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Heft 16: Klimafrieden

Eine Strategie, die auf fossile Energieträger setzt, untergräbt weltweit die Sicherheit. Doch auch die Energiewende ist nicht ohne friedenspolitische Risiken.
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Heft 16: Klimafrieden

"Trump hat eine heilsame Schockwelle geschickt"

BildDer pazifische Inselstaat Fidschi hat den Vorsitz der nächsten Weltklimakonferenz inne. Landwirtschaftsminister und Klimabotschafter Inia Seruiratu erklärt, warum der Ausstieg der USA aus dem Paris-Vertrag auch sein Gutes hat, warum er vor allem auf Klimaanpassung setzt und Fidschi der Klimarisikoversicherung nicht beitreten will.

Herr Seruiratu, Donald Trump hat verkündet, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen. Was ändert sich jetzt an Ihrer Planung für die Weltklimakonferenz COP 23 im November in Bonn?

Inia Seruiratu: Wir sind natürlich tief enttäuscht von der kurzsichtigen Entscheidung der Trump-Regierung, aus dem Paris-Abkommen auszusteigen. Der Rückzug der Staatsführung der USA ist bedauerlich und es ist jetzt klar, wie wichtig die COP 23 im Hinblick auf eine weltweite Anstrengung sein wird, das Abkommen aufrechtzuerhalten und zu verbessern. Allerdings hat die Entscheidung von Trump keine direkte Auswirkung auf unsere Vorbereitungen. Der Rest der Welt bleibt unveränderlich hinter dem Paris-Abkommen.

Obwohl unser Premierminister alles tat, was er konnte, um Präsident Trump zu bewegen, im Kanu zu bleiben, wussten wir, dass dieser Ausgang möglich ist. Uns war von Anfang an klar, dass wir uns nicht auf die Führung und Unterstützung der USA verlassen können. Deshalb hat sich jetzt für uns nichts geändert.

Können Sie der Entscheidung auch etwas Gutes abgewinnen?

Tatsächlich war die weltweite Antwort auf die Ankündigung des US-Präsidenten unglaublich ermutigend. Trump hat eine Schockwelle durch das System geschickt, die – so sieht es derzeit aus – die Entschlossenheit aller Beteiligten im Klimaschutz rund um die Welt verdoppelt hat. Nationen und Staatengruppen wie China, die EU, Frankreich, Kanada, Indien und Mexiko bewegen sich alle vorwärts.

Und selbst innerhalb der USA verbünden sich Gouverneure und Bürgermeister mit dem Privatsektor, der Zivilgesellschaft und gewöhnlichen Bürgern, um den Schwung aufrechtzuerhalten. Als climate champion der UN freue ich mich, Schulter an Schulter mit ihnen zu stehen.

Was ist das wichtigste Anliegen, das Sie im November in Bonn voranbringen wollen?

Wir wollen das Paris-Abkommen erhalten und weiterentwickeln. Wir wollen die Widerstandsfähigkeit der besonders verletzlichen Nationen gegen den Klimawandel verstärken. Und wir wollen eine breite Koalition zwischen Regierungen, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und dem Privatsektor schmieden, um den Klimaschutz zu beschleunigen.

Und um was geht es Ihnen persönlich?

Für mich als Landwirtschafts- und Meeresminister ist die Anpassung an den Klimawandel sehr wichtig. Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist es, den Gemeinden zu helfen, sich besser gegen den steigenden Meeresspiegel und gegen Naturkatastrophen zu wappnen, die durch den Klimawandel immer heftiger werden. Auf dem Klimagipfel müssen wir Modelle entwickeln, um den Privatsektor für Investitionen in Klimaanpassung zu interessieren.

Warum ist die Anpassung so wichtig für Fidschi?

Vergangenes Jahr wurde Fidschi vom Zyklon "Winston" getroffen – der stärkste Wirbelsturm, der in der südlichen Hemisphäre auf Land traf. Er kostete 44 Menschenleben, Tausende Familien verloren ihr Zuhause und ein Drittel unseres Bruttoinlandsprodukts wurde aus den Büchern ausradiert. Deshalb ist es so dringend, die Klimaanpassung in den Verhandlungen voranzubringen.

BildAnderthalb Jahre nach dem Wirbelsturm "Winston" sind die Folgen noch vielerorts spürbar. (Fotos: Benjamin von Brackel)

Was muss sich ändern, damit Fidschi einen besseren Zugang zum Grünen Klimafonds oder dem Anpassungsfonds bekommt?

Bisher ist es bürokratisch beschwerlich, an die Gelder heranzukommen. Und es geht nur mit Partnern wie der Asiatischen Entwicklungsbank. Fidschi ist gerade dabei, eine Akkreditierung für seine Entwicklungsbank beim Grünen Klimafonds zu bekommen, um einen direkteren Zugang zum Fonds zu bekommen. Was wir vor allem anderen brauchen, ist Unterstützung, um gute Projekte zu entwerfen, sowie Technologiestudien zur Untermauerung.

