Heft 19: Gesundheit

Heft 19: Gesundheit

Die Umweltschäden holen die Menschen ein. Ohne Umweltpolitik kommt Gesundheitspolitik nicht mehr aus. Deshalb braucht es jetzt ein Bündnis.
Das Heft als PDF (1,8 MB) – März 2018
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Heft 19: Gesundheit

"Ärzte sollten sich für den Fossil-Ausstieg engagieren"

BildÄrztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery plädiert für eine engere Verbindung von Gesundheits- und Umweltschutz. Die jährlichen Milliarden zur Schadens­beseitigung seien in gesundheitliche Vorsorge und Umweltmedizin besser investiert.

Der Radiologe Frank Ulrich Montgomery ist Facharzt und Oberarzt am Universitäts­krankenhaus Hamburg-Eppendorf und seit 2011 Präsident der Bundes­ärzte­kammer.

Herr Montgomery, Sie sind Schirmherr des Projekts Klimaretter – Lebensretter. Was sind Ihre Ziele? Ist der Klimaschutz ein Thema in der Ärzteschaft?

Frank Ulrich Montgomery: Natürlich ist er das, denn Klimaschutz geht uns alle an. Deshalb ist es wichtig, auch das Gesundheitswesen in den Kampf gegen die Klimaerwärmung einzubinden, von den Arztpraxen über die Krankenhäuser bis zu den Unternehmen im Gesundheitssektor. Wir sprechen hier von rund 230.000 Einrichtungen – eine riesige Zahl, die wir über Multiplikatoren ansprechen wollen. Die Stiftung Viamedica plant darüber hinaus auch einen nationalen Klimaretter-Tag und einen Preis für Klimaretter.

Wie bewerten Sie die Gesundheitsgefahren durch den Klimawandel? Sollte sich die Ärzteschaft für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen engagieren?

Kein Zweifel: Der Klimawandel ist real, er ist von Menschen gemacht und gefährdet unsere Gesundheit. Nehmen Sie als Beispiel nur die Zunahme von Starkregen in vielen Ländern, auch in Deutschland. Das führt zu Überschwemmungen, verursacht großes Leid und kostet Menschenleben. Deshalb sollte sich auch die Ärzteschaft für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen engagieren. Nicht nur sie, sondern alle am Gesundheitswesen Beteiligten sollten sich für mehr Klimaschutz starkmachen.

Ist das Gesundheitssystem – nicht nur niedergelassene Ärzte oder Krankenhäuser, sondern auch die Krankenkassen – auf steigende und neuartige Umweltbelastungen eingestellt?

Leider nein. Wir müssen viel mehr tun, bei uns in Deutschland und natürlich auch auf der europäischen Ebene, um zum Beispiel die Gefahren durch Spuren von Medikamenten, Östrogenen oder Antibiotika im Leitungswasser zu reduzieren.

In den Ballungsräumen ist die Feinstaubbelastung ein zusätzlicher Risikofaktor. Aktuelle Langzeitstudien bestätigen die gesundheitlichen Gefahren durch Feinstaub, Stickoxide und Rußpartikel. Hinzu kommen neueste Untersuchungen, die etwa erhöhte Risiken für Lungenkrebs bei Erwachsenen und Lungenentzündungen bei Kleinkindern belegen. Ich bin mir sicher, dass die Feinstaubbelastung auch auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag eine Rolle spielen wird.

Die EU kommt zu dem Ergebnis, dass jedes Jahr eine halbe Million Menschen vorzeitig durch Luftverschmutzung sterben. Welchen Stellenwert geben Sie diesen Warnungen?

Diese Zahl ist erschreckend. Wir wissen, was Feinstaub im Körper anrichtet. Je kleiner die Partikel sind, desto größer ist das Risiko. Kleine Partikel dringen nämlich tiefer in die Atemwege ein und bleiben dort, weil sie beim Ausatmen nicht wieder ausgeschieden werden können. Ultrafeine Partikel können sogar über die Lungenbläschen in die Blutbahn gelangen. Und weil in den Lungenbläschen Atmung und Blutkreislauf eng miteinander verbunden sind, können entzündliche Veränderungen im Atemtrakt auch Herz oder Kreislauf beeinträchtigen.

Ist die Umweltpolitik zu wenig "Menschenschutz"? Mischt sich die Gesundheitspolitik zu wenig in den Umweltschutz ein, die Umweltpolitik zu wenig in den Gesundheitsschutz?

