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Heft 16: Klimafrieden

Eine Strategie, die auf fossile Energieträger setzt, untergräbt weltweit die Sicherheit. Doch auch die Energiewende ist nicht ohne friedenspolitische Risiken.
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Heft 16: Klimafrieden

Der Klimawandel ist ein Multiplikator von Krisen

In der internationalen Zusammenarbeit geht es auch um die Verhinderung der sozialgeschichtlichen Ursachen von Klimakriegen und Klimaflucht. Deshalb muss die Klimapolitik mit der Katastrophenvorsorge und dem Sendai-Rahmenabkommen von 2015 verzahnt werden.

Text: Reimund Schwarze

Die Wissenschaft ist sich einig: Mit dem Klimawandel nehmen Naturgefahren weltweit zu. Sie kommen langsam fortschreitend wie der Meeresspiegelanstieg in den Küstenregionen oder akut als Dürren in Gebieten mit Wasserknappheit. Ob die zunehmenden Naturgefahren zu Katastrophen oder sogar Kriegen führen, hängt vom Menschen ab.

Die Zusammenhänge von Naturgefahren und Krisen in der Gesellschaft sind bis heute unzureichend erforscht. Nahrungsmittel- und Wasserknappheit führen nicht automatisch zu sozialen Konflikten, Gewalt im Inneren und Klimaflucht. Harald Welzer hat in seinem Buch "Klimakriege" anschaulich gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit von Mangelkrisen im Klimawandel zunimmt, aber dass erst die Veränderung der Wahrnehmung von Kriegen und Flucht als vermeintliche Problemlösungen im Klimawandel zu gesellschaftlichen Krisen führen. Erst wenn Völkermord und Banditentum als Lösungen von Mangelkrisen wie in Ruanda oder Sudan allgemein hingenommen werden, wachsen sie sich zu einem Problem von Vertreibung und Flucht aus.

Abschottung der falsche Weg

Es zeigt sich immer wieder, dass die Folgen des Klimawandels in Kombination mit gesellschaftlichen Konflikten auftreten. Das US-Verteidigungsministerium spricht deshalb von Klimawandel als "Multiplikator" von Sicherheitsrisiken in der Weltgemeinschaft. Die Antwort des Pentagon und der Trump-Regierung, sich abzuschotten und Zäune zu errichten statt international zu helfen, reproduziert aber genau das Denkmuster, das in Ländern wie Ruanda und Sudan die gesellschaftlichen Ursachen von Kriegen und Flucht auslöst: die Abgrenzung in kleinen Überlebensgemeinschaften und die Konkurrenz aller gegen aller. Wer nationale Egoismen und Gewalt als Lösung propagiert, erzeugt die gesellschaftliche Ursache von Klimakrisen. So weit ist sich die sozialwissenschaftliche Klimaforschung ebenso einig.

Wie aber kommt man zum Klimafrieden? Zuerst, indem die Weltgemeinschaft das Problem des menschengemachten Klimawandels anerkennt und sich gemeinschaftlich verpflichtet, die Ursachen der Erderwärmung, sprich die Treibhausgas-Emissionen, zu begrenzen. Das ist der Geist des Pariser Klimaabkommens. Jeder und alle sollen das Mögliche dazu beitragen.

Doch das hat Grenzen. Deshalb geht es in der internationalen Zusammenarbeit auch um die Bewältigung der jetzt bereits unvermeidlichen Klimafolgen, und zwar nicht nur durch Anpassung im technischen Sinne, also zum Beispiel um den Bau von Deichen und Wasserspeichern in Entwicklungsländern, sondern auch um die Verhinderung der sozialgeschichtlichen Ursachen von Klimakriegen und Klimaflucht. Deshalb ist eine Verzahnung der Klimapolitik mit den Weltkonferenzen zur Katastrophenvorsorge und dem Sendai-Rahmenabkommen und mit anderen internationalen humanitären Prozessen so wichtig.

Katastrophenvorsorge einbinden

Das Sendai Framework for Disaster Risk Reduction, kurz SFDRR, wurde auf der dritten Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge im japanischen Sendai im März 2015 angenommen. Darin verpflichten sich die 195 Staaten der Vereinten Nationen zum ersten Mal, die Auswirkungen von Naturkatastrophen durch Maßnahmen wie Aufklärung, Frühwarnung und finanzielle Hilfsprogramme im Krisenfall substanziell zu verringern. Ausdrücklich heißt es: "Die Anpassung an den Klimawandel als einem Treiber von Katastrophenrisiken stellt eine wichtige Möglichkeit zur Katastrophenvorsorge dar."

Das Abkommen ist auch deshalb wichtig, weil das System des "Knowing and Showing" durch einheitliche Berichtspflichten der Unterzeichnerstaaten unterfüttert wird und mit klaren, anspruchsvollen Zielvorgaben verbunden ist. Etwa mit dem Ziel, die Zahl der Todesfälle und Verletzten sowie die volkswirtschaftlichen Verluste durch Naturkatastrophen im Zeitraum von 2020 bis 2030 "deutlich" unter die Zahlen aus früheren Dekaden zu senken.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen rund um den Pariser Klimavertrag kommen wir schließlich nicht umhin, Klimaflucht in gewissen Umfang auch als Teil einer Lösung der Klimakrise zu verstehen – aber das muss im Geiste der Weltgemeinschaft geschehen, nicht in der Form nationaler Egoismen.

BildAuguste Rodins Skulptur des Denkers, der in starker Anspannung über das Tun und Schicksal der Menschen nachsinnt, war wegweisend für die Moderne. (Foto: 139904/​Pixabay)

Reimund Schwarze ist Professor für Umweltökonomie und Klimaexperte am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig

Text: REIMUND SCHWAR