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Heft 7: Gerechtigkeit

Ungleichheit führt direkt zu ungesünderen und unsozialeren Gesellschaften, sagen Sozialmediziner. Aktuelle Daten zeigen: Je ungerechter die Einkommen verteilt sind, desto schlechter die Lebens- und Umweltqualität.
Das Heft als PDF (7 MB) – August 2015

Heft 7: Gerechtigkeit

"Wir sterben leise"

BildKlimawandel im Tschad: Hitzewellen, Starkregen und unregelmäßige Jahreszeiten. Das Wetter in der Sahelzone ist außer Kontrolle, berichtet Hindou Oumarou Ibrahim aus dem Tschad. Die Folgen für Mensch und Ökosystem seien verheerend und nur ein Vorgeschmack auf die globalen Klimaveränderungen, meint die 32-jährige Nomadin vom Volk der Wodaabe. Bei den UN-Verhandlungen für einen globalen Klimaschutzvertrag warnte sie die Diplomaten: Wenn Klima und Umwelt nicht geschützt werden, dann ist auch das Überleben der Menschheit gefährdet.

 
Frau Ibrahim, was tun Sie auf einer Klimakonferenz in Deutschland?

Hindou Ibrahim: Ich bin hier, um an den internationalen Klimaverhandlungen teilzunehmen. Denn diese diplomatischen Debatten sind weit weg von der sozialen und ökologischen Realität, wie ich sie jeden Tag in meinem Land erlebe. Hier geht es die ganze Zeit nur um Begriffe und Formulierungen, aber nicht um die wirklichen Probleme. Die Politiker der Industrieländer haben bei jeder Entscheidung Angst, ihrer Wirtschaft zu schaden und Wähler zu verlieren, aber sie denken überhaupt nicht an das Leben des Einzelnen. Wir im Tschad sind bereits heute von den Folgen des Klimawandels betroffen. Wir wissen, worum es hier geht. Und wir können nur warnen: Der Klimawandel kennt keine Grenzen.

Wie kommt Ihr Volk mit den veränderten klimatischen Bedingungen zurecht?

Der Klimawandel trifft vor allem die Menschen im Tschad, die auf dem Land leben und in der Landwirtschaft arbeiten, also Fischer, Jäger und Bauern. Als Nomaden züchten wir Rinder. Wir haben besonders mit Wassermangel zu kämpfen. Die Seen trocknen jetzt sehr schnell aus und die Jahreszeiten kommen nicht mehr regelmäßig, so wie es früher war. Daran kann man sehen: Es geht nicht mehr "nur" um die Rettung der Umwelt, sondern um Menschenleben und letztendlich auch um das Überleben der Menschheit als Ganzes – uns trifft es nur zuerst.

Was hat sich klimatisch verändert?

Normalerweise haben wir drei Jahreszeiten: Die Regenzeit, die zwischen drei und sechs Monaten dauert, die sechsmonatige Trockenzeit und die kalte Jahreszeit, die etwa zwei bis vier Monate dauert. Seit 2013 haben wir nur noch zwei Jahreszeiten: die trockene, die sehr viel länger dauert, und die Regenzeit – in der es aber nicht mehr durchgehend regnet. In einigen Wochen gibt es überhaupt keinen Regen und dann kommt der Niederschlag auf einmal sehr heftig. Wir haben dann starke Überschwemmungen, die oft die Felder der Bauern zerstören. Die kalte Jahreszeit haben wir oft überhaupt nicht mehr, auch dieses Jahr nicht. Normalerweise kommt mit dieser Jahreszeit der Nebel. Dann wissen wir, dass wir eine gute Regenzeit bekommen. Damit ist es nun vorbei. Das ist einer der Gründe, warum wir in der Sahelzone die weltweit meisten degradierten, also unfruchtbar gewordenen Böden haben.

Wie wirkt sich das auf das tägliche Leben aus?

Es ist ein Kampf um Ressourcen. Bauern, Rinderzüchter und Fischer streiten sich um Wasser und Nahrungsmittel – es gibt Konflikte zwischen den Gemeinden und Stämmen. Das geht auch so weit, dass Menschen umgebracht werden. Hinzu kommen grenzüberschreitende Konflikte. Viele versuchen dorthin zu gehen, wo es noch Wasser, Weideland und Nahrungsmittel gibt. Manche von unseren Leuten sind bis in den Kongo gelaufen, wo es große Wälder gibt. Da gibt es dann natürlich Konflikte mit den Einheimischen.

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Die klimatischen Veränderungen haben den Kampf um die natürlichen Ressourcen in der Sahelzone verschärft. (Foto: Harvey Barrison/Flickr)

Wie ist das Wetter diesen Sommer im Tschad?

Wir leiden in der jetzigen Trockenzeit unter einer unglaublichen Hitze bis zu 50 Grad. In der Wüste sind es bis zu 52 Grad. Wenn die Europäer sagen: "Es ist schön heute", dann meinen sie, dass die Sonne scheint, ziehen sich ein kurzes Hemd an und holen die Sonnenbrille raus. Wir fragen uns, wo wir frisches Wasser finden werden und ob wir dafür weit gehen müssen, und wir haben Angst um unsere Angehörigen.