Umwelt und Gesundheit sind untrennbar miteinander verbunden. Aber in unserer Gesellschaft herrscht ein eklatantes Ungleichgewicht. Wenn es darum geht, die wirtschaftlichen Folgen von Umweltschäden zu beseitigen, stehen ruckzuck Milliardensummen zur Verfügung. Bei den Budgets für die gesundheitliche Vorsorge oder für die Umweltmedizin regiert hingegen der Rotstift. Das darf so nicht bleiben.

Sie wurden mal als Robin Hood des Gesundheitswesens bezeichnet. Gilt das auch für Umwelt und Gesundheit?

So weit würde ich nicht gehen, schließlich halte ich mich an Recht und Gesetz. Aber Spaß beiseite: Eine intakte Umwelt ist gut für die Gesundheit und die Lebensqualität. Wir dürfen in Deutschland nicht den Weg der Vereinigten Staaten einschlagen, wo ein Donald Trump sich ungerührt über den Umwelt- und Klimaschutz hinwegsetzt. Insbesondere sozial benachteiligte Menschen brauchen eine Lobby. Das ist ein Anliegen, das ich aus voller Überzeugung unterstütze.

BildKrank oder gesund? Häufig kein Schicksal, sondern Folge gesellschaftlicher Verhältnisse. (Foto: Strecosa/​Pixabay)

Welchen Stellenwert hat die Umweltmedizin im Gesundheitssystem? Was müsste getan werden?

Die Umweltmedizin ist erst in den Fokus gerückt, als sich die Gesellschaft in den 1980er und 1990er Jahren stärker für umweltbedingte Einflüsse auf die Gesundheit sensibilisiert hat. Die Bundesärztekammer hat darauf reagiert und in der Muster-Weiterbildungsordnung von 1992 die Zusatzbezeichnung Umweltmedizin etabliert. Um Zugangsbarrieren abzubauen, wurde sie in eine curriculare Fortbildung umgewandelt.

In der Gesundheitspolitik wird die Umweltmedizin als interdisziplinärer Querschnittsbereich allerdings immer noch nicht angemessen wahrgenommen. Die Menschen gehen heute bewusster mit den Auswirkungen von Lärm oder Luftverschmutzung auf ihre Gesundheit um. Daraus ergibt sich ein Bedarf an differenzierten Qualifikationen für eine individualisierte Diagnostik und Therapie und für umweltmedizinische Aspekte der Bevölkerungsmedizin.

Sollte es in der Aus- und Weiterbildung der Ärztinnen und Ärzte mehr Umweltmedizin geben?

Die Umweltmedizin wird in der Muster-Weiterbildungsordnung als Facharztkompetenz zusammen mit der Hygiene behandelt und stellt auf die Bevölkerungsmedizin im Hinblick auf belebte und unbelebte Umweltfaktoren ab. Sie befasst sich mit einer ganzen Reihe von Fragen wie der Wasser-, Luft- oder der Siedlungshygiene.

Ergänzend soll es in der neuen Muster-Weiterbildungsordnung eine Zusatz-Weiterbildung "Klinische Umweltmedizin" geben. Im Mittelpunkt steht dabei die individuelle Beratung über Belastungen aus der Umwelt. Zur Risikokommunikation gehören unter anderem biologische, chemisch-toxische, physikalische und psycho-soziale Stressoren sowie deren Auswirkungen auf die Gesundheit. Diese Kompetenzen werden in der Patientenversorgung zunehmend nachgefragt.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen weist speziell in seinen Jahresgutachten immer wieder auf die hohe Bedeutung einer gesunden Umwelt für die Gesundheit des Menschen hin, ebenso das Umweltbundesamt in seinen Berichten. Wird das von der Ärztekammer aufgegriffen?

Natürlich spielen die Gutachten des Sachverständigenrates eine Rolle für die Arbeit der Bundesärztekammer, besonders die, die sich mit Gesundheits- und Nachhaltigkeitsfragen befassen. Wichtig ist uns vor allem, dass in diesen Berichten Fragen wie Gesundheitsschutz und Umweltqualitätsziele miteinander verbunden werden.

Das Umweltbundesamt ist hier ebenfalls sehr engagiert, gerade wenn es um neuartige Belastungen durch Nanotechnologien, Lärm oder den Klimawandel geht. Gut ist, dass das Umweltbundesamt sich auch mit internationalen Organisationen wie der EU-Kommission, der Europäischen Umweltagentur und der Weltgesundheitsorganisation austauscht.

Interview: Michael Müller