Viele Dörfer auf den Fidschi-Inseln wollen umsiedeln, aber die Regierung gibt ihnen kein grünes Licht. Was ist das Problem? Haben Sie nicht genug Geld für die Umsiedlungen?

Die Regierung wartet nicht. Wir sind dabei, die dringendsten Fälle zu bearbeiten. Zweifellos werden wir Unterstützung benötigen, um der wachsenden Notwendigkeit für diese Umsiedlungen nachzukommen; aber das hält uns nicht davon ab, selbst etwas zu tun.

Allerdings sollte auch anerkannt werden, dass Umsiedlungen immer nur der letzte Ausweg sind, und zwar wegen des sozialen und kulturellen Bruchs, den es in den Gemeinden geben kann. Zurzeit arbeitet die Regierung an einem Leitfaden, um sicherzustellen, dass jede Umsiedlung auch nachhaltig ist.

Warum ist Fidschi nicht der Klimarisikoversicherung der G7-Staaten beigetreten, der sogenannten InsuResilience?

Es gibt drei oder vier Initiativen, bei denen wir gefragt wurden, ob wir dazugehören wollen. Wir prüfen gerade, was für uns im Pazifik am besten funktioniert. Aber im Fall von InsuResilience muss man klar sagen, dass es eigentlich keine Versicherung ist. Das heißt: Es ist für die Länder nicht möglich, sich gegen Klimaschäden zu versichern, indem sie Mitglied werden.

Interview: Benjamin von Brackel


"Jetzt ist alles durcheinander"

Die Bewohner des Inselstaates Fidschi können sich nicht mehr auf Regen-, Trocken- und Zyklonzeiten verlassen

Ein Dorf in den Bergen im Nordwesten von Viti Levu, der größten Insel des kleinen Pazifikstaates Fidschi. Schweißperlen rinnen den Menschen in der Sonne von den Gesichtern, aber in der Holzhütte von Ela Lotawa ist es angenehm kühl. Den Raum, in dem sie Spinat, Maniok und Fleisch serviert, trennt nur ein Vorhang vom Schlafbereich, wo ihr Mann nach der Feldarbeit gerade ein Nickerchen einlegt.

Eigentlich könnte ihr Ort Abaca ein wahres Paradies sein. Aus den offenen Türen sieht man einen Hahn vorbeistaksen, Kinder rennen lachend vorbei, Wasser plätschert von irgendwoher, dichtes Grün überzieht die Berghänge. Hier müssen sich die Dorfbewohner nicht der Hektik, dem Lärm und Gestank der Städte ausliefern, sie müssen sich nicht um Rechnungen und kümmern, sondern können auf dem fruchtbaren Boden anbauen, was sie zum Leben brauchen. "Jeder in diesem Dorf hat seine Rolle", sagt Lotawa. Frauen waschen, kochen und verkaufen die Früchte und das Gemüse auf dem Markt. Männer gehen jagen und auf die Felder.

Eingeschlagen in dieses kleine Paradies hat allerdings der Wirbelsturm "Winston". 2016 hat er die Inseln verwüstet. Lotawa nennt ihn nur "den Winston". Bevor er über das Dorf zog, habe sie alle Wäsche, alle Kinder, Hühner und Hunde in ihre Hütte geschafft und Türen, Fenster und Dach mit einem Seil umbunden. Am nächsten Tag lag alles wild verteilt in der Gegend, Kleidung, Bäume, Äste, Hausteile. Ein Haus hatte es weggeweht; eine ganze Familie lebt heute in einem blauen Zelt mit der Aufschrift "P. R. China".

Alle Felder waren zerstört, auf denen sie Maniok und anderes angebaut hatten. Eine ganze Saison lang gaben die Felder ihnen keine Nahrung mehr. Ohnehin ist der Anbau seit ein paar Jahren immer schwieriger geworden: Die Inselbewohner können sich nicht mehr auf die Wettermuster verlassen – die Trockenzeit, die Regenzeit. "Wir konnten all das viele Jahrhunderte vorhersagen", sagt Lotawa. "Jetzt ist alles durcheinander."

Das Problem sei vor allem der Regen – wenn er nach langer Dürrezeit plötzlich und heftig herunterkommt und die Feldpflanzen zerstört. Aber auch die Monate, in denen normalerweise Stürme auftauchen, sind nicht mehr eindeutig, sagt Ela Lotawa. "Auch die Wirbelstürme kommen nun in der falschen Zeit."

Bild"Früher konnten wir Regen- und Trockenzeiten immer vorhersagen": Ela Lotawa in ihrem Holzhaus. (Text und Foto: Benjamin von Brackel)