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Heft 7: Gerechtigkeit

Ungleichheit führt direkt zu ungesünderen und unsozialeren Gesellschaften, sagen Sozialmediziner. Aktuelle Daten zeigen: Je ungerechter die Einkommen verteilt sind, desto schlechter die Lebens- und Umweltqualität.
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Heft 7: Gerechtigkeit

Das Notwendige, nicht das scheinbar nur Mögliche

Der Weg in eine solare und ökologische Wirtschaft ist eine dreifache Herausforderung: Er muss gegen starke Macht- und Gewinninteressen durchgesetzt werden. Er muss die Verteilungskonflikte sozialverträglich lösen. Und er muss die Welt als Ganzes in den Blick nehmen.

Text: Michael Müller

Green Economy, ökologische Ökonomie, Green New Deal oder ökologische Industriepolitik, die Forderung nach einer Versöhnung von Ökonomie und Ökologie hat Konjunktur. Derartige Modernisierungsallianzen gelten in der grünen Debatte als Königsformel. Damit gäbe es nur Gewinner – Natur, Wirtschaft und Arbeitnehmer. Dagegen wäre ein Weiterwirtschaften wie bisher "eine Besatzungsarmee in Feindesland" (Ernst Bloch). Es wäre auch kurzsichtig, denn die Wirtschaft steht heute unter dem "Diktat der kurzen Frist" (Richard Sennett), das sie instabil und krisenanfällig macht. Innovationen, eine gute Infrastruktur und technische Neuerungen brauchen nämlich Zeit.

Die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie ist notwendig, aber sie stellt viele Macht- und Verteilungsfragen, erfordert einen Einstellungswandel, der den extremen Konsum zurückfährt, und ist – wie auch Naomi Klein herausstellt – unvereinbar mit dem Finanzkapitalismus. Von daher gibt es in der Umbauphase Belastungen und Verlierer. Das erklärt, warum die Forderung nach einer solaren, energie- und ressourceneffizienten Wirtschaft zwar unmittelbar einsichtig ist, aber dennoch nur langsam vorankommt und auf harten Widerstand trifft. Wir tun uns schwer mit der Energiewende, die von der überfälligen Effizienzrevolution weit entfernt ist. Nach ersten Schritten vor mehr als fünfzehn Jahren ist die ökologische Finanzreform wieder in der Versenkung verschwunden. Die Börse feiert die hohen Zuwachsraten spritschluckender SUVs. Und die naturgerechte Landwirtschaft steckt noch immer in einer Nische, statt zur Normalität zu werden.

Seit Jahren wird unendlich viel Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Gewaltige Summen werden für riesige Wolkenkratzer, gigantische Spekulationsblasen und Megagewinne der Aktionäre verschwendet, statt in den Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter, eine ökologische Infrastruktur, die Verbesserung der Ernährung oder den Schutz natürlicher Lebensgrundlagen zu fließen. Grüne Produkte und Dienstleistungen gewinnen zwar weltweit an Bedeutung, aber sie sind deutlich teurer und brauchen zahlungskräftige Nachfrager. Soll die Versöhnung gelingen, sind Verteilungs- und Machtfragen zu klären.

Solange dies nicht gesehen wird, bleibt Öko-Öko, wie die Kurzform heißt, eine Plastikformel – biegsam und geschmeidig, mehr beruhigender Schein als tatsächliches Sein.

Ökologie als zivilisatorischer Gegenentwurf

Viele Unternehmen machen mit der Zerstörung der Natur hohe Gewinne. Industriestaaten sind nicht zuletzt deshalb ökonomisch stark, weil sie die natürlichen Ressourcen im großen Stil ausbeuten. Das steht in einem engen Zusammenhang mit der "Entbettung" der Ökonomie aus gesellschaftlichen und politischen Bindungen, mit der Spaltung der Welt zwischen Nord und Süd, mit demokratischen Defiziten und sozialen Ungleichheiten.

Von daher muss der ökologische Umbau zu einem gesellschaftlichen Reformprojekt gemacht werden. Er ist mit großen Belastungen und Umverteilungen verbunden. Ohne neue politische Rahmensetzungen sind in erster Linie sozial schwächere Gruppen davon betroffen, die zudem in ökologisch sensiblen Regionen oder einer stärker verschmutzten Umwelt leben. Die Auswirkungen der Klimaänderungen verteilen sich nämlich auf tragisch ungerechte Weise und schädigen vor allem die ärmsten Länder, die über die geringsten Möglichkeiten verfügen, sich zu schützen, obwohl die ärmste Milliarde der Menschen nur wenig zum Klimawandel beiträgt.

Der Weg in eine solare und ökologische Wirtschaft ist deshalb eine dreifache Herausforderung: Er muss erstens gegen starke Macht- und Gewinninteressen durchgesetzt werden. Er muss zweitens die Verteilungskonflikte sozialverträglich lösen. Auch in den Entwicklungsländern kann die Natur nur geschützt werden, wenn Hunger und Armut überwunden werden, denn die Zerstörung erfolgt oft aus purer Not oder verzweifelter Abhängigkeit von internationalen Konzernen. Und er muss drittens die Welt als Ganzes in den Blick nehmen. Das ist das Notwendige und nicht das scheinbar nur Machbare.

Gegen die Angst vor dem Umbruch

Nicht, weil sie die Probleme nicht kennen, sondern aus Angst vor Abstieg und Verlust klammern sich jedoch viele Menschen an den alten Glauben des Wachstums, den sie durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte mit Wohlstand und Sicherheit verbinden. Emissionshandel, Öko-Steuer oder Umweltabgaben mögen wichtig sein, aber sie geben keine hinreichenden Antworten.

Allerdings gibt es auch wichtige Vorschläge und Beiträge zur sozial-ökologischen Gerechtigkeit, die zu wenig aufgegriffen werden – vom WBGU, einem Beratungsgremium der Bundesregierung, von den britischen Gesundheitswissenschaftlern Kate Pickett und Richard Wilkinson oder von dem Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt. Und besonders eindrucksvoll in der ersten Enzyklika von Papst Franziskus "Laudato Si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus".

Das Eis, auf dem wir stehen, wird dünn. Deshalb geht es um eine soziale und ökologische Transformation, die beide Ziele zusammen sieht und verfolgt. Sie stellt Macht- und Verteilungsfragen in der Gesellschaft, im nationalen, europäischen und im Weltmaßstab und zwischen den Generationen und den Geschlechtern: Welche tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Reformen sind notwendig? Wie kann mehr Gerechtigkeit verwirklicht werden? Kann die Ökologie – die Einsicht in die Endlichkeit unseres Planeten – zum Ausgangspunkt eines zivilisatorischen Gegenentwurfs werden?

Weder Menschen noch Natur ausbeuten

Aufgeklärte bürgerliche Mittelschichten und sozial schwächere Gruppen markieren die beiden Seiten der Debatte, was sich zugespitzt beim (notwendigen) Ausstieg aus der Verbrennung der Kohle und dem Ende des fossilen Zeitalters zeigt. Finanziell gut gestellte Bildungsbürger verdrängen oftmals die sozialen Konsequenzen ihrer ökologischen Einsichten. Schwächere Schichten sehen im ökologischen Umbau eine Gefahr für eine ausreichende Existenzsicherung. Das stellt die soziale Frage in neuer Schärfe. Dabei kann es jedoch immer weniger um die Verteilung des Zuwachses gehen, sondern um die Verwirklichung von mehr Demokratie und Gerechtigkeit in allen Bereichen der Gesellschaft.

Auch kulturelle Vorbehalte müssen überwunden werden. Eng verbunden mit der Idee der europäischen Moderne versteht sich die Arbeiterbewegung als Vorreiter des industriellen Fortschritts. Das "große Triebwerk" (Max Weber) war eine einzige mächtige Wachstums- und Integrationsmaschine. Nachdem sie im 18. und 19. Jahrhundert die Menschen ausgebeutet hat, kam es im 20. Jahrhundert zur gewaltigen Ausplünderung natürlicher Ressourcen. In der Orientierungskrise, was Fortschritt ist, gibt es postmoderne und postindustrielle Positionen, die den Gegensatz zur Arbeiterbewegung markieren und denen in erster Linie "bürgerliche Schichten" anhängen. Die Öko-Bewegung kann nur dann ein neues Gesellschaftsmodell verwirklichen, wenn sie alte und neue soziale Bewegungen verbindet. Grundlage müssen die beiden großen Jahrhundertideen – soziale Demokratie und ökologische Gerechtigkeit – sein. Das Leitziel ist die große Idee der Nachhaltigkeit.

Gerechtigkeit im Anthropozän

In Ausgabe 4 von movum beschrieben wir, dass die Menschheit an einem Wendepunkt steht. Wir leben im Anthropozän, in der von menschlicher Tätigkeit geprägten Erdepoche. In dieser Epoche sind die Menschen durch ihre industriellen Möglichkeiten zum stärksten Treiber geo-ökologischer Prozesse aufgestiegen. Das Anthropozän ist die Party auf Kosten der Natur, der Armen und künftiger Generationen.

Aber auch das heißt Anthropozän: Nur die Menschen selbst können den Kollaps verhindern. Die Menschenzeit macht unsere Zivilisation stärker verwundbar als je zuvor, so dass eine neue Qualität von Verantwortung, Reformen und Zusammenarbeit notwendig ist. Andernfalls rasen wir auf den verhängnisvollen Zeitpunkt zu, an dem das Zusammenspiel aus Klimaänderungen, Öl- und Wasserknappheit, Vernichtung der Arten und den Bedürfnissen von neun Milliarden Menschen negative Synergien erzeugen wird, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen.

Die Alternative zu dieser Dezivilisierung sind nicht die Freihandelsabkommen TTIP, Ceta oder Tisa, sondern die große Leitidee der Nachhaltigkeit, die von der sozialen und ökologischen Solidarität ausgeht. Von daher geht es beim Umbau um die Frage nach einem neuen Fortschritt.

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Während jeder Fünfte in den USA und jeder 20. in Deutschland Angst hat, nicht ausreichend Lebensmittel kaufen zu können, steigt die Zahl der Milliardäre. Die vollständige Grafik finden Sie auf Seite 9/10 im Heft oder in der PDF. (Grafik: movum; Quelle: OECD Society at a glance 2014)

Michael Müller ist SPD-Politiker, ehemaliger Umweltstaatssekretär, Bundesvorsitzender der Naturfreunde, Ko-Vorsitzender der Atommüllkommission und Mitherausgeber von klimaretter.info