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Heft 14: Biodiversität

Naturschutz ist kein Luxusthema und darf sich nicht auf Schutzgebiete beschränken. Es geht um die langfristige Sicherung unserer Lebensgrundlagen.
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Heft 14: Biodiversität

Klima wandelt Kinderstube der Nordsee

Einst war der Jadebusen das bevorzugte Laichgebiet von Scholle und Kabeljau – doch den kälteliebenden Arten ist es inzwischen zu warm geworden. Dennoch nahm die Zahl der Arten in der Nordsee-Bucht zu.

Text: Sandra Kirchner

In wenigen Wochen ist es so weit: Dann sticht das Forschungsschiff "Senckenberg" wieder in See. Der Jadebusen ist sein Ziel. In der rund 160 Quadratkilometer großen Nordsee-Bucht wollen die Forscherinnen wie jedes Frühjahr mit einer Baumkurre – einem speziellen Netz für Krabben – Proben vom Boden nehmen. "Die Proben werden dann gesiebt, gewaschen und sortiert", sagt die Meeresbiologin Ingrid Kröncke von der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. Seezungen, Strand- und Schwimmkrabben, Nordseegarnelen und andere bodenlebende Organismen finden Kröncke und ihr Team in den Netzen.

BildDer Forschungskutter "Senckenberg" – hier im Helgoländer Hafen – ist auf die Probenahme vom Meeresboden spezialisiert. (Foto: Andreas Trepte/​Wikimedia Commons)

Seit 1972 zählen die Meeresforscherinnen regelmäßig im Frühjahr und im Spätsommer die Lebewesen in der Bucht. Und seither gehen den Biologinnen immer mehr Tiere in die Netze. Die Artenanzahl in der Meeresbucht hat sich insgesamt erhöht. "Wir dokumentieren die Arten im Jadebusen seit 42 Jahren", sagt Kröncke. Dabei sei man auf eine Verschiebung in der Artenzusammensetzung gestoßen.

Mittlerweile finden die Biologinnen immer häufiger Schwimm- und Strandkrabben im Jadebusen. Diese wärmeliebenden Arten breiten sich stärker aus. Dagegen ziehen sich die angestammten kälteliebenden Arten wie Scholle und Kabeljau zurück. "Der Kabeljau ist eigentlich schon weg", sagt Kröncke. Er zog weiter in nördliche Bereiche, wo die Temperaturen noch nicht so hoch sind. Der Raubfisch reagiert besonders empfindlich auf Temperaturänderungen. "Unsere Daten zeigen, dass sich die Zusammensetzung der Arten in den Jahren 1988 bis 2001 veränderte", fasst Kröncke die Ergebnisse zusammen.

Nicht weniger, sondern andere Arten

Verantwortlich für die Veränderungen im Jadebusen sind der Meeresbiologin zufolge der Klimawandel und die damit einhergehenden steigenden Temperaturen in der Nordsee. Längst sind die Veränderungen dermaßen ausgeprägt, dass die Biologin bereits von Verschiebungen im Ökosystem – sogenannten Regime Shifts – spricht. Wissenschaftler verstehen darunter nachhaltige Veränderungen in der Struktur eines Ökosystems. Dabei übernehmen andere Arten die Funktionen von den bisher ansässigen Arten wie der Scholle oder dem Kabeljau.

Die Veränderungen im Ökosystem bleiben jedoch nicht nur auf das Wattenmeer begrenzt, sondern wirken auf die gesamte Nordsee. Bislang galt der Jadebusen nämlich als Kinderstube für Scholle und Kabeljau: Zum Laichen kehrten die Fische in der Vergangenheit regelmäßig in den Jadebusen zurück. Doch das scheint sich nun allmählich zu ändern: Jungfische von Kabeljau und Scholle sind immer seltener in der Nordseebucht zu finden. Den kälteliebenden Arten wird es zu warm.

Dass die Temperaturen in der Nordsee steigen, belegen Daten vom Alfred-Wegener-Institut, das rund 100 Kilometer vor dem Jadebusen nahe der Nordsee-Insel Helgoland die Meerestemperaturen misst. Seit mehr als 50 Jahren zeichnen Wissenschaftler von der Biologischen Anstalt Helgoland an jedem Werktag die Temperatur, den Salz- und Nährstoffgehalt sowie die Trübung des Nordseewassers auf. Entstanden ist dabei eine Langzeitreihe; die Daten zeigen, dass die Nordsee seit Beginn der Messungen im Jahresmittel um rund 1,7 Grad wärmer geworden ist. Die Deutsche Bucht erwärmt sich schneller als andere Regionen der Nordsee. Das liegt daran, dass die Bucht flach ist und dort viele Flüsse münden.

Flucht in den kühlen Norden

Wie sich die Klimaveränderungen langfristig auf die Fischbestände auswirken, muss nach Ansicht von Kröncke weiter untersucht werden. Modellierungen der Senckenberg-Gesellschaft bis Ende des Jahrhunderts lassen aber einen tiefgreifenden Wandel vermuten: Über 60 Prozent der bodenlebenden Fauna werden demnach ihren Lebensraum verlagern. Zwar werden Seesterne, Seeigel und Einsiedlerkrebse weiterhin in der Nordsee zu finden sein, aber die Meeresbewohner werden weiter nach Norden – und zu einem geringeren Anteil auch nach Süden – ziehen.

Auch wenn sich bereits nicht heimische Spezies wie die Pazifische Auster in der Nordsee angesiedelt haben, sieht Kröncke noch keine Gefahr für einheimische Arten. Auch Forscher des Alfred-Wegener-Instituts sagen, dass sich bisher noch keiner der Einwanderer – wie Beerentang, Gespensterkrebs, Streifenbarbe oder eben die Pazifische Auster – eine einheimische Nordseeart komplett verdrängt hat.

BildDie globale Erwärmung verändert das Wattenmeer. Manche Arten kommen damit gut klar, andere werden verdrängt. (Foto: Ralf Roletschek/​Wikimedia Commons)

Vor allem die hiesige Fischerei scheint sich anpassen zu müssen. Strandkrabben sind bei der Kundschaft allerdings weniger gefragt als Kabeljau oder Scholle: "Die müssen dann eben exportiert werden", sagt Kröncke. Nach China zum Beispiel – dort gelten die Krabben anders als hierzulande als Leckerbissen.