Heft 19: Gesundheit

Heft 19: Gesundheit

Die Umweltschäden holen die Menschen ein. Ohne Umweltpolitik kommt Gesundheitspolitik nicht mehr aus. Deshalb braucht es jetzt ein Bündnis.
Das Heft als PDF (1,8 MB) – März 2018
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Heft 19: Gesundheit

Wir brauchen eine Umweltmedizin 2.0

Es ist überfällig, der Umweltmedizin und der umweltmedizinischen Forschung nach dem Bedeutungsverlust in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wieder einen größeren Stellenwert zu geben und sie bundesweit deutlich auszubauen. Dazu braucht es eine konzertierte Strategie. Der Anstoß muss von Politik und Krankenkassen kommen.

Text: Franz Daschner

Die Autoindustrie nebelt Affen in einem Versuch mit Abgasen ein, um die Unschädlichkeit von Dieselabgasen nachzuweisen – diese Nachricht löste im Januar 2018 einen bundesweiten Skandal aus. Das Vorgehen war in der Tat unethisch. Der viel größere Skandal liegt aber darin, dass seit Jahren und Jahrzehnten im Alltag unkontrollierte Menschenversuche mit Luftschadstoffen gemacht werden, die die Gesundheit vieler Mitbürger schädigen. Die Europäische Umweltagentur schätzt, dass Luftschadstoffe, die zu einem großen Teil vom Verkehr verursacht werden, europaweit pro Jahr 520.000 und in Deutschland allein 80.000 vorzeitige Todesfälle auslösen.

Nun sind solche Zahlen zwar mit Vorsicht zu genießen. Sie beruhen auf Schätzungen, weil eine eindeutige Zuordnung der Ursachen der Todesfälle meist unmöglich ist. Betroffen sind üblicherweise ältere, bereits geschwächte oder vorerkrankte Menschen, und fast immer gibt es mehrere Ursachen. Die Betroffenen sind wie alle anderen Mitbürger einem ganzen Cocktail von Schadstoffen ausgesetzt. Die genauen Zusammenhänge müssen durchaus weiter erforscht werden, und hier können kontrollierte Studien mit freiwilligen Testpersonen durchaus Sinn machen, wie sie im Zusammenhang mit den Affenversuchen ebenfalls heftig kritisiert wurden.

Viel zu hohe Schadstoffbelastungen

Der aktuelle Skandal belegt: Es ist überfällig, der Umweltmedizin und der umweltmedizinischen Forschung, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung verloren hat, wieder einen größeren Stellenwert zu geben und sie bundesweit deutlich auszubauen. Die Zunahme vieler Krankheiten wie Herz-, Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Allergien und Krebs muss wieder stärker unter umweltmedizinischen Gesichtspunkten gesehen werden.

Wie wichtig es wäre, die Umweltmedizin zu stärken, ergibt sich aus der Komplexität der Problemlage. Die Gesundheitsbelastungen durch den Verkehr stehen zurzeit im Fokus, und das zu Recht. Doch hinzu kommen weitere potenziell krank machende Einflüsse wie Lärm oder der tägliche Kontakt mit Chemikalien, die unter Krebsverdacht stehen oder erbgutverändernd wirken.

Trotz der Notwendigkeit, die Datenlage zu den Krankheitsursachen zu verbessern, ist längst klar: Die Schadstoffbelastung unserer Atemluft, anderer Umweltmedien und auch von Produkten des täglichen Gebrauchs ist immer noch viel zu hoch. So reichen zum Beispiel die in den 1980er Jahren begonnenen Bemühungen, die Luft sauberer zu machen – etwa durch Schwefelfilter in Kohlekraftwerken, Auto-Katalysatoren, Partikelfilter und Vorschriften zur zulässigen Maximalbelastung im städtischen Raum – bei Weitem nicht aus, um Umweltgefahren für die Gesundheit der Menschen auszuschließen.

Zumal die Vorschriften im Verkehrssektor, wie jetzt beim Dieselskandal dokumentiert, von den Autokonzernen ausgehebelt wurden. Die Reinigung der Abgase funktioniert nur im Testlabor ordnungsgemäß, nicht auf der Straße. Hier führt kein Weg daran vorbei, Fahrverbote auszusprechen und so Politik und Autobauer zu einer wirksamen Nachrüstung der Diesel-Pkw zu zwingen.

Verkehr, Holzheizung, Chemieprodukte

Der Verkehr ist eine der Hauptquellen der umweltmedizinischen Probleme. Die hier ausgestoßenen Schadstoffe wie Stickoxide, Feinstaub und Ozon entfalten eine besonders große Wirkung, weil die Menschen als Passanten auf den Straßen oder in Wohnungen an viel befahrenen Verkehrsadern besonders betroffen sind. Hinzu kommt der Lärm, der mit dem Verkehr verbunden ist – an Straßen, Schienenwegen und in der Nähe von Flughäfen.

Andere Quellen von Belastungen dürfen jedoch keineswegs vernachlässigt werden. Wichtige weitere Quellen für Schadstoffe sind Hausheizungen, Industrieanlagen und die Intensivlandwirtschaft. Ein besonderes Problem ist die unter Klimaschutz-Gesichtspunkten grundsätzlich sinnvolle Nutzung von Holz zum Heizen. Speziell die oft verkauften Kaminöfen aus dem Baumarkt, in denen Scheitholz verbrannt wird, haben sich im Winter in vielen Wohngegenden zu einem echten Umweltproblem entwickelt. Bei entsprechenden Wetterlagen werden extrem hohe Feinstaubwerte gemessen.

