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Heft 7: Gerechtigkeit

Ungleichheit führt direkt zu ungesünderen und unsozialeren Gesellschaften, sagen Sozialmediziner. Aktuelle Daten zeigen: Je ungerechter die Einkommen verteilt sind, desto schlechter die Lebens- und Umweltqualität.
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Heft 7: Gerechtigkeit

Von neuen Busfahrzeiten zur großen Transformation

Die Industrieregion Schweinfurt soll zeigen, wie die sozial-ökologische Transformation funktionieren kann. Dazu arbeiten die Branchengewerkschaft IG Metall und der Umweltverband BUND Naturschutz zusammen – als bundesweite Vorreiter. 

Text: Eva Mahnke

Wenn sich in Schweinfurt bald die Busfahrpläne ändern, können sich die IG Metall und der BUND Naturschutz in Bayern gegenseitig auf die Schulter klopfen. Denn dann werden sie dazu beigetragen haben, dass von den 40.000 Pendlern, die täglich zumeist mit dem Auto in die Stadt fahren, nun ein paar mehr den Bus nehmen. Der Grund: Die Buszeiten passen besser zu den Arbeitszeiten der Schichtarbeiter in der Industriestadt. Das Auto bleibt öfter stehen. Das verringert Abgase, spart Kohlendioxid und macht Schweinfurt lebenswerter. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem Weg zur sozial-ökologischen Transformation einer ganzen Industrieregion.

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Soll bald besser gefüllt sein dank sozial-ökologischer Industriepolitik: Bus in Schweinfurt. (Foto: Dominik Marx/Stadtwerke Schweinfurt)

Genau die versuchen die Gewerkschaft und der Umweltverband im Rahmen einer strategischen Partnerschaft gemeinsam ins Rollen zu bringen. "Wir sind uns mit der IG Metall einig, dass wir vor dem Hintergrund von Peak Oil und Klimawandel nicht anders können, als die Transformation der Gesellschaft einzuleiten", sagt Richard Mergner vom BUND. "Das erfordert aber ein grundsätzliches Umsteuern." Um herauszufinden, wie das gelingen kann, hat sein Verband gemeinsam mit den Metallern im vergangenen Jahr in Schweinfurt das Projekt "Sozial-ökologische Industriepolitik" ins Leben gerufen. Ziel des "Leuchtturmprojekts" ist es, die Wirtschaft in der Region nachhaltig zu gestalten, ohne dass sie an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt und Menschen auf der Strecke bleiben.

Das aber ist für die unterfränkische Industrieregion eine große Herausforderung. Schweinfurt ist nicht nur das Zentrum der deutschen Wälzlagerindustrie. Die Wirtschaft vor Ort arbeitet vor allem der Automobilbranche zu, und der eigene Pkw gilt den meisten noch immer als unverzichtbar. "Damit ist die Region von einem Produkt abhängig, das nicht nachhaltig ist", sagt Mergner. "Mit dem Leuchtturm-Projekt wollen wir ausloten, ob es auch Alternativen gibt."

"Die eingefahrenen Wege verlassen"

Völlig bei null müssen die Schweinfurter hierfür nicht anfangen. Dass sich die Wirtschaft langsam wandeln kann, beweisen ortsansässige Unternehmen wie die Firma Senertec, die kleine, hocheffiziente Blockheizkraftwerke baut, oder die Firma ZF, die Hybridantriebe für Autos fertigt. Das ist aber nur der Anfang eines sehr langwierigen Prozesses. IG Metall und BUND sind überzeugt: Erfolg kann nur haben, wer die Beschäftigten vor Ort mit ins Boot holt. Sie sind es nicht nur, die mit ihrer Sachkenntnis Ideen für nachhaltige, reparaturfähige Produkte und Lösungen zur Verbesserung der Energie- und Ressourceneffizienz entwickeln. Über die Betriebsräte stehen sie auch im ständigen Austausch mit den Firmenleitungen vor Ort.

Und es sind die Beschäftigten, die am Ende klarkommen müssen mit Veränderungen und möglichen Strukturbrüchen. Ohne letztere wird es nicht gehen, ist sich die IG Metall Bayern sicher. "Wenn sich die Wirtschaft wandelt, kann es sein, dass wir mit den Arbeitsplätzen ins Gehege kommen. Es wird auch Verlierer geben in dem Prozess", sagt IG-Metall-Vertreterin Andrea Fehrmann. "Das müssen wir begleiten und Lösungen finden." Wie die aussehen werden, ist allerdings noch offen. "Wichtig ist", so Fehrmann, "dass wir überhaupt ins Gespräch kommen und die eingefahrenen Wege verlassen."

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Auf dem Weg zur Arbeit im Stau stehen schadet nicht nur der Umwelt, sondern raubt auch Zeit und Nerven. (Foto: Lynac/Flickr)

Als erstes, "relativ unproblematisches Lernfeld" haben sich IG Metall und BUND das Thema Mitarbeitermobilität gesucht, erzählt Klaus Mertens, der bei der Firma ZF arbeitet und das Leuchtturmprojekt mit vorantreibt. Die bessere Abstimmung von Busfahrzeiten und Schichtzeiten ist nur der Anfang. Unter anderem sollen passende Carsharing-Angebote, Fahrradstellplätze in den Betrieben, Umkleiden für die Radler und eine fahrradfreundliche Verkehrsplanung den Weg für ein sozial-ökologisches Schweinfurt ebnen.