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Heft 16: Klimafrieden

Eine Strategie, die auf fossile Energieträger setzt, untergräbt weltweit die Sicherheit. Doch auch die Energiewende ist nicht ohne friedenspolitische Risiken.
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Heft 16: Klimafrieden

Klimafrieden in der Südsee

Meeresspiegelanstieg und Wirbelstürme bedrohen den südpazifischen Inselstaat Tuvalu in seiner Existenz. Dennoch plant die Regierung keinen Umzug. So einfach werde man es der Welt nicht machen, sagt der Vizepremier.

Text: Sabine Minninger

Die Zahlen alarmieren: 26 Millionen Menschen, das entspricht der Einwohnerzahl Mosambiks, werden jedes Jahr durch Naturkatastrophen zurück in die Armut gestoßen, so die Ergebnisse einer Weltbank-Studie. Rechnet man diese Zahlen hoch auf die eine Milliarde Menschen, denen es in den letzten 15 Jahren gelungen ist, der Armut zu entkommen, dann hätten ohne Naturkatastrophen theoretisch 390 Millionen mehr Menschen aus Armut befreit werden können.

Die Fragilität nimmt zu. Der Klimawandel ist zum größten Risikofaktor für das Erreichen der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung, der Sustainable Development Goals (SDGs), geworden. Während Schadenshäufigkeit und -ausmaß von nicht klimabezogenen Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüchen oder Erdbeben im langjährigen Mittel kaum schwanken, haben Häufigkeit und Intensität klima- und wetterbezogener sowie hydrologischer Katastrophen spätestens seit den 1990er Jahren deutlich zugenommen – und mit ihnen Schäden und Verluste.

Laut einer Studie des Norwegischen Flüchtlingsrates verloren im Jahr 2013 über 22 Millionen Menschen ihre Heimat durch Stürme, Erdbeben, Schlammlawinen – dreimal so viel wie durch kriegerische Konflikte. Der Klimawandel richtet längst größere Schäden an als Bomben und Bürgerkriege.

Die nicht ökonomischen Verluste von Biodiversität, Ressourcenzugang, Sicherheit, Heimat, Identität wirken ebenso entwicklungshemmend. Im Zusammenspiel mit Bevölkerungsdruck, schwacher Staatlichkeit und ethnisch oder religiös motivierten Konflikten können sie zu wichtigen Treibern von Gewaltkonflikten und Migration werden.

26 Quadratkilometer im offenen Meer

Tuvalu gehört, was den Klimawandel betrifft, weltweit zu den verletzlichsten Staaten. Besonders der Meeresspiegelanstieg, verbunden mit extrem hohen Wellen und immer schwereren Stürmen, bedrohen den südpazifischen Inselstaat in seiner Existenz. Das Staatsgebiet umfasst nur 26 Quadratkilometer Landfläche, im Durchschnitt liegt das Land lediglich zwei Meter über dem Meeresspiegel, der höchste Punkt der Insel-Atolle erreicht nur vier Meter.

Der verheerendste Wirbelsturm der letzten Jahre, Zyklon "Pam" im Jahr 2005, hat bereits sechs Meter hohe Flutwellen mit sich gebracht, die Atolle komplett überschwemmt haben. Der Finanzminister und Vizepremier von Tuvalu, Maatia Toafa, ist sich bewusst, welches Glück sein Land hatte, dass "Pam" hier keine Menschenleben gefordert hat.

Die Prioritäten sind im Inselstaat gesetzt. Sandsäcke und Betonbarrieren gibt es bereits, um die Küsten vor der Erosion durch die Gezeiten zu schützen. Neue Landflächen wurden sehr aufwendig geschaffen, in dem mit Pumpen Sand vom Meeresgrund der Lagune zum Auffüllen des Atolls eingesetzt wurde. Die dörflichen Siedlungen sollen insgesamt mithilfe der Sandauffüllungen höher gelegt werden.

Wäre es angesichts des Aufwands, mit dem Wissen über die Risiken des Klimawandels nicht auch eine Überlegung, einen Umsiedlungsprozess anzugehen, wie ihn der Inselstaat Kiribati plant?

"Umsiedeln wäre das falsche Signal"

"Auf gar keinen Fall siedeln wir um", gibt Toafa zu verstehen. "Wenn der Staat Tuvalu untergeht, dann gehen wir mit Tuvalu unter, es wird kein Tuvalu II auf einem anderen Staatsgebiet geben. Was Tuvalu ausmacht, ist das Land, sind die Menschen, die Kultur und die Sprache – das lässt sich nicht umsiedeln." Die Drastik dieser Worte erklärt der Finanzminister mit dem tief verwurzelten Glauben der Bevölkerung von Tuvalu.

Auch wenn Toafa eine kollektive Migration ablehnt, unterstützen er und die Regierung jedoch individuelle Umsiedlungsbemühungen. "Wir unterstützen jeden, der gehen will – die Entscheidung muss aber jeder für sich treffen, der Staat selbst wird nicht umsiedeln."

