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Heft 16: Klimafrieden

Eine Strategie, die auf fossile Energieträger setzt, untergräbt weltweit die Sicherheit. Doch auch die Energiewende ist nicht ohne friedenspolitische Risiken.
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Heft 16: Klimafrieden

Ein Klima für mehr Terror

Zunehmende Wetterextreme stärken Gruppen wie den IS oder Boko Haram und führen zu einem Teufelskreis von Not und gewaltsamen Konflikten. Dagegen helfen nur "ganzheitliche" Strategien, heißt es in einer Studie.

Text: Joachim Wille

Der Klimawandel verstärkt Wetterextreme, verschlechtert die Nahrungsmittelsicherheit und kann so Mitauslöser von Flüchtlingsströmen sein. Doch es gibt ein weiteres Risiko, das bisher wenig beachtet wird. Der Klimawandel vergrößert auch die Gefahr, dass terroristische Gruppen wie der sogenannte Islamische Staat oder Boko Haram entstehen und an Einfluss gewinnen.

BildDie Länder am östlichen Horn von Afrika sind stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. (Foto: Ian Steele/​UN Photo)

Das zeigt eine Untersuchung, die der Berliner Thinktank Adelphi im Auftrag des Auswärtigen Amts erarbeitet hat. Die Adelphi-Experten empfehlen daher, Klimaschutz, Entwicklungshilfe, Terrorbekämpfung und Missionen zur Konfliktlösung politisch nicht isoliert zu betreiben, sondern sie in eine gemeinsame Strategie einzubetten.

Laut der Studie gibt es gerade in besonders klimasensiblen Regionen wie am Tschadsee in Zentralafrika, in Syrien, Afghanistan und Guatemala einen Anstieg des Terrorismus. Adelphi-Autor Lukas Rüttinger warnt vor einem "Teufelskreis". Die Erderwärmung verstärke nicht nur die bestehenden Probleme wie Ressourcenknappheit, Bevölkerungswachstum und Urbanisierung, sondern bereite damit besonders in instabilen Ländern auch den Boden für gewaltsame Konflikte und Terrorismus. Dadurch verschlechterten sich wiederum die Möglichkeiten, Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu treffen.

Seit der Industrialisierung ist die mittlere Erdtemperatur um rund ein Grad angestiegen. Ohne aktive Klimaschutzmaßnahmen, wie sie der Pariser Klimavertrag fordert, droht bis zum Jahr 2100 allerdings eine Erwärmung um drei bis vier Grad. Gerade in Afrika und im Nahen Osten ist die Temperaturerhöhung deutlich überdurchschnittlich.

Die Erderwärmung führt bereits heute dazu, dass Dürren, Überschwemmungen und andere Extremwetter-Ereignisse häufiger auftreten als in früheren Jahrzehnten. Besonders in Staaten mit schwachen Regierungen, etwa in Zentralafrika oder im Nahen Osten, gefährdet das die Lebensgrundlagen von Menschen zusätzlich.

In einer Welt des Klimawandels haben Terroristen leichteres Spiel

Die betroffenen Gruppen werden laut dem Adelphi-Bericht dadurch anfälliger für die Rekrutierung durch Terroristen, die auch wirtschaftliche Anreize bieten und ein besseres Leben versprechen. Man könne zwar nicht sagen, dass der Klimawandel Terrorismus erzeuge, so die Experten, allerdings erzeuge er eine Umwelt, in der Terroristen leichter operieren könnten.

Wo staatliche Stellen bei der Versorgung der Bevölkerung etwa mit genügend Trinkwasser und Nahrung scheitern, versuchen laut den Adelphi-Experten immer öfter terroristische Gruppen diese Lücke zu füllen. Dadurch entzögen sie den Regierungen die Legitimation noch weiter. Und: Je knapper die Ressourcen, desto mehr Macht komme den Terrorgruppen zu.

Als Beispiel nennt der Bericht die Situation am Tschadsee, wo derzeit mehrere Millionen Menschen von Dürre, Hunger und Krieg bedroht sind. Der Klimawandel habe hier die Konkurrenz um die knappen Wasser- und Land-Ressourcen verstärkt – mit der Folge von sozialen Spannungen, Gewaltausbrüchen, steigender Armut und Arbeitslosigkeit. Gerade in diesem Umfeld habe dort Boko Haram entstehen können.

BildSyrien gehört zu den klimasensiblen Regionen der Erde – gerade hier tobt einer der gewaltsamsten Kriege der letzten Jahrzehnte. (Foto: 300td.org/​Flickr)

Im Auswärtigen Amt heißt es in Reaktion auf die Studie, es sei wichtig, in "ganzheitliche Konfliktlösungen" zu investieren. Peter Fischer, Beauftragter für Energie- und Klimapolitik und Exportkontrolle in dem Ministerium, kommentierte: Instabilität und Unruhen seien auf der ganzen Welt im Vormarsch, und der Klimawandel begünstige diese Entwicklung. "Wir müssen daher schon zu Beginn der Konfliktspirale die Risiken des Klimawandels antizipieren und Präventionsmaßnahmen treffen", sagte Fischer. Laut der Studie ist dabei besonders die Anpassung der lokalen Landwirtschaft in den armen Ländern an die Folgen der steigenden Temperaturen von Bedeutung.