Ausgabe 8 Cover

Heft 8: Finanzpolitik

Die Preise sollen die ökologische Wahrheit sagen. Aber auch die massive Ungleichverteilung der Vermögen und Einkommen ruft nach einer anderen Finanzpolitik. Helfen Ökosteuern, Niedrigzinsen oder Subventionsabbau?
Das Heft als PDF (6,7 MB) – Oktober 2015

Heft 8: Finanzpolitik

Der selbst gemachte Euro-Exit

Teilen und Tauschen oder die Ausgabe von Regionalgeld können das Leben und Wirtschaften sozialer gestalten. Auch der Umwelt und dem Klima hilft die Ökonomie ohne Euro, Dollar und Co. Zum Beispiel im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Text: Susanne Schwarz

Zwischen dem großen Spielplatz und dem hip-teuren Café machen Graffiti graue Wände lebendig. Die kleine Bude – Aufschrift: Nachbarschaftshaus – auf dem Helmholtzplatz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg erscheint wie eine Bastion der Wahrhaftigkeit. Rechts schicke Eltern mit ihrem Nachwuchs, links Vielbeschäftigte in der wohlverdienten Chai-Latte-Pause.

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Wirtschaften ohne Euro ist durch die Mitgliedschaft in Tauschringen oder die Nutzung von Regionalgeld möglich, zumindest teilweise. (Foto: BrokenSphere/Wikimedia Commons)

Holger Liedtke sitzt ein paar Meter abseits auf einer kleinen Mauer und lässt den Blick entlang des Nachbarschaftshauses schweifen. Er betreut das Haus heute. Manchmal sind auch andere Mitglieder des Fördervereins Helmholtzplatz dran. Seit 2003 gibt es hier auch einen Tauschring, den Liedtke mitorganisiert. Ganz ohne Euros: Daria gibt Yoga-Stunden, Jakob bietet sein Smartphone zum Verleih – "bis zu zwei Wochen". Michael will seine Monatskarte teilen, Mareike ihr Fahrrad.

"Im Prinzip ist es simpel", meint Liedtke. "Wenn sich jemand keine eigene Waschmaschine kauft, bei anderen mitwäscht und dafür dem nächsten ab und an sein Auto leiht, dann haben wir eine Waschmaschine und ein Auto eingespart", erklärt er. Die Produktion der Geräte verbrauche schließlich Rohstoffe und Energie – und belaste Planet und Atmosphäre mit Treibhausgasen. Damit der Tausch nicht immer nur direkt stattfinden muss, handeln die Mitglieder mit der virtuellen Währung Helmholtz-Taler.

Geld wird mit Geld gemacht

Ein paar Kilometer weiter, im Stadtteil Biesdorf, hat sich der Verein Regio Berlin noch mehr vorgenommen: eine Alternativwährung für Berlin, mit der man richtig in Geschäften einkaufen kann. In anderen Regionen gibt es schon erfolgreiche Beispiele dafür, etwa den "Chiemgauer" in Oberbayern. "Spreeblüte" soll das Regionalgeld heißen.

Denn mit dem "normalen" Geld gibt es ein großes Problem, wie Vereinsvorstand Theophil Wonneberger erläutert: "Währungen wie Euro, Dollar und Yen sind zum großen Teil privatwirtschaftlich organisiert – es soll Geld mit Geld gemacht werden." Deshalb müsse solches Geld immer mehr werden. Das führe, erklärt er, zu dem Umstand, dass die Wirtschaft ständig wachsen müsse – und der Planet und seine Ressourcen immer mehr ausgebeutet werden.

"Wir wollen "fließendes" Geld schaffen, das wirklich im Umlauf ist und nicht nur auf den Finanzmärkten herumliegt", sagt Wonneberger. Deshalb sollen auch die Mitglieder des Vereins darüber entscheiden, wie viele Spreeblüten gedruckt und nach welchen Regeln sie vergeben werden – im Zweifelsfall könnten sie auch beschließen, die Geldmenge herunterzufahren. Zinsen dürfen nicht erhoben werden, damit sich das bloße Ansammeln der Noten nicht lohnt.

Regional, bio und Co

Noch ist die Spreeblüte allerdings Zukunftsmusik. Man sei auf der Suche nach genug Gewerbepartnern, die die Spreeblüte nutzen wollen. "Bisher sind ungefähr 50 dabei, ab 100 wollen wir loslegen", erzählt Wonneberger.

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Die Geldmenge des neuen Regionalgeldes für Berlin soll ständig kontrolliert werden. Diesmal will man alles richtig machen, nachdem der vor zehn Jahren gestartete "Berliner Regional" 2009 aufgeben musste. (Bild: Regio Berlin)

Ob die sogenannten Komplementärwährungen, also das Tauschen oder die Etablierung von Regionalgeld, die Welt wirklich nachhaltiger machen, hat das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig untersucht. Von 2010 bis 2014 haben die Wissenschaftler mit ihrem Projekt "Geneca" erforscht, wie eine nachhaltig lebende und wirtschaftende Gesellschaft entstehen kann. Unter anderem befragten sie 160 Nutzer von Komplementärwