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Heft 14: Biodiversität

Naturschutz ist kein Luxusthema und darf sich nicht auf Schutzgebiete beschränken. Es geht um die langfristige Sicherung unserer Lebensgrundlagen.
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Heft 14: Biodiversität

Das Projekt der neuen Sesshaftigkeit

Beim Naturschutz geht es nicht um Nationalparks, sondern um unser Überleben. Können wir nach einem Jahrhundert "blinder Verbesserung" auf dem Planeten heimisch werden?

Text: Michael Müller

Rund die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten in Deutschland gilt als gefährdet – durch die intensive Landnutzung, einen extensiven Flächenverbrauch, das unmäßige Zerschneiden der Lebensräume mit Siedlungen und Verkehrswegen und nun auch durch den vom Menschen verursachten Klimawandel. Das kommt zusammen und verstärkt sich.

Der Klimawandel führt zu gravierenden Veränderungen, vor allem in der Verteilung der Niederschläge, die im Sommer um bis zu 40 Prozent abnehmen, während sie im Winter um diese Größenordnung zunehmen können. Dabei wird der Grundwasserspiegel absinken, was weitreichende Auswirkungen auf die vielen wasserabhängigen Ökosysteme haben wird. Auch die Konsequenzen für die Böden und die Land- und Forstwirtschaft sind schwerwiegend.

Kurz: Wir wissen sehr genau, was schon geschehen ist und was in der Zukunft noch geschehen kann. Dennoch wird das Verhältnis zur Natur nicht bestimmt von Achtung und Vernunft, nicht von Wissen und Verantwortung, nicht von Vorsorge und Nachhaltigkeit, sondern vom hemmungslosen Raubbau der Ressourcen, von kurzfristigen ökonomischen Nutzungsinteressen und von der schnellen Gewinnmaximierung. Mit der Entkopplung der Finanzökonomie von der Realwirtschaft, der Industrialisierung der Landwirtschaft und der Spekulation mit Boden, Ressourcen und Nahrungsmitteln hat sich die Gefährdung der Natur extrem verschärft. Bei der Zerstörung der Biodiversität werden planetarische Grenzen bereits überschritten.

Der Biologe Michael Succow beschreibt den schmalen Grat, auf dem wir uns unausweichlich bewegen: "Lassen wir die Natur unverändert, kann die Menschheit nicht existieren; zerstören wir sie, geht sie zugrunde. Der schmale, sich verengende Weg zwischen Bewahren und Zerstören kann nur einer Gesellschaft gelingen, die sich mit ihrem Wirtschaften in die Natur einfügt und die sich in ihrer Ethik als Teil der Natur empfindet."

Natürliche und soziale Mitwelt gehören zusammen

Das Anthropozän, also die vom Menschen verursachte Naturkrise in der wissenschaftlich-technischen Welt, macht überdeutlich, dass dieser grundlegende Paradigmenwechsel genau jetzt beginnen muss. Entscheidend dafür ist das Einfühlen in die natürliche Mitwelt und die Verwirklichung ihrer Rechte – wie auch der Rechte der sozialen Mitwelt. Beides gehört zusammen.

Indizien weisen darauf hin, dass das, was unsere Gesellschaft zusammenhält, aufgezehrt wird. Der Glaube, dass gesellschaftlicher Fortschritt gleichbedeutend ist mit der Entfaltung der Produktivkräfte, also technischem Fortschritt und permanentem wirtschaftlichem Wachstum, wird auf unserer "ungleichen, überbevölkerten, verschmutzten und störanfälligen Erde" widerlegt und ist längst an ökologische Grenzen gestoßen. Die in der Kultur- und Naturgeschichte gebildeten Güter werden verwirtschaftet. Die heutige Menschheit lebt zulasten der Nachwelt.

Das Anthropozän verlangt von uns, dass der Mensch, wie der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi in seinem Hauptwerk "Die Große Transformation" forderte, nach mehr als "einem Jahrhundert blinder 'Verbesserung'" darangehen sollte, "seine Behausung wiederherzustellen". Deshalb spricht der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer-Abich vom "Projekt der erneuten Sesshaftigkeit". Das heißt: Sesshaft werden in dem Ganzen, von dem der Mensch ein Teil ist.

Insofern geht es beim Naturschutz nicht nur um weitere Schutzzonen und Nationalparks, nicht nur um mehr Artenschutz, so wichtig das ist und bleibt, sondern um die Zukunft der Menschheit insgesamt, um eine soziale und ökologische Umgestaltung in eine Kultur der Nachhaltigkeit.

BildGefahr droht woanders: Die Idee von der Bewahrung der Natur in Schutzzonen ist zu kurz gedacht. (Foto: Schulze von Glaßer)