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Heft 16: Klimafrieden

Eine Strategie, die auf fossile Energieträger setzt, untergräbt weltweit die Sicherheit. Doch auch die Energiewende ist nicht ohne friedenspolitische Risiken.
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Heft 16: Klimafrieden

Mit Sonnenenergie gegen die Krise

Im Nahen Osten und Nordafrika sind viele mit Öl reich geworden. Nun gehört die Region zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Gebieten – und muss umdenken. Länder wie Marokko zeigen, dass es geht.

Text: Verena Kern

Mitte Mai, zehn Tage vor dem enttäuschenden G7-Gipfel auf Sizilien, richtete die Allianz der besonders vom Klimawandel betroffenen Länder auf der Frühjahrskonferenz in Bonn einen dringlichen Appell an die Weltöffentlichkeit. "Das 1,5-Grad-Limit einzuhalten ist eine Frage des Überlebens für uns", erklärten die Staaten des Climate Vulnerable Forum (CVF).

BildDie CVF-Staaten haben in Bonn beschlossen, ohne Kohle, Öl und Gas auszukommen. (Foto: Susanne Götze)

Während die G7-Länder, blockiert durch US-Präsident Donald Trump, kein Wort zum Klimaschutz zustande brachten, bekräftigten die CVF-Staaten ihr Ziel, "so schnell wie möglich" zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzusteigen. Zu dem Forum gehören mittlerweile 48 Staaten, vor allem afrikanische Länder südlich der Sahara sowie kleine Inselstaaten, die durch den Anstieg des Meeresspiegels in ihrer Existenz bedroht sind. Eine Region ist indes kaum vertreten: der Nahe Osten und Nordafrika. Nur vier der rund zwanzig Länder sind Teil der Allianz: Libanon, Palästina, Jemen und Marokko.

Dabei gehört die Region, was den Klimawandel angeht, nach neueren Untersuchungen zu den am stärksten bedrohten Weltgegenden. Das trifft nun ausgerechnet viele Länder, in denen zumindest ein Teil der Bevölkerung durch einen "Top-Klimakiller" reich geworden ist – durch Erdöl. Nun werden dort die Folgen der Verbrennung fossiler Energien zum Problem. Seit 1970 hat sich die Zahl der Tage mit extremer Hitze laut Studien verdoppelt. In den kommenden Jahrzehnten können die Mittagstemperaturen auf 50 Grad steigen und viele Gegenden unbewohnbar machen.

Längere Hitzewellen und Dürreperioden führen auch zu mehr Sandstürmen. Im Irak beispielsweise geschieht dies heute schon alle drei Tage, künftig wird es täglich dazu kommen. Die Konzentration von Wüstenstaub in der Luft hat sich in den letzten Jahren um 70 Prozent erhöht. "Die Existenz der Bewohner der Region ist in Gefahr", fassen Forscher ihre Befunde zusammen. Klimaflucht und noch mehr bewaffnete Konflikte können die Folge sein.

Saudi-Arabien entdeckt erneuerbare Energien

Die Studienergebnisse machen klar: Ein Umsteuern ist dringend nötig. Selbst das größte Ölland der Region, Saudi-Arabien, hat das inzwischen verstanden und beginnt in Erneuerbare zu investieren, um künftig nicht mehr vollständig von fossilen Energien abhängig zu sein. Schon in fünf Jahren will das Land zehn Prozent seines Stroms aus regenerativen Quellen beziehen. Die angestrebte Transformation, so sagt es der saudische Energieminister, sei so einschneidend wie die Entdeckung von Erdöl in den 1930er Jahren.

Am meisten Tempo macht ein Mitgliedsstaat des Climate Vulnerable Forum: Marokko. In der Wüstenstadt Ouarzazate im Süden des Landes entsteht gerade das größte Solarkraftwerks-Feld der Welt. Ein 160-Megawatt-Solarpark ist bereits ans Netz gegangen. Weitere und noch größere Parks sollen folgen. Auch Solarturmkraftwerke werden errichtet. Tausende im Kreis angeordnete Spiegel bündeln dabei die Sonnenstrahlen auf einen Punkt an der Spitze des Turms, wo sich ein Sonnenkollektor befindet. Bei der Technologie ist der Wirkungsgrad besonders hoch, aber auch der Wartungsaufwand.

Marokko hat viel aufzuholen. Bislang setzt das Land noch überwiegend auf fossile Energieträger, neben Öl auch Erdgas und Kohle. Nach offiziellen Zahlen lieferten die Erneuerbaren 2015 erst 15 Prozent des Stroms. Dabei hatte die Sonnenenergie in dem so sonnenreichen Land sogar den geringsten Anteil, nämlich bloß 0,02 Prozentpunkte, der weitaus größte Teil entfiel auf Wasserkraftwerke.

BildIn der Wüstenstadt Ouarzazate im Süden Marokkos entsteht derzeit das größte Solarkraftwerks-Feld der Welt. (Foto: Benjamin von Brackel)

2,2 Milliarden Euro soll das Wüstensolarprojekt kosten. Deutschland steuert rund 830 Millionen an Krediten bei. Damit die Energiewende nicht nur in der Wüste stattfindet, sondern auch im Alltagsleben der Bevölkerung, ist zudem der Bau von 600 "grünen Moscheen" geplant, die ihre Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen und besonders energieeffizient gebaut sind – und die lokale Wertschöpfung erhöhen.