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Heft 16: Klimafrieden

Eine Strategie, die auf fossile Energieträger setzt, untergräbt weltweit die Sicherheit. Doch auch die Energiewende ist nicht ohne friedenspolitische Risiken.
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Heft 16: Klimafrieden

"Klimakriege lassen sich verhindern"

Der Klimawandel bedroht den Frieden und die menschliche Sicherheit, sagen der deutsche Chefklimaverhandler Karsten Sach und der Arbeitsgruppenleiter des Weltklimarates Hans-Otto Pörtner. Klimaschutz und Energiewende verringern das geopolitische Konfliktpotenzial.

Herr Sach, Herr Pörtner, welche Gefahr geht von den Folgen des Klimawandels für den Weltfrieden aus?

BildKarsten Sach: Die Forschung hat uns die direkten Folgen des menschengemachten Klimawandels eindringlich vor Augen geführt. Frieden und Sicherheit sind durch den Klimawandel außerdem gefährdet, weil er als "Risiko-Multiplikator" bereits bestehende Probleme verstärkt und die Existenzgrundlagen der Menschen vor allem in den armen Ländern bedroht. Dürren, Flucht und Verteilungskämpfe werden Konflikte verursachen, die die Welt erschüttern und letztendlich auch vor den entwickelten Ländern nicht Halt machen werden.

Um dem etwas entgegenzusetzen, müssen wir die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad, begrenzen. Das ist eine zentrale Herausforderung der Staatengemeinschaft im 21. Jahrhundert und eine zwingende Voraussetzung für Frieden. Damit würden wir im Übrigen nicht nur die Klimafolgen vermindern, sondern im Zuge einer konsequenten globalen Energiewende auch das geopolitische Konfliktpotenzial verkleinern.

BildHans-Otto Pörtner: Der jüngste Bericht des Weltklimarates IPCC von 2014 stellt fest, dass der Klimawandel schon heute bestehende Risiken verstärkt und neue Risiken hervorruft. Situationen akuter Unsicherheit, wie Hunger, Konflikte und soziopolitische Instabilität, gehen fast immer aus einem Zusammenwirken vieler Faktoren hervor, der Klimawandel wirkt dabei als Risikoverstärker.

Der Klimawandel bedroht die menschliche Sicherheit, weil er Existenzgrundlagen untergräbt, kulturelle und individuelle Identität beeinträchtigt und Migrationsbewegungen verstärkt. Je schneller und stärker der Klimawandel, desto größer das Risiko schwerwiegender, weit verbreiteter und auch unumkehrbarer Schäden. Die Risiken sind ungleich verteilt: Sozial und wirtschaftlich benachteiligte Menschen wird es überall in der Welt härter treffen.

Der Klimawandel könnte auch die Rivalität von Ländern um gemeinsam genutzte Ressourcen steigern. Beispiele sind die Arktis, wenn dort durch das Schmelzen von Eis der Zugang zu Gas- und Erdölvorkommen frei wird, oder Trockenregionen, wo die Konkurrenz um das knapper werdende Wasser zunimmt. Die Wissenschaft ist sich jedoch einig, dass die Institutionen, die heute den Zugang zu solchen Ressourcen verwalten, in der Lage wären, solche Konflikte zu mildern und Kriege zu verhindern.

Hat der Weltklimavertrag von Paris die internationale Zusammenarbeit verändert?

Karsten Sach: Nach dem Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 hatten viele nicht mehr an die Möglichkeit eines multilateralen Klimaschutzabkommens geglaubt. Mit dem Pariser Übereinkommen hat die Klimapolitik in einer Zeit, in der die Welt und die EU einer Vielzahl internationaler Krisen gegenüberstehen, ein starkes Zeichen für die Wirksamkeit internationaler Kooperation gesetzt.

Das Abkommen stellt eine Art Grundgesetz für den Klimaschutz dar. Es gibt der Weltgemeinschaft Orientierung durch ein gemeinsames, verbindliches Ziel. Und es legt internationale Prinzipien für die Umsetzung fest. Eine Reihe von Staaten, darunter Deutschland mit dem "Klimaschutzplan 2050", haben bereits damit begonnen, diesen Prinzipien Folge zu leisten.

Hans-Otto Pörtner: Das Pariser Übereinkommen ist ein Durchbruch für die Klimapolitik und ein großer Erfolg für die Forschungspolitik: Die Erkenntnisse der internationalen Klimaforschung, die durch den Weltklimarat IPCC in seinem aktuellen Fünften Sachstandsbericht von 2014 zusammengefasst wurden, fanden völkerrechtliche Anerkennung.

Es geht jetzt darum, die in Paris beschlossene Wende zu gestalten. Die kommenden Berichte des IPCC, darunter die Sonderberichte zu 1,5 Grad globaler Erwärmung, zur Landnutzung, zu Ozeanen und Eisgebieten, werden grundlegende Informationen für Entscheidungen liefern, um den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel zukunftsfähig und nachhaltig gestalten zu können.

Mit den bisherigen Zusagen der Staaten steuern wir auf bis zu vier Grad durchschnittliche Erwärmung zu. Was muss passieren, um das noch zu verhindern?

Karsten Sach: Es wird jetzt darum gehen, dass die Mechanismen des Paris-Abkommens ihre volle Wirkung entfalten: Die Staaten müssen das, was sie versprochen haben, in die Tat umsetzen und ihre Ziele regelmäßig anheben.

Wichtig ist jetzt, dass die nationalen Maßnahmen und Ziele einer internationalen Aufsicht unterworfen werden. Mithilfe eines Transparenzsystems und eines Überprüfungsmechanismus, deren Details momentan ausverhandelt werden, wird so der Staatengemeinschaft und Zivilgesellschaft ermöglicht, auf fundierter Grundlage Druck auf die Nachzügler auszuüben. Bereits nächstes Jahr wird ein erster Probelauf für eine Bestandsaufnahme stattfinden, die im Fünf-Jahres-Rhythmus dazu beitragen soll, die Ambition zu steigern.

BildBisher ziemlich einsam: Windrad in Afrika. (Foto: Anja Osenberg/​Pixabay)

Wichtig ist weiterhin die Unterstützung für Entwicklungsländer, sodass diese Länder Anreize und die nötige Kompetenz für eine klimafreundliche Entwicklung erhalten. Dazu wird die von Entwicklungs- und Umweltministerium gemeinsam angestoßene NDC-Partnerschaft beitragen.

Hans-Otto Pörtner: Treibhausgase bleiben zum großen Teil in der Atmosphäre, wo sie zur Erwärmung des Klimas beitragen. Um diese Erwärmung zu begrenzen, müssen die Emissionen also letztlich auf null sinken: Unser Budget ist begrenzt.

Je anspruchsvoller das Temperaturziel ist, desto geringer ist dieses Budget. Laut IPCC werden wir das Budget für zwei Grad Erwärmung mit den jetzigen Emissionsraten innerhalb von wenigen Jahrzehnten aufbrauchen. Für 1,5 Grad ist das Budget noch kleiner, es bleiben nur wenige Jahre, um die Pariser Klimaziele einzuhalten.

Das ist ein starker Ansporn für den raschen und konsequenten Strukturwandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie. Fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas dürfen dann nur noch verwendet werden, wenn ihre Emissionen nachhaltig ausgeglichen werden können.

Karsten Sach ist Verhandlungsleiter der deutschen Delegation für die internationalen Klimaverhandlungen. Hans-Otto Pörtner ist Biologe und Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe des Weltklimarates IPCC zu Klimaanpassung und Klimawandelfolgen.

Interview: Susanne Götze