Heft 19: Gesundheit

Heft 19: Gesundheit

Die Umweltschäden holen die Menschen ein. Ohne Umweltpolitik kommt Gesundheitspolitik nicht mehr aus. Deshalb braucht es jetzt ein Bündnis.
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Heft 19: Gesundheit

Wenn der Schrecken im Nacken sitzt

Nach einer Umweltkatastrophe zählt man die Toten und Verletzten. Kaum jemand spricht über die psychologischen Folgen von Stürmen oder Überschwemmungen. Doch Psychologen warnen vor den Auswirkungen des Klimawandels auf die mentale Gesundheit und fordern mehr Prävention.

Text: Susanne Götze

Auf einem Sofa sitzt zusammengesunken ein junger Mann, schmal und verstört, als hätte er gerade einen Geist gesehen. "Ich hatte so eine Angst", sagt er und bricht in Tränen aus. Der Philippiner ist ein Überlebender eines Taifuns. Obwohl die Katastrophe schon über drei Jahre her ist, kann er bei einem Interview mit dem Klimaaktivisten und Politstar Al Gore nicht an sich halten, der Schrecken jener Stunden sitzt ihm immer noch im Nacken.

BildKlimawandel als Katastrophe: Auf einmal ist alles weg und es wird nie wieder so sein wie früher. (Foto: aus dem Film "An Inconvenient Sequel: Truth To Power")

In seinem neuen Film "Immer noch eine unbequeme Wahrheit" erzählt Gore den Klimawandel nicht mehr als drohende Katastrophe, sondern als ein Phänomen, das längst unseren Alltag eingeholt hat und als ständige Bedrohung in unser Leben sickert. Nicht mehr weit weg, sondern vor unserer Haustür können wir nun die immer schlimmeren Folgen der globalen Erwärmung erleben.

Dafür watet der wohl prominenteste Klimaschützer nicht nur durch überflutete Straßen und besichtigt die tauenden Polkappen, sondern er trifft auch die Opfer. Er zeigt Bilder von verängstigten Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben, deren Häuser von Wirbelstürmen zerstört wurden und deren Angehörige ertrunken sind oder verschüttet wurden.

Damit berührt Gore einen wunden Punkt: Nach Extremwetterereignissen wie Überflutungen oder Hitzewellen werden üblicherweise Todesopfer und Verletzte gezählt. Eventuelle psychische Folgen werden in der Regel ausgeblendet. Wie die Psyche der Überlebenden mit dem Existenzverlust oder dem Schock klarkommt, ist deren Problem.

Klimaforscher gehen davon aus, dass die Stärke und Häufigkeit von Naturkatastrophen wie Hochwasser, Starkregen und Dürren zunehmen. Naturkatastrophen wie die Hurrikans Harvey, Irma und Maria sowie Überschwemmungen, Waldbrände, Dürren und Erdbeben haben im vergangenen Jahr die Versicherungsbranche so viel Geld gekostet wie nie.

Steigende Selbstmordraten nach Hurrikan Katrina

Nun warnt der nordamerikanische Fachverband für Psychologie, die American Psychological Association: Die Folgen der Erderwärmung können psychische Krankheiten wie Depressionen auslösen. Der Verband und die Nichtregierungsorganisation Ecoamerica weisen in ihrem mittlerweile zweiten Report über die psychische Gesundheit in Zeiten des Klimawandels auf diese oft vernachlässigten Leiden hin.

Der Klimawandel könne direkte und indirekte Folgen für das psychische Wohlbefinden haben, heißt es in dem Bericht. "Einige Effekte resultieren direkt aus Naturkatastrophen, die durch den Klimawandel verstärkt werden – etwa Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände oder Hitzewellen. Andere Folgen treten graduell zutage durch zunehmende Temperaturen oder steigende Meerespegel, die Menschen zur Migration zwingen."

Übliche Reaktionen auf den resultierenden Stress seien Depressionen, Angststörungen, Aggression oder Drogenabhängigkeit. So habe man nach dem verheerenden Hurrikan "Katrina" 2005 innerhalb kürzester Zeit einen drastischen Anstieg der Zahl der Selbsttötungen verzeichnen müssen. Betroffen von psychischen Erkrankungen seien beispielsweise auch Bauern, die ihre Äcker verlassen müssen, weil nicht mehr genügend Regen fällt. Für große Bevölkerungsgruppen sind die Risiken laut Report erhöht: etwa für Menschen mit Vorerkrankungen, weniger Gebildete oder Einkommensschwache.

"Den Klimawandel zu ignorieren macht es nur schlimmer"

Der Schlüssel zur Bekämpfung psychischer Schädigungen, so die Forscher, sei Vorsorge  – und die müsse nicht teuer sein. Vorsorge beginne vor allem damit, die soziale Vernetzung zu stärken: Nachbarn, Bürger, Kollegen müssten näher zusammenrücken, um sich im Falle einer Katastrophe unterstützen zu können. "Die eigene Widerstandsfähigkeit steigt enorm, wenn es ein funktionierendes soziales Umfeld gibt", heißt es in dem Bericht. "Forschern zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung während und nach einer Naturkatastrophe und einer geringen Häufigkeit psychologischer Erkrankungen."

Nachhaltigere Lebensstile führen übrigens ganz nebenbei zu einem Mehr an sozialen Kontakten: Statt allein im Auto zu sitzen, trifft man zu Fuß oder im Bus wesentlich mehr Mitmenschen. Den öffentlichen Raum zu beleben, so die Studie, könne den Menschen in schwierigen Situationen nützen – beispielsweise wenn es um Erste Hilfe geht.

BildÜberschwemmungen in New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina": Bis heute sind viele Menschen traumatisiert. (Foto: Carol Colman/​Pixabay)

Doch nicht nur gute Nachbarschaft hilft, sondern vor allem der Informationsaustausch, betonen die Studienautoren. Wer mehr miteinander redet, so die Annahme, informiere sich auch besser über Gefahren. "Der Umstand, dass die meisten von uns den Klimawandel ignorieren, macht seine Folgen noch schlimmer, denn wir wissen nicht genau, was uns erwartet, und das Ganze bleibt irgendwie unheimlich", erklärt die Psychologin und Studienautorin Susan Clayton in der Washington Post. "Aber wenn wir uns informieren, was in unserer Region passieren kann, sind wir besser vorbereitet und behalten die Kontrolle."