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Heft 16: Klimafrieden

Eine Strategie, die auf fossile Energieträger setzt, untergräbt weltweit die Sicherheit. Doch auch die Energiewende ist nicht ohne friedenspolitische Risiken.
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Heft 16: Klimafrieden

Bäume pflanzen gegen den Massenexodus

Ausgelaugte Böden und Hitzewellen treiben Kleinbauern in Westafrika in den Ruin. Gärtner Barnabé N’Da kämpft in Benin gegen die Verwüstung seiner Heimat. Agraringenieure gehen in die Dörfer, um bei der Anpassung an den Klimawandel zu helfen.

Text: Susanne Götze

Steht die Sonne im Zenit, herrscht in Atakora eine unbarmherzige Hitze von 45 Grad im Schatten. Während der Trockenzeit weht ein heißer Wind über die ausgedörrten Felder und die rötlichen Wege, an denen kahle Sträucher und einige Affenbrotbäume wachsen. Nichts verspricht ein wenig Abkühlung, es gibt weder Seen noch Flüsse, in denen man sich erfrischen, oder gar klimatisierte Häuser, in die man sich verkriechen könnte.

BildNordbenin: Nomaden treiben in der Trockenzeit ihre Rinderherden über die Felder der Bauern – die Folge sind Konflikte und manchmal sogar Tote. (Foto: Susanne Götze)

Mehrere Monate dauert das große Schwitzen in Benin und selbst in der Nacht kühlt es im Norden des westafrikanischen Landes kaum auf 30 Grad ab. Die Dörfer der Region Atakora liegen rund 700 Kilometer nördlich der Atlantikküste, nicht weit von der Grenze zu Burkina Faso und Niger und damit zur Sahara.

Nach der langen Reise durch eine erdfarbene Landschaft und Dörfer aus kleinen Lehmhäuschen wirkt das Grundstück von Barnabé N’Da wie eine Fata Morgana inmitten der vor Hitze flirrenden Mondlandschaft. Der Umwelttechniker hat um sein Land in der Größe zweier Fußballfelder einen Baumgürtel gepflanzt.

"Willkommen in meiner Oase", sagt Barnabé N’Da. Die Hitze ist inmitten der sprießenden Pflänzchen nicht ganz so drückend und die Luft gar nicht mehr staubig. "Bäume verändern alles, sie sind der Schlüssel für unser Überleben", meint N’Da. Er hat vor einigen Jahren die Baumschule mit nichts weniger als dem Ziel aufgebaut, seine Heimat wieder aufzuforsten.

"Nur noch Sand und Steine"

"Ohne Bäume werden die Böden der Region weiter versanden, die Wüste wird sich weiter in unser Land fressen und die Bauern werden irgendwann aufgeben", ist sich der Gründer der Baumschule sicher. Es gehe um mehr als "nur" Umweltschutz. Es gehe um das Überleben der Menschen, die hier seit Jahrtausenden siedeln, und um ein Ökosystem, das kurz davor ist zu kollabieren.

Seit Jahrzehnten holzen die Klein- und Großbauern in der Region den natürlichen Waldbestand ab. Viel ist nicht mehr übrig außer vereinzelten Baumgrüppchen zwischen den Feldern und steppenartigen Weidelandschaften. Die Folgen dieser hausgemachten Umweltkatastrophe sind starke Winde, die den fruchtbaren Boden abtragen, und ein verändertes Mikroklima, das für noch heißeres und trockeneres Wetter sorgt. "Seit die Bäume weg sind, ziehen die Regenwolken einfach weiter", sagt Baumschulen-Betreiber N’Da.

BildDie Erträge hängen in Benin viel stärker vom Wetter ab als bei uns. (Foto: Susanne Götze)

"Wir haben es hier mit einer gefährlichen Mixtur aus mehreren Faktoren zu tun", meint auch der Agraringenieur Amadji Firmin, der seit 30 Jahren in Benin für staatliche Programme und Nichtregierungsorganisationen forscht und arbeitet. "Viele Bauern haben Land gerodet, weil sie es für den Anbau von Baumwolle brauchen – der einzige große Exportzweig in Benin." Der bewässerungsintensive Anbau der Pflanze mit den weißen Wattebällchen benötige auch noch viele Pestizide und Herbizide.

Hinzu kommt laut Firmin, dass sich die Bevölkerung Benins in 20 Jahren verdoppelt hat. "An vielen Orten bestehen unsere Böden nur noch aus porösem Sandboden mit einigen Steinen – so ein Boden kann kein Wasser mehr speichern und enthält keine Mineralien", so der Agraringenieur. Seit zwei Jahrzehnten addieren sich zu diesen Problemen nun auch die Folgen des Klimawandels: "Die Jahreszeiten sind unregelmäßig und in der Regenzeit kommt es zu Trockenperioden, in denen es einfach für ein paar Wochen gar nicht regnet – was für die Ernte fatal ist."

In einem Dorf rund 400 Kilometer westlich der Heimatregion von Barnabé N’Da klagen die Einwohner über massive Ernteeinbußen. Statt der üblichen drei Tonnen fahren sie nur noch knapp eine Tonne Mais pro Jahr ein, klagt ein Bauer und Familienvater von fünf Kindern.

"Das führt zu Streit um die letzten fruchtbaren Böden", berichtet ein Gemeindevertreter der Region Gougounou, nördlich der Stadt Parakou. Es gebe immer mehr Gewaltopfer – der Druck auf die Familien steige. Viele junge Leute würden ihre Familien verlassen, um sich als Taxifahrer in den Städten zu verdingen, andere versuchten in Nachbarstaaten oder in Europa ihr Glück.

Erfolge schon mit einfachen Mitteln

"Die Bauern bekommen von uns Ratschläge, wie sie ihren Boden wieder fruchtbar machen können", erklärt Firmin, der zusammen mit lokalen Nichtregierungsorganisationen und der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) Agrarreferenten schult.

"Der Aufbau der Humusschicht dauert – aber wir können mit einfachen Mitteln große Erfolge erzielen", berichtet der Agraringenieur. Zum Beispiel mit Hülsenfrüchten wie Straucherbsen, die auch in der Trockenzeit noch grüne Blätter haben. Sie geben dem Boden wichtige Mineralien zurück und zusätzlich kann man ihre Früchte ernten.

Auch Baumschulenbesitzer N’Da versucht die Bauern zu unterstützen. Allerdings ist es nicht immer einfach zu erklären, warum das Bäumepflanzen helfen soll. "Oft tragen sie essbare Früchte und spenden Schatten, und die herabfallenden Blätter geben dem Boden Mineralien zurück." Wer in dem grünen Garten von Barnabé N’Da sitzt, versteht das sofort. Trotzdem ist der Nutzen von Bäumen für viele Bauern nicht ersichtlich, denn die Wirkung stellt sich erst nach Jahren, oft nach Jahrzehnten ein.

BildEine Oase im Hitzewahnsinn: Mit der Baumschule wollen Barnabé N’Da uns seine Helfer gegen Dürren, Tornados und Verwüstung kämpfen. (Foto: Susanne Götze)

Auch bei der Umstellung auf andere Sorten sind viele Bauern naturgemäß skeptisch und wollen alte Traditionen lieber nicht aufgeben. Oft setze erst dann ein Umdenken ein, so Baumschulmeister N’Da, wenn es beim Nachbarn sichtbare Erfolge bei der Ernte gibt.