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Heft 14: Biodiversität

Naturschutz ist kein Luxusthema und darf sich nicht auf Schutzgebiete beschränken. Es geht um die langfristige Sicherung unserer Lebensgrundlagen.
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Heft 14: Biodiversität

Das Paradies der Arten

In Costa Rica gibt es so viele Tier- und Pflanzenarten wie sonst kaum irgendwo. Ein Drittel des Landes ist Naturschutzgebiet. Doch das Paradies ist bedroht – auch wegen der Ein-Euro-Ananas bei uns.

Text: Susanne Schwarz

Costa Rica hörte erst auf, als es schon richtig schlimm war. Mitte der 1980er Jahre hatte das ursprünglich mit Wald bedeckte Land in Mittelamerika fast 80 Prozent seiner Fläche kahlgeschlagen. Unter Präsident Óscar Arias, der 1986 ins Amt kam, wurden Aufforstungspläne geschmiedet. Heute ist wieder mehr als die Hälfte des Landes bewaldet. Die neuen Bäume sind zwar kein vollständiger Ersatz für die früheren üppigen Regenwälder. Sie helfen aber, das zu erhalten, für das Costa Rica berühmt ist.

BildCosta Rica hat den Wert seiner Natur erkannt. (Foto: Trish Hartmann/​Flickr)

Nämlich dafür, dass es dort kriecht, krabbelt, flattert und schwimmt. Es atmet, es wächst. Mehr als anderswo. Costa Rica gehört zu den 20 Ländern mit der größten Artenvielfalt der Welt. Das liegt an den besonderen klimatischen Verhältnissen. Hier gibt es nicht einfach ein Klima. Das Land, das kleiner ist als Bayern, hat zahlreiche Ökosysteme mit jeweils eigenem Mikroklima: Vulkanische Bergketten und Täler, die sogenannten Schwemmlandebenen an der Karibikküste, die Pazifikküste, die trockene Provinz Guanacaste.

Etwa 1.500 Fischarten sind hier heimisch, 175 Amphibien- und 225 Reptilienarten. Hinzu kommen fast 900 Vogel- und 250 Säugetierarten, 360.000 Insektenarten und 9.000 Pflanzenarten.

Artenschutz steht im Lehrplan

Ex-Präsident Arias hat mehrere Vermächtnisse. Eines ist seine Friedensinitiative im bürgerkriegsgeschüttelten Mittelamerika der Achtzigerjahre. Das andere ist die Umweltpolitik. Auch nachdem er 1990 aus dem Amt schied, blieb der Schutz der Natur und der Arten wichtig. Damals ahnte noch niemand, dass er 2006 ein zweites Mal zum Präsidenten gewählt würde und ein Jahr später mit seiner "Initiative Frieden mit der Natur" für Klimaschutz werben würde. Als 1993 die Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen in Kraft trat, gab Costa Rica bekannt, sie als erstes in die Tat umsetzen zu wollen. Naturschutz wurde in die Lehrpläne der Schulen geschrieben. Fast ein Drittel des Landes wurde zum Naturschutzgebiet gemacht.

Das ist sogar zu einem Wirtschaftszweig geworden: Ökotourismus. Hotels werben mit solarmodulbepflasterten Dächern, mit Faultieren direkt vor der Haustür, mit regionalen Produkten und guten Arbeitsbedingungen für Menschen vor Ort. Das ist sozusagen staatlich verordnet. Es gibt eine nationale Tourismus-Behörde, die soziale und ökologische Verantwortung in der Urlaubswirtschaft sicherstellen soll. Die Strategie fruchtet: Etwa 2,5 Millionen Urlauber kommen pro Jahr ins Land. Der Tourismus hat mittlerweile die Landwirtschaft als wichtigsten Wirtschaftsfaktor abgelöst.

Aber auch in diesem Paradies gibt es Ärger. Am Meer etwa haben sich Shrimps-Züchter angesiedelt – und für ihre Arbeit viele der Mangroven gefällt, die im tropischen Küstenwasser wachsen. Die Bäume sind Lebensraum für zahlreiche Fische, die in ihrem Wurzelgeflecht laichen. Auch für Menschen und Landtiere bieten sie Schutz, denn sie brechen Flutwellen, die durch den Klimawandel wohl häufiger werden.

Der Weltmarkt wildert im Paradies

Costa Rica ist vielleicht ein malerisches Kleinod, aber es ist auch ein Entwicklungsland, in dem viele Menschen arm sind. Die Waldrodung bis vor rund 30 Jahren war kein Zeitvertreib für Hobby-Holzfäller und Pyromanen. Hier wurde Platz geschaffen für Ananas-, Kaffee- und Bananenplantagen, deren Erzeugnisse in aller Welt gegessen wurden und werden.

Die costa-ricanischen Fincas verkaufen ihre Waren an große Lebensmittelkonzerne wie Fresh Del Monte. Artenvielfalt, Klimaschutz oder andere ökologische Werte an die erste Stelle zu setzen, können sich viele Bauern nicht leisten, wenn die Ananas für irgendetwas um einen Euro herum über deutsche Ladentheken geht.

Am billigsten lässt sich die internationale Nachfrage erfüllen, wenn jede Finca sich spezialisiert: entweder Ananas oder Banane. Wer mischt, verdient weniger Geld. Angebaut wird in Reih' und Glied auf Plantagen. Die ökologischen Folgen der Monokultur sind ebenso bekannt wie fatal. Über Jahre entziehen die Bäume dem Boden immer die gleichen Nährstoffe, sodass mit Kunstdünger nachgeholfen werden muss. Der einseitige Anbau ruft hartnäckige Schädlinge und Unkräuter auf den Plan, gegen die nur noch die Chemiekeule hilft.

BildKolibri im Regenwald: Costa Rica setzt auf Ökotouristen aus den reichen Ländern – Klimaschutz ist das noch nicht. (Foto: Céline Colin/​Flickr)

Die Pflanzen- und Insektengifte versickern im Boden. Rings um Ananas-Anbaugebiete ist das Wasser teils mit dem Herbizid Bromacil verseucht. Das Pflanzengift ist in der gesamten EU seit 2002 nicht mehr zugelassen. In bestimmten Gebieten empfiehlt die costa-ricanische Regierung den Menschen wegen der Bromacil-Verseuchung, nicht das Wasser aus der Leitung zu trinken, und schickt Tankwagen mit sauberem Wasser. Halbwegs in Sicherheit ist damit allerdings nur eine Art – bei Weitem nicht die Vielfalt.