtschaft fließen. Entweder investieren wir pro Kopf und Jahr 500 Euro in Klimaschutz – oder eine Generation nach uns das Zehnfache. 
Das Heft als PDF (2,5 MB) – Oktober 2014

Heft 2: Klimaschutz

Klimaschutz: Ein Generationenvertrag mit Gewinn

Der Geburtsfehler der globalen Klimaschutzpolitik ist die Verpflichtung zu Reduktion und Lastenteilung. In einer auf Wachstum fixierten Gesellschaft verbinden sich damit Bilder von Verzicht und Opferbereitschaft. Doch als Ermunterung zum Handeln ist Moral nur die zweitbeste Option. 

Text: Peter Hennicke

Seit mehr als 30 Jahren wächst beim Klimawandel der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln. Das Problem ist: Kurzfristige nationale Interessen müssen mit dem langfristigen Interesse einer lebenswerten Erde in Einklang gebracht werden. Ist das möglich? Wie kann Klimaschutz nicht nur langfristig für alle, sondern schon heute für die meisten Länder einen Gewinn darstellen?

Das Klima verändert sich: sichtbar, fühlbar, messbar. Die Emissionen der Treibhausgase, allen voran Kohlendioxid aus Kraftwerks- und Industrieprozessen, stiegen trotz Kyoto-Protokoll in den letzten zehn Jahren beschleunigt an. Der jüngst veröffentlichte Fünfte Sachstandsbericht des Weltlimarates IPCC hat – auch in Richtung auf die entscheidende Klimakonferenz im Dezember 2015 in Paris – so deutlich wie noch nie gewarnt: Die Ursachen für den menschengemachten Klimawandel sind durch eine Vielzahl messbarer Indizien gesichert. Bei weiterem Abwarten wird das Zwei-Grad-Limit für die maximale Erwärmung nicht zu halten sein. Es kommt zu unumkehrbaren Kipppunkten im Klimasystem. Klimaschutz wird dann praktisch unbezahlbar sein.

Moral ermuntert weniger zum Handeln

Eine unbequeme Wahrheit. Aber welcher Politiker oder Manager liest die 2.000 Seiten des IPCC-Berichts? Auch die kürzeren Zusammenfassungen motivieren nicht zum Handeln: Es wimmelt von komplexen Grafiken und Bewertungen wie "äußerst", "sehr" oder nur "wahrscheinlich". Wenn Klimaveränderungen nur "wahrscheinlich" sind und mögliche Katastrophen in weiter Ferne liegen, warum sollten heute Länder für ehrgeizigen globalen Klimaschutz ihre Eigeninteressen bremsen, Öl- und Kohlekonzerne profitable Geschäftsfelder aufgeben und Bürger ihren Lebensstil ändern? Es ist offensichtlich: Die Klimaexperten haben ein Interessen- und Kommunikationsproblem.

Der Geburtsfehler der globalen Klimaschutzpolitik ist die Verpflichtung zu Reduktion und Lastenteilung ("burden sharing"). In einer auf Wachstum fixierten Gesellschaft verbinden sich damit Bilder von Verzicht und Opferbereitschaft. Mit den positiven Wirkungen von Klimaschutzinvestitionen für Wirtschaft und Arbeitsplätze hat das wenig zu tun. Als Ermunterung zum Handeln ist Moral nur die zweitbeste Option.

Führende US-Ökonomen sind früh auf den Zug des burden sharing aufgesprungen. Ihre Botschaft: Klimaschutz ist zu teuer, Abwarten ist billiger. Der Stern-Report hat diese fatale Apologie widerlegt: Schätzt man die künftigen Schäden eines ungebremsten Klimawandels, dann sind sie größer als die Kosten aktiven Klimaschutzes. Durch den Bericht kamen erstmalig globale Wirtschaftsinteressen und Finanzkalkül ins Spiel. Unter der Wucht der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 brach jedoch das globale Kosten-Nutzen-Argument wie ein Kartenhaus zusammen. Erneut siegten Länderegoismen, Fatalismus machte sich breit, das Zwei-Grad-Ziel rückte in weite Ferne.

Aktuelle Aufgabe der IPCC-Experten war es, vor dem Hintergrund der weiter schwelenden Finanzkrise eine wissenschaftlich und sozialökonomisch belastbare Neustrategie zu zimmern. Die Experten haben sich dieser Herkulesaufgabe mit einem riesigen Analyse- und Szenarienaufwand unterzogen. Die Hauptbotschaft hätte bei Kapital und Politik wie eine Bombe einschlagen müssen: Um das Zwei-Grad-Ziel "mit hoher Wahrscheinlichkeit" durch massive Klimaschutzinvestitionen zu erreichen, müsste das globale Konsumwachstum im 21. Jahrhundert durchschnittlich pro Jahr nur um marginale 0,06 Prozent reduziert werden – bei einer jährlichen Wachstumsrate zwischen 1,6 und drei Prozent.