Die Sommer sind also ungewöhnlich heiß?

Normalerweise haben wir maximal 45 Grad und das auch nicht die ganze Zeit. Mittlerweile gibt es immer mehr Hitzetote in der Trockenzeit. Diese Toten werden aber nicht gezählt. Sie sterben im Stillen. Ein Freund von mir weinte um seinen Vater, der in der Hitze gestorben war. Da sagte der Friedhofswärter zu ihm: Warum weinst du? Heute sind schon fünfzig Leute beerdigt worden. Jedes Mal, wenn es so heiß werden soll, haben wir große Angst, dass jemand krank wird, an einem Herzstillstand oder an Kreislaufversagen stirbt.

Wird in den Gemeinden über den Klimawandel diskutiert?

Anfangs sagten viele Menschen im Tschad, dass wir verdammt seien, weil der Regen nicht mehr regelmäßig kam. Wir hätten gegen Gottes Regeln verstoßen, deshalb würde er uns nun bestrafen. Jahrelang wurde gebetet und es wurden Opfergaben verteilt, damit es regnet. Sicher ist es wichtig zu beten, aber mittlerweile haben sie verstanden, dass es ein größeres Problem ist. Allerdings fehlen uns die Lösungen. Wir haben noch nie eines der Anpassungsprojekte gesehen, von denen auf den Klimakonferenzen die Rede ist. Die Menschen werden alleingelassen und müssen sich auf ihre traditionellen Hilfsmittel verlassen.

Wie versuchen die Gemeinschaften sich zu schützen?

Es geht vor allem um einen Erfahrungsaustausch, wann welches Wetter kommt. Ob es regnet oder nicht, entscheidet darüber, ob wir weiterziehen. Anhand einiger Früchte können wir sogar ungefähr sehen, wie viel es im nächsten Jahr regnen wird. Wenn sie wenig Fruchtsaft enthalten, bereitet sich der Baum auf ein regenarmes Jahr vor. Für die Tagesvoraussagen schauen wir uns die Wolken an, um zu wissen, ob sie schwarz genug sind und Regen bringen. Auch der Wind erzählt uns, wann der nächste Regen kommt. Wenn die Insekten aus der Erde kommen und ihre weißen Eier in Sicherheit zu bringen, packen auch wir Menschen unsere Sachen, um uns vor dem Regen zu schützen.

Welche Rolle spielen die Frauen in dieser schwierigen Zeit?

Die Frauen bleiben immer öfter allein mit der Familie zurück, weil ihre Männer in die Städte oder in andere Regionen wandern. Die Männer versuchen, dort Arbeit zu finden und das Geld zu ihren Familien zu schicken. Die familiäre Last liegt in dieser Zeit auf den Schultern der Frauen, die sich um die Alten und die Kinder kümmern müssen. Man spricht viel zu wenig über diesen alltäglichen Kampf der Frauen um ihre Familien. Sie opfern ihr Leben, um die Familie zu retten.

Wie sollte denn die internationale Gemeinschaft den Frauen und Familien helfen?

Es gibt inzwischen Instrumente wie den Green Climate Fund und den Adaptation Fund. Allerdings ist der Zugang zu diesen Hilfen sehr schwierig. Das meiste Geld aus dem Anpassungsfonds ist nach China gegangen, weil man dort die Ressourcen hat, die Gelder zu beantragen. Wir befürchten, dass es mit dem Green Climate Fund ähnlich wird. Die großen Länder werden wieder einen Großteil der Gelder einstreichen und die ärmsten und kleinsten Länder werden es nicht schaffen, Strukturen der Geldverwaltung aufzubauen. Außerdem reichen die Hilfen keineswegs aus. Auf den UN-Verhandlungen geht es immer um Hilfen ab 2020 – aber bis dahin sind es noch fünf Jahre!

Was wollen Sie den Klimadiplomaten mit auf den Weg geben?

Ich will ihnen sagen, dass der Mensch im Zentrum der Verhandlungen stehen muss. Denn es ist der Mensch, der den Klimawandel verursacht hat. Der Mensch muss dieses Problem also auch lösen. Wenn wir uns immer neue Mechanismen ausdenken, wie der Markt das Klimaproblem lösen soll, wird es nie funktionieren.

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Immer mehr unvorhersehbare Wetterkapriolen setzen den Menschen im Tschad zu. Die meisten verfügen nicht über die Mittel, um einen Verlust ihres Lebenserwerbs zu kompensieren. (Foto: UNHCR; Porträtfoto Hindou Ibrahim: Benjamin von Brackel)

Vielleicht muss es erst eine große Katastrophe in einem Industrieland geben, damit die Politiker dort aufwachen. Sie können sich einfach nicht vorstellen, was es bedeutet, mit diesem Wetter zu leben, das außer Kontrolle geraten ist. Wir im Tschad erleben schon die schrecklichen Folgen der Klimaveränderung – aber wir haben keine Stimme.

Hindou Oumarou Ibrahim ist Koordinatorin der Association des Femmes Peules Autochtones du Tchad (AFPAT), die sich für die Stärkung indigener Frauen einsetzt

Interview: Susanne Götze