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Heft 14: Biodiversität

Naturschutz ist kein Luxusthema und darf sich nicht auf Schutzgebiete beschränken. Es geht um die langfristige Sicherung unserer Lebensgrundlagen.
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Heft 14: Biodiversität

Artensterben in Variablen gepresst

Wissenschaftler versuchen mit höherer Mathematik das Verschwinden der Arten fassbar zu machen. Die Methode hat Vor- und Nachteile. Komplexe Zusammenhänge durch wenige Indikatoren zu beschreiben soll die Politikberatung erleichtern. Ökologen sind skeptisch.

Text: Jörg Staude

Zwischen 7,5 und zehn Millionen Arten leben auf der Erde. Jahr für Jahr werden Tausende neu entdeckt, zugleich sterben, meist durch menschengemachte Ursachen, zwischen 10.000 und 60.000 für immer aus – ein Prozess mit einer inzwischen zivilisationsbedrohenden Dynamik, wie am Schicksal blütenbestäubender Insekten zu sehen ist.

BildTiger-Passionsblumenfalter: Weltweit sind blütenbestäubende Insekten unter Druck, vor allem durch Lebensraumzerstörung und Agrarchemie. (Foto: Konstanze Staud)

Wie aber lässt sich angesichts der unüberschaubaren Wechselwirkungen zwischen den Arten und zwischen Natur und Mensch herausfinden, welche Ursachen in welchen Regionen für den Schwund verantwortlich sind? Das Wissensrennen erscheint ziemlich aussichtslos: Bis man alle Arten erfasst hätte, wären die meisten schon ausgestorben.

Schon 2013 entwickelte deswegen die internationale Initiative GEO BON (Group of Earth Observation Biodiversity Observation Network) das Konzept der Essenziellen Biodiversitätsvariablen, kurz EBVs. Weltweit werden dabei zum Beispiel Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere an Land, im Meer und im Süßwasser beobachtet und das Wachsen oder Schrumpfen der Populationen wird registriert. Ein "Abundanz" genannter Kennwert spiegelt dann die Anzahl der Individuen einer Art in einem bestimmten Lebensraum über die Zeit wider. Dieser Wert stellt dann die Essenzielle Biodiversitätsvariable dar. Aus den EBVs können Forscher zum Beispiel den Living Planet Index berechnen, einen globalen Indikator für den Zustand der Wirbeltierwelt.

Für Ulrich Sukopp vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) sind die EBVs ein "sinnvoller pragmatischer Ansatz". Weil das vom Menschen verursachte Artensterben vorerst mehr oder weniger schnell weitergehen wird, sei es wichtig, "belastbare Daten über die Gefährdung, den Rückgang und das Aussterben möglichst vieler Arten in möglichst vielen verschiedenen Artengruppen zu sammeln", argumentiert der staatliche Naturschützer. Da aber diese Daten weder für alle Arten noch weltweit flächendeckend verfügbar sind, müsse man zumindest für einen Teil des Artenspektrums solche Datensätze erstellen – eben in Form der Essenziellen Biodiversitätsvariablen.

Für Politikberatung zu schmal

Dirk Schmeller vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), der selbst zu den Variablen forscht, sieht die EBVs als "Bindeglieder" zwischen den Rohdaten und den Indizes. So hätten Forscher für den Bundesstaat New South Wales in Australien elf EBVs ausgemacht, mit denen sie die gesamten Veränderungen der dortigen Fauna und Flora nachvollziehen können. Bis in die Politik wirkten die EBVs aber noch nicht hinein, räumt Schmeller ein. Handlungsempfehlungen auf Basis des EBV-Konzepts zu erarbeiten werde derzeit erst erprobt.

Ein Knackpunkt dabei ist, erklärt der Wissenschaftler, dass es noch keine globalen Datenstandards gebe. So vergleiche man teilweise EBVs auf der Basis von Maus-Populationen mit denen von Elefanten.

BildDas Aussterben der Arten kann man nicht wirksam aufhalten, aber dessen Schnelligkeit berechnen. (Foto: Eric Wüstenhagen/​Flickr)

BfN-Mann Sukopp beurteilt die Praxistauglichkeit der EBVs recht skeptisch. Für die Politikberatung müsse man einen wesentlich breiter aufgestellten Indikatorensatz nutzen, wie er etwa für die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt in Deutschland etabliert ist. In der Biodiversitätsstrategie, erläutert er, gebe es zum Beispiel "Belastungsindikatoren", die Ursachen für die Gefährdung der Artenvielfalt wiedergeben, oder "Maßnahmenindikatoren", die den Sinn von Regeln hinterfragen, von denen man annimmt, dass sie die biologische Vielfalt verbessern. Ein solches Herangehen stellt aus Sicht des BfN-Experten klarer die Erfolge und Misserfolge beim Erreichen von Naturschutz-Zielen dar als die Bewertung auf Basis der EBVs.