Klimaschutz aus der globalen Portokasse

Massiver Klimaschutz ist also bezahlbar – sogar aus der globalen Portokasse. Die im Stern-Report genannten Schäden durch einen ungebremsten Klimawandel, die dadurch vermieden werden könnten, sind dabei noch gar nicht mitberücksichtigt. Minimale Wachstumseinbußen pro Jahr wären also der Preis dafür, eine Klimakatastrophe zu verhindern. Gäbe es eine globale Wall Street, würde ab sofort alles Kapital in den forcierten Klimaschutz fließen, um das Risiko zukünftiger Kapitalvernichtung durch den Klimawandel zu minimieren. Wurde diese Botschaft gehört? Wahrscheinlich schon, aber ambitionierten Klimaschutz hat sie nicht ausgelöst. Warum nicht? Es ist fünf vor zwölf, um mit dieser fatalen Logik zu brechen.

Der dafür nötige Klima- und Ressourcenschutz sind die Bedingungen einer Großen Transformation. Sie enthält wirtschaftlich attraktive Ziele wie Versorgungssicherheit, höhere Wettbewerbsfähigkeit, neue Geschäftsfelder und mehr Jobs durch Energie- und Materialeffizienz, erneuerbare Energien und nachhaltige Mobilität. Eine Große Transformation ist eine umfassende gesellschaftliche Strategie der Risikominimierung mit wirtschaftlichem und sozialem Nutzen. Nachhaltige Produktions- und Konsummuster, Dezentralisierung, Demokratisierung, Bürgerbeteiligung und -finanzierung sind dafür die Voraussetzungen und Treiber.

Sind das Wunschträume? Wer das sagt, nimmt nicht zur Kenntnis, dass sich Deutschland mit der Energiewende bereits auf diesen Weg begeben hat. Eine Energiewende ist Motor und Voraussetzung für einen Transformationsprozess. Mitte des 21. Jahrhunderts soll Deutschland nahezu frei von fossilen Energien und weitgehend auf energieeffiziente Prozesse, Gebäude, Fahrzeuge, Geräte sowie auf fast 100 Prozent Erneuerbare umgestellt sein. So lauten die Ziele der damals noch konservativ-liberalen Regierung aus dem Jahr 2010, die nach wie vor gelten.

Ein grüner Energieaufbruch für alle

Die Energiewende basiert auf einem Generationenvertrag. Die heutige Generation gestaltet und finanziert einen ökologischen Umbau, um Kinder und Enkel vor gewaltigen Lebensrisiken zu schützen: Vor den Kosten eines fossil-nuklearen Energiesystems, den Risiken des nuklearen Brennstoffzyklus und des Klimawandels sowie vor Energieimportabhängigkeit, Preisschocks und weltweiten Ressourcenkriegen. Zeigt die deutsche Energiewende die Machbarkeit dieses Transformationsprozesses, dann wird dies – auch über den globalen Wettbewerb – zur Startrampe für den weltweiten Aufbruch zu nachhaltiger Energienutzung sowie ambitioniertem Klima- und Ressourcenschutz.

Dieses Gemeinschaftswerk schließt auch eine universelle Botschaft ein: Es kann sich nur aus dem Zusammenwirken von nationalen Transformationsprozessen ergeben. Die künftige Vermeidung weltweiter Lasten der Klimaveränderung und der nationale Nutzengewinn zielen in die gleiche Richtung. Burden sharing wird zur Vergangenheit, zu einem Fossil der neoklassischen Ökonomie.

Die Idee von Ex-Bundesumweltminister Peter Altmaier, einen Energiewende-Club zu gründen, sollte daher weiterverfolgt werden. Industrieländer können mit Ländern des Südens bilaterale oder multilaterale Partnerschaften schließen, in denen Energieeffizienz und erneuerbare Energien gefördert werden. Denn der Süden braucht den grünen Energieaufbruch ebenso wie der Norden, um weitere Investitionen in braune Infrastrukturen wie ineffiziente Gebäude und fossile Kraftwerke zu vermeiden – und um eine globale, generationenübergreifende Energiewende schon heute zu starten.

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Massiver Klimaschutz ist bezahlbar – sogar aus der globalen Portokasse. (Foto: 
Martin Abegglen/Flickr)

Peter Hennicke ist ehemaliger Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und Professor emeritus an der Bergischen Universität Wuppertal