Heft 19: Gesundheit

Heft 19: Gesundheit

Die Umweltschäden holen die Menschen ein. Ohne Umweltpolitik kommt Gesundheitspolitik nicht mehr aus. Deshalb braucht es jetzt ein Bündnis.
Das Heft als PDF (1,8 MB) – März 2018
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Heft 19: Gesundheit

Stressfaktor Lärm

Keine andere Branche wächst so stark und ungebremst wie der Verkehr. Damit steigt auch die Lärmbelastung. Viele Bürger wollen es nicht mehr hinnehmen, dass die Politik dagegen viel zu wenig unternimmt.

Text: Verena Kern

Als die Fluggesellschaft Air Berlin kürzlich pleiteging, war ein Posten in der Konkursmasse besonders begehrt: die Slots der Firma. Slots, das sind die Start- und Landerechte, die eine Airline besitzt. Sie sind längst knapp, in Deutschland, aber auch anderswo. Weil die Zahl der Flüge und Fluggäste seit Jahren rasant steigt, platzen viele Flughäfen förmlich aus allen Nähten. Ohne neue Pisten bleibt nur das Gezerre um die Slots.

BildMehr Flugverbindungen bedeuten auch mehr Stress für Menschen, die in Flughafennähe wohnen – dort bleiben nur wenige Stunden Ruhe am Tag. (Foto: Marcus Cyron/​Wikimedia Commons)

Schon heute sind täglich rund 30.000 Flugzeuge über Deutschland unterwegs. Ein Drittel davon sind Überflüge. Und die Branche boomt wie keine andere. In 15 bis 20 Jahren, schätzen Experten, wird sich das Flugverkehrsaufkommen weltweit verdoppelt haben. Eine Umkehr des Wachstumstrends ist nicht in Sicht, nicht einmal eine Stabilisierung auf hohem Niveau.

Für das Klima ist das ein Problem. In keinem anderen Sektor steigen die Treibhausgas-Emissionen schneller. Reduktionspflichten fehlen bislang, von einem Null-Emissions-Ziel ganz zu schweigen. Doch auch die Anwohner der Flughäfen sind inzwischen genervt. Ihnen machen nicht nur die Abgase des Luftverkehrs zu schaffen. Es ist vor allem die chronische Lärmbelastung, mit der sie zu kämpfen haben.

Für viele ist das mittlerweile wörtlich zu verstehen. Überall im Land sind in den letzten Jahren Bürgerinitiativen gegen Fluglärm entstanden. Sie wollen nicht mehr hinnehmen, dass Wirtschaftswachstum über alles geht. Es brodelt gewaltig. Die Unzufriedenheit ist groß. Je nach Bautyp und Entfernung sind startende Flugzeuge so laut, dass die Gartenstühle nur noch selten oder gar nicht benutzt werden.

Der Körper gewöhnt sich nicht an Lärm

Rund um Deutschlands größten Flughafen in Frankfurt am Main gibt es heute kaum eine Stadt ohne Bürgerinitiative. Am Flughafen gibt es seit Langem immer montags Demonstrationen. Im 40 Kilometer entfernten Mainz zogen Gegner des Airport-Ausbaus mit Transparenten vor das Stadtschloss, auf denen "Fluglärm zerstört Mainz und Rheinhessen" zu lesen war. Auf dem Rosenmontagszug war ein Motivwagen dem Flugverkehr als "Klimakiller Nummer eins" gewidmet. Die Programme zum Schallschutz, um die sich die hessische Landesregierung bemüht, gelten den Initiativen als "Mogelpackung" und "politische Bankrotterklärung".

Lärm, das ist inzwischen gut belegt, ist ein Stressfaktor, der viele krank macht. Lärm wirkt auf das Nervensystem und das hormonelle System ein und führt zu Veränderungen der Kreislauf- und Stoffwechselregulierung. Das gilt selbst dann, wenn man sich an den Lärm gewöhnt hat und meint, man würde ihn gar nicht mehr hören. Der Körper hört ihn eben doch.

Die Liste der möglichen Folgen ist lang: Gehörschäden, Änderungen bei Blutfetten, Blutzucker und Gerinnungsfaktoren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Herzkrankheiten einschließlich Herzinfarkt, Beeinträchtigungen des Immunsystems und insgesamt eine erhöhte Sterblichkeit. Auch psychische Beschwerden bis hin zu Depressionen können auftreten. Bei Kindern kann zu viel Lärm die Sprachentwicklung und mentale Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Selbst bei Krebserkrankungen kann chronischer Lärm ein Faktor sein.

Zu Straßenlärm schweigt der Koalitionsvertrag

Und die Belastung ist praktisch überall. Drei von vier Bundesbürgern fühlen sich von Lärm belästigt. Dabei ist der Fluglärm, weil ungleich verteilt, nicht das größte Problem. Davon fühlen sich 21 Prozent gestört. Viel verbreiteter ist der Straßenlärm. Mehr als die Hälfte der Menschen – 54 Prozent – findet den Straßenverkehr im Wohnumfeld zu laut.

Dass die künftige Bundesregierung daran grundlegend etwas ändert, ist kaum zu erwarten. In ihrem Koalitionsvertrag haben Union und SPD lediglich festgehalten, dass sie die Verschärfung der Lärmzulassungsgrenzwerte für neue Flugzeuge auf internationaler Ebene "befürworten". Mit dieser Maßnahme will die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO das Lärmproblem der wachsenden Branche in den Griff bekommen.

BildAn den "Lebensadern" der autogerechten Stadt will niemand wohnen. Umzudenken fällt den meisten Städten schwer, sie stellen höchstens Lärmschutzwände auf. (Foto: Gras-Ober/​Wikimedia Commons)

An den Schienenlärm haben die Groko-Verhandler zwar gedacht. Er soll laut Koalitionsvertrag bis 2020 halbiert werden. Allerdings ist der Schienenlärm der kleinste Faktor beim gesamten Verkehrslärm. 17 Prozent der Bürger fühlen sich dadurch gestört. Über das größte Problem, den Lärm von Pkw und Lkw, schweigt das Papier.