Hier müsste der Gesetzgeber deutlich stärker als bisher reglementierend eingreifen. Die politische Förderung der Holzheizungen sollte überdacht werden, solange nicht garantiert ist, dass der Brennstoff aus Reststoffen oder nachhaltiger Forstwirtschaft stammt und mit niedrigen Feinstaub- und Stickoxidwerten verbrannt wird.

Die Schadstoffe in der Außenluft dominieren das Krankheitsgeschehen. Aber auch in Innenräumen, in Haushalten, Büros und Betrieben, gibt es vielfältige Einflüsse, die krank machen können. So kommen jeden Tag neue, bisher zu wenig untersuchte Chemikalien auf den Markt – und alle haben sie zumindest das Potenzial, Schäden zu verursachen.

Interessanterweise wird eine der häufigsten Allergien bei Hausfrauen durch Duft- und Farbstoffe ausgelöst, die etwa in Reinigungsmitteln vorkommen. In den Büros spielt der Tonerstaub eine große Rolle, der im Verdacht steht, Allergien und Erkrankungen der Luftwege auszulösen.

Zu wenig Gesundheitsvorsorge

Das alles zeigt: Das Problem "Umweltbelastung und Gesundheit" ist keineswegs gelöst. Dass es hier einen Zusammenhang gibt, rückte seit den 1970er Jahren zunehmend ins öffentliche Bewusstsein – unter anderem durch die giftigen Holzschutzmittel, die auch in Innenräumen verwendet wurden, oder den Dioxin-Skandal ("Seveso ist überall"). Die Zahl der Bürger, die umweltmedizinische Beratung und Behandlung suchen, stieg danach deutlich an.

Allerdings ist die Gesundheitsvorsorge auf dem Gebiet auch über 40 Jahre danach noch völlig unzureichend. Fachärzte für "Hygiene und Umweltmedizin" gibt es in ganz Deutschland nur rund 200, Ärzte mit der Zusatzweiterbildung "Umweltmedizin" nur rund 3.000. Und die Zahlen sinken seit Jahren.

Auch an den Universitäten ist ein Abbau der umweltmedizinischen Expertise festzustellen. So ist dort in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Umwelt- und Hygienischen Abteilungen abgebaut worden. In den neuen Bundesländern haben diese Stellen sogar absoluten Seltenheitswert. Und wo es solche Einrichtungen noch gibt, ist es meist extrem schwierig, einen Termin zu bekommen.

Das führt dazu, dass die Umwelterkrankten schlechter versorgt werden und weniger auf dem Feld geforscht wird. Auch die Lehre ist marginal. Im Studium bekommen die angehenden Mediziner zwar einige Grundlagen über Umwelterkrankungen vermittelt, aber kein Wissen in der notwendigen Tiefe. Im Jahr 2015 war die kritische Lage für die deutsche Gesellschaft für Toxikologie Anlass, vor gefährlichen Lücken im Gesundheits- und Umweltschutz zu warnen.

Umweltmedizin aufwerten

Um dies zu ändern, braucht es eine konzertierte Strategie zur Aufwertung der Umweltmedizin. Ziel muss es sein, dass schon die Hausärzte die Zusammenhänge von Umwelteinflüssen und Erkrankungen zumindest so gut kennen, dass sie bei einem Verdacht auf umweltbedingte Krankheiten an den richtigen Spezialisten überweisen können – etwa eine umweltmedizinische Ambulanz an einer Uniklinik. Hierzu müssen die Ausbildung im Studium verbessert und mehr einschlägige Weiterbildungsmöglichkeiten für Ärzte geschaffen werden.

Weiter ist anzustreben, dass es künftig an jeder Universitätsklinik und jeder anderen Schwerpunkt-Klinik eine umweltmedizinische Ambulanz oder zumindest eine umweltmedizinische Beratungsstelle gibt. Erkrankte Bürger können dann in vertretbarer Entfernung von ihrem Wohnort fachlich fundierte Auskunft darüber bekommen, ob an ihrem Verdacht auf eine umweltbedingte Erkrankung etwas dran ist oder nicht.

Zudem muss die Forschung in der Umweltmedizin ausgebaut werden. Dann würde es für die jungen Mediziner auch attraktiver, in diesem Bereich zu arbeiten. Bisher halten viele von ihnen das Fach für unsexy. Man will Chirurg oder Internist werden, "aber doch kein Umweltmediziner".

Der Anstoß zu der überfälligen Aufwertung der Umweltmedizin müsste von den zuständigen Politikern kommen, die Umweltambulanzen für die großen Kliniken vorschreiben müssten. Und natürlich auch von den Krankenkassen, die die Leistungen der Ambulanzen finanzieren würden. Für sie hätte das schließlich große Vorteile. Denn die bisher vielfach übersehen Ursachen vieler Erkrankungen könnten so schneller erkannt und damit kostengünstiger therapiert werden.

BildWer als Mediziner großen Wert auf Vorsorge legt, müsste eigentlich irgendwann zur Umweltmedizin kommen. (Bild: Gordon Johnson/​Pixabay)

Franz Daschner ist emeritierter Medizinprofessor, ehemaliger Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Freiburg und Gründer der Stiftung für eine gesunde Medizin Viamedica. 2000 erhielt er als erster Mediziner den Deutschen Umweltpreis.

Aufgezeichnet von Joachim Wille