Aber wäre es nicht besser, wenn alle geschlossen umziehen, statt dass jeder einzelne für sich eine neue Heimat sucht, verstreut in der Welt? "Im Moment ziehen wir die Diaspora vor, wir sind nicht bereit Tuvalu aufzugeben", erklärt der Finanzminister mit Nachdruck. "Das wäre das falsche Signal an die internationale Staatengemeinschaft, dass sie sich für Tuvalu nicht mehr anstrengen müssen – dann müssen sie sich auch für die Welt nicht mehr anstrengen. Tuvalu zu schützen bedeutet auch den Planeten zu schützen."

Premierminister Enele Sopoaga bestätigt im diplomatischen Ton die Regierungsposition. Er hat in New York bei der UN-Generalsversammlung 2016 die Regierungen aufgerufen, alles zu tun, damit das Pariser Klimaabkommen schnellstmöglich und anspruchsvoll in die Tat umgesetzt wird. Die Existenz Tuvalus sei davon abhängig. Das Ziel müsse sein, die globale Erwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten und Tuvalu bestmöglich an den Klimawandel anzupassen, gibt Sapoaga zu verstehen. Die zentrale Botschaft lautet, dass Tuvalu gerettet werden muss, an ein Aufgeben sei nicht zu denken.

Recht auf Migration

Die Frage, ob man Tuvalu umsiedeln sollte, beantwortet der Regierungschef bisher nicht. Er merkt aber an, dass ein völkerrechtlicher Rahmen für die Menschen geschaffen werden muss, die klimabedingt keine andere Wahl haben als ihre Heimat zu verlassen. Für diese Menschen müsse die internationale Staatengemeinschaft gerechte Lösungen finden. Aber eine Migration bleibe eine persönliche Entscheidung; jeder, der Migrationspläne habe, solle dabei unterstützt werden, aber das habe nichts mit dem Klimawandel zu tun, sondern mit dem Recht sich frei zu bewegen.

Eine Argumentationslinie, die Bikenibeu Paeniu teilt. Paeniu, der seit 1990 bereits dreimal zum Staatsoberhaupt des Landes gewählt wurde und heute ein UN-Projekt zu Migration und Klimawandel im Pazifik leitet, fordert einen rechtlichen Rahmen. So bedürfe es einer internationalen Konvention, die den Betroffenen des Klimawandels das Recht zur Migration einräumt.

Das bilaterale Migrationsabkommen PAC mit Neuseeland, das oft angeführt wird, greift nach Paenius Ansicht viel zu kurz. Nur unter 40-Jährige, die gut ausgebildet sind und eine ausgezeichnete Gesundheit haben, dürften nach Neuseeland umsiedeln. Diabetes oder ein hoher Blutdruck seien bereits Grund genug, einen Einwanderungsantrag abzulehnen. Das entspreche wohl kaum dem Völkerrecht, das nun geschaffen werden müsse, um den von Klimawandel besonders Betroffenen gerecht zu werden.

Der Staat Tuvalu selbst bereitet seine Bevölkerung auf eine individuelle Migration durch staatlich geförderte Gesundheits- und Bildungsprogramme vor, damit sie im schlimmsten Fall auch in einer neuen Heimat eine Chance haben.

"Klimaflucht in Würde gibt es nicht"

Auch Reverend Lusama Tafue von der Kirche Tuvalus sieht die Schwierigkeiten einer klimabedingten Migration. Er zweifelt am Konzept einer "Migration in Würde", das der frühere Präsident von Kiribati, Anote Tong, vertreten hatte. "Die Menschen werden durch den Klimawandel gezwungen ihre Heimat zu verlassen, das kann man nicht würdevoll gestalten." Tafue fügt hinzu: "Wir müssen aber dafür sorgen, dass zumindest internationales Völkerrecht für eine klimaerzwungene Migration geschaffen wird, denn wir wollen auf gar keinen Fall Klimaflüchtlinge sein!"

Für den schlimmsten Fall, dass die Einwohner von Tuvalu ihre Heimat verlieren, wäre eine Umsiedlung innerhalb des Südpazifiks am ehesten denkbar – gestützt durch internationales Völkerrecht und finanziert durch die Industrieländer, die den Klimawandel verursacht haben. Tafue zufolge will die Mehrheit jedoch nicht weg.

Zum Beispiel der 28 Jahre alte Seemann Paeniu Lopati. Er lebt auf dem Atoll Funafala und braucht keine Wissenschaft, die ihm den Klimawandel verdeutlicht. Bereits zwei Nachbaratolle sind im Ozean versunken, Vasafua und Pukasavilivili. Auch die Korallenbleiche sowie die schwindenden Fischgründe gehen für ihn ganz klar auf das Konto des Klimawandels, ebenso die beständige Küstenerosion an dem Atoll, auf dem er mit fünf Familien, insgesamt 18 Personen, lebt.

Aber an Aufgeben sei nicht denken, äußert auch er sich entschieden. Wenn der gefährliche Klimawandel nicht eingedämmt wird, habe Tuvalu laut Wissenschaft noch 50 Jahre, bis es im Ozean versinkt, erklärt Lopati. Jede einzelne Minute will er bis dahin in seinem Paradies genießen.

BildTuvalu liegt im Durchschnitt nur zwei Meter über dem Meeresspiegel. (Foto: Thomas Venker)

Sabine Minninger ist Referentin für Klimapolitik bei Brot für die Welt und verfolgt seit 2008 die UN-Klimaverhandlungen