Heft 19: Gesundheit

Heft 19: Gesundheit

Die Umweltschäden holen die Menschen ein. Ohne Umweltpolitik kommt Gesundheitspolitik nicht mehr aus. Deshalb braucht es jetzt ein Bündnis.
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Heft 19: Gesundheit

Editorial

Das Gesundheitssystem verdient am Kranksein statt an Vorsorge und Fürsorge durch gesunde Lebensverhältnisse. Mit zunehmenden Umweltbelastungen nehmen Krankheiten ohne eindeutige Ursache zu. Umso nötiger ist ein Bündnis von Umwelt-, Sozial- und Gesundheitspolitik.

Text: Michael Müller und Jörg Sommer

Große Fortschritte in der Geschichte der Medizin sind unbestritten, Ärzte und Beschäftigte im Gesundheitswesen leisten viel, um kranken Menschen zu helfen. Dennoch: Das Gesundheitssystem ist nicht nur in zwei Klassen geteilt, es verdient auch am Kranksein, kaum aber an Vorsorge und Fürsorge durch gesunde Umwelt-, Arbeits- und Lebensverhältnisse. Im Gegenteil: Es setzt in der Regel erst in einem Stadium an, wenn die Menschen bereits erkrankt sind. Es profitiert von Fehlentwicklungen der industriellen Risikogesellschaft mit ihren oftmals neuartigen Gefahren.

Dazu zählen eine hohe Schadstoffkonzentration durch Autoabgase in den Innenstädten genauso wie Innenraumbelastungen durch Verarbeitungs- und Schutzmittel in Alltagsgegenständen und im Hausbau, bei denen trotz vergleichsweise niedriger Einzeldosis die Belastung insgesamt schwerwiegende Krankheiten verursachen kann. Zu den sogenannten MCS-Erkrankungen (Vielfach-Chemikalienunverträglichkeit) und den hormonellen Wirkungen von Chemikalien kommt die verbreitete Fehlernährung durch die Agrarindustrie.

Keine Gesundheitspolitik ohne Umweltpolitik

Mit dem Anwachsen des umwelttoxikologischen Potenzials und einer alltäglichen Überforderung des Einzelnen ist eine neue Normalität entstanden, in der durch diese Faktoren viele Krankheiten zwar nicht unmittelbar verursacht, aber ausgelöst oder verstärkt werden. Anders als bei Akutkrankheiten oder Unfällen gibt es keine einfache lineare Zurechnung. Umso mehr muss das Entstehen dieser "Komplexkrankheiten" frühzeitig verhindert werden, vor allem durch eine konsequente Umweltpolitik.

Umweltbelastungen schwächen die natürliche Abwehr des Menschen, die massiven Einflüssen durch Keime, Toxine und Allergene ausgesetzt ist. Dieser Entwicklung steht der alltägliche Medizinbetrieb in Praxen, Kliniken oder auch Krankenkassen weitgehend konzeptionslos gegenüber. Er ist weit entfernt von einer fürsorglichen Betreuung, die das Entstehen dieser Belastungen verhindert. Jeder Mensch hat aber Anspruch auf eine gesunde Umwelt, die ein höchstes Maß an Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht.

Dafür muss die Gesundheitspolitik weit über ein Verschreiben von Medikamenten, die Behandlung in Kliniken oder die Rehabilitation hinausgehen. Was wir brauchen, ist aktive Gesundheitsförderung – auch durch die Umwelt- und Sozialpolitik. Gesundheitsförderung muss frühzeitig vor Krankheiten und Zellschädigungen schützen. Sie braucht ein Bündnis von Umwelt-, Sozial- und Gesundheitspolitik.

In ihrer Gründungserklärung vom 22. Juni 1946 definierte die Weltgesundheitsorganisation WHO Gesundheit als "Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit". Gesundheitspolitik wird als unbedingtes Handeln zur Verbesserung der Lebensbedingungen verstanden.

Doch bis heute gibt es das enge Bündnis von Gesundheits- und Umweltpolitik nicht, obwohl die Alarmsignale lauter werden: Allergien und Immundefekte nehmen zu, Krebs, Rheuma und Atemwegserkrankungen sind weitverbreitete Volkskrankheiten. In den USA ist nach dortigen Studien mehr als ein Drittel der Bevölkerung chronisch erkrankt. Die Betroffenen sind meist nicht richtig krank, aber eben auch nicht gesund. Besonders eklatant ist der wachsende Anteil Kinder und Jugendlicher.

Gesundheitsförderung muss vorbeugen

In Deutschland kam der Sachverständigenrat für Umweltfragen bereits 1994 zu dem Ergebnis: "Alle Krankheiten sind letzten Endes auf genetische Ursachen oder solche aus der Umwelt zurückzuführen, in der Regel tragen genetische und Umweltfaktoren zum Krankheitsgeschehen bei."

Gesundheitsförderung muss präventiv einsetzen und nicht erst, wenn die Gesundheit schon beeinträchtigt ist. Dafür ist eine gesunde Umwelt die wichtigste Voraussetzung. Ansatzpunkte für eine solche Gesundheitsförderung reichen vom Ausbau der Sozial- und Umweltmedizin über die Humanisierung der Arbeitswelt, eine konsequente Umweltvorsorge, den ökologischen Landbau und die Stadtökologie bis zur Einführung einer gerechten Bürgerversicherung.

Wir brauchen das Bündnis von Umwelt- und Gesundheitspolitik. Und wir müssen jetzt damit beginnen. Ideen und Konzepte gibt es genug, aber sie müssen gegen verkrustete Strukturen durchgesetzt werden. Das Leitprinzip heißt Nachhaltigkeit. Es wird in den nächsten Jahren noch wichtiger, denn die Folgen des anthropogenen Klimawandels und der Naturzerstörung werden sich auch in wachsenden Gesundheitsproblemen zeigen. Die Umweltschäden holen die Menschen ein.

BildAlarmsignale: Allergien und Atemwegserkrankungen nehmen zu. (Foto: William Brawley/​Flickr)