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Heft 7: Gerechtigkeit

Ungleichheit führt direkt zu ungesünderen und unsozialeren Gesellschaften, sagen Sozialmediziner. Aktuelle Daten zeigen: Je ungerechter die Einkommen verteilt sind, desto schlechter die Lebens- und Umweltqualität.
Das Heft als PDF (7 MB) – August 2015

Heft 7: Gerechtigkeit

Auf Umwegen zum Umweltschutz

In Dortmund gibt es besonders viele armutsgefährdete Haushalte. Staatlich geförderte Berater geben seit zwei Jahren praktische Hinweise zum Energiesparen – ein Win-win-Projekt mit Langzeitwirkung.

Text: Sandra Kirchner

Wenn Mohamed Djellouli Hausbesuche macht, dann nimmt er die Wohnung genau unter die Lupe. Gemeinsam mit seinem Kollegen macht er sich in Dortmund auf die Suche nach Stromfressern. Sämtliche Lampen, Steckdosen und Haushaltsgeräte werden überprüft, ein Messgerät entlarvt schnell, was übermäßig Strom zieht: Elektrogeräte im Standby-Betrieb oder uralte Kühlschränke. Sogar auf herkömmliche Glühbirnen stößt der 49-jährige Djellouli noch oft. Dabei könnte der Stromverbrauch – und somit die Stromrechnung – weitaus niedriger sein.

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Finden in jeder Wohnung große und kleine Energiefresser: Stromsparcheck-Berater bei der Arbeit. (Foto: Archiv der Bundesregierung)

Geprüft wird auch der Wasserverbrauch. "Nach einer Beratung sparen die Haushalte zwischen 200 und 300 Euro pro Jahr", sagt Djellouli, der seit 2009 bei SKM Dortmund, einem katholischen Verein für soziale Dienste, arbeitet. Für Haushalte mit geringem Einkommen ist das viel Geld.

Seit Jahren wächst in Dortmund die Armut. In keiner anderen deutschen Großstadt ist das Armutsrisiko so hoch wie dort. Das örtliche Jobcenter verzeichnet um die 40.000 Bedarfsgemeinschaften. Diese haben häufig einen höheren Strombedarf, weil Menschen mit geringem Einkommen tagsüber meist zuhause sind und oft auch dort essen. Das wenige Geld geht für den täglichen Lebensunterhalt drauf, gespart wird kaum.

"Einkommensschwache Haushalte sind von sich aus nicht in der Lage, stromsparende Maßnahmen zu ergreifen, weil sie oft von der Hand in den Mund leben", sagt SKM-Geschäftsführer Alwin Buddenkotte. Statt zu Energiesparlampen wird dann zu den Glühbirnen gegriffen – die verursachen zwar langfristig höhere Kosten, sind in der Anschaffung aber meist billiger.

Genau hier setzt das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt an. Mittlerweile bieten 170 Städte und Gemeinden kostenlose Stromsparchecks für einkommensschwache Haushalte an. Kommt Djellouli ein zweites Mal zu Besuch, bringt er energiesparende LED-Lampen, Kippschalter, Kühlschrankthermometer und Wasserstrahlregler mit. Bei Haushalten mit uralten Kühlschränken gibt es einen zusätzlichen Zuschuss von 150 Euro für ein energieeffizientes Modell. Das senkt den Verbrauch von Strom und spart auch Treibhausgasemissionen ein.

"Alle profitieren, es gibt nur Gewinner"

"Viele Menschen wissen nicht, wie sie ihre Emissionen verringern können", sagt Buddenkotte. "Aber über das Portemonnaie bekommen wir die Menschen zum Umweltschutz." Mehrere hundert Kilogramm CO2 kann ein Haushalt so pro Jahr einsparen. Doch die Prüfung des Stromverbrauchs verändert auch langfristig das Verhalten der Menschen. "Die Haushalte setzen sich mit Energiefragen auseinander", berichtet Djellouli. Sie beginnen über richtiges Lüften nachzudenken und schalten das Licht in Räumen aus, in denen sich niemand aufhält.

Neben dem Stromsparcheck bietet die gemeinnützige Beratungsstelle in Dortmund auch eine Schuldner- und Budgetberatung an. Doch von keinem Projekt ist Buddenkotte so überzeugt wie vom Stromsparcheck. "Alle profitieren, es gibt nur Gewinner", sagt der SKM-Chef. Haushalte mit geringem Einkommen sparen Geld, ebenso die Kommunen, die einen Teil der Sozialausgaben tragen.

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Glühlampen und Stand-by ade: Mit richtiger Beratung können Haushalte jährlich bis zu 300 Euro sparen. (Foto: Kai Stachowiak/Pixabay)

In Dortmund haben Djellouli und seine fünf Kollegen rund 2.000 Haushalte beraten. Dadurch konnten seit Projektbeginn über zwei Millionen Euro eingespart werden. Durchgeführt werden die Stromsparchecks von Arbeitssuchenden, die eine Schulung zum Berater für Energie erhalten und mit sogenannten Arbeitsgelegenheiten an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen. Bei Mohamed Djellouli, der in Algerien geboren wurde und seit 1987 in Deutschland lebt, hat das geklappt. Mittlerweile hat er eine Anstellung erhalten.