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Heft 7: Gerechtigkeit

Ungleichheit führt direkt zu ungesünderen und unsozialeren Gesellschaften, sagen Sozialmediziner. Aktuelle Daten zeigen: Je ungerechter die Einkommen verteilt sind, desto schlechter die Lebens- und Umweltqualität.
Das Heft als PDF (7 MB) – August 2015

Heft 7: Gerechtigkeit

Editorial

Ohne Ökologie gibt es keine Gerechtigkeit und ohne Gerechtigkeit keine Ökologie. Nur wenn wir uns für eine Verringerung der Gegensätze von Arm und Reich engagieren, kann es Nachhaltigkeit geben.

Text: Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND

In der Debatte über soziale Gerechtigkeit geht es zu Recht vor allem um Teilhabe, faire Bildungschancen, Verringerung von Einkommensunterschieden und Mindestlöhne, manchmal auch – besonders wegen der drängenden Flüchtlingsfragen – um eine Erhöhung der Mittel für die Entwicklungsländer. Sie ist nach wie vor aber zu wenig mit der ökologischen Dimension verbunden. Noch schlimmer: In der Theorie der Gerechtigkeit findet sich kaum etwas zu den ökologischen Fragen.

Dabei geht es spätestens seit Beginn der Nachhaltigkeitsdiskussion um die Verbindung von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit. Eine zukunftsfähige Entwicklung beschreibt einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und ihren Grenzen und – zugleich – eine gerechte Verteilung, die die Bedürfnisse aller Menschen weltweit berücksichtigt. Sie verlangt, global und in die Zukunft zu denken – im Sinne einer doppelten Gerechtigkeit: zwischen Nord und Süd und zwischen uns Menschen heute und kommenden Generationen. Der Klimawandel geht weit überwiegend auf das Konto der Industriestaaten, die aber nicht einmal ein Viertel der Weltbevölkerung stellen.

Auch die internationale Finanzierung spricht eine deutliche Sprache: Allein fossile Energieträger werden jährlich mit über 5.000 Milliarden US-Dollar subventioniert. Die Folge davon ist, dass die Kohle als Klimakiller Nummer eins stärker denn je eingesetzt wird. Dem steht ein – noch nicht einmal vollständig garantierter – Klimaschutzfonds in Höhe von 100 Milliarden Dollar entgegen, der die Entwicklungsländer bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels unterstützen soll.

Umweltkatastrophen treffen zuerst die Armen

Der Klimawandel ist eindrucksvolles Beispiel für die ungerechten Auswirkungen unserer Wirtschaft, unserer Politik und unseres Lebensstils auf die Länder des globalen Südens. Wetterextreme, Dürren, Überschwemmungen, Unwetter ungekannter Ausmaße bedrohen die Bevölkerung und gefährden ihre Lebensgrundlagen.

In Lima, dem Ort der letzten Klimakonferenz, trifft die Wassernot nur die Ärmsten der Armen. Im Stadtzentrum bemerkt man davon nichts, die Parks werden mit dem Wasser bewässert, für das die Ärmsten stundenlang anstehen müssen. Erst nach einer Stunde Fahrt ins Umland kommen die Armutsviertel in Sicht. Im Zentrum ist die Armut nur indirekt zu erkennen: an der Abschottung der Häuser hinter Elektrozäunen und daran, dass es gefährlich sein kann, Taxis zu benutzen. Das sind nicht nur Zeichen der Kriminalität, sondern einer bitteren Not, von der die "Entscheidungsträger" nicht betroffen sind.

Auch der Blick nach Fukushima nach der Reaktorkatastrophe zeigt: Wer die Region nicht verlassen kann, das sind die Bauern und die alten und die einkommensschwachen Menschen. Sie können ihren Ertrag nicht mehr verkaufen, sie haben aber auch nicht die Wahl, die Gegend zu verlassen, wie jüngere und mobile Menschen.

Gut leben auf Kosten anderer hat keine Zukunft

Ein eindrucksvolles Bild ergibt sich beim Blick auf die Fläche, die wir EU-Bürger beanspruchen. Insgesamt beträgt der "Land-Fußabdruck" der Europäischen Union schätzungsweise 640 Millionen Hektar, also eineinhalb Mal so viel wie die Fläche aller 28 Mitgliedsstaaten zusammen. Mit Billigfutterimporten und Agrospritproduktion leben wir auf Kosten der Bevölkerung im globalen Süden: Wir nehmen dort Flächen in Anspruch, die diese Länder für ihre eigene Nahrungsmittelproduktion dringend benötigen.

All diese Beispiele zeigen: Ein Schlüssel zur Lösung liegt in der Verknüpfung der ökologischen mit der sozialen Frage. Wir müssen uns engagieren für mehr Gerechtigkeit, für eine Verringerung der Gegensätze von Arm und Reich. Nur dann kann es Nachhaltigkeit geben.

Eine Chance liegt in den globalen Umwelt- und Entwicklungszielen, die die Vereinten Nationen im September verabschieden wollen. Dann stehen wir vor der Aufgabe, diese neue Rahmensetzung in Deutschland und Europa anzuwenden. Etwa indem wir den Flächenverbrauch weltweit zum Thema machen und uns einsetzen für wirklich nachhaltige Weichenstellungen in der europäischen Agrar- und Energiepolitik.

Hoffnung geben breite Bündnisse der ökologischen, kulturellen und sozialen Bewegungen, vor allem das Anti-TTIP-Bündnis, das am 10. Oktober 2015 in Berlin auf die Straße geht. Mitmachen!

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Von vielen Problemen der Mehrheitsbevölkerung sind die "Entscheidungsträger" nicht betroffen: Brotlieferant in Kairo. (Foto: M. M. Padmanaba/Flickr)

Hubert Weiger ist Professor für Naturschutz und nachhaltige Landnutzung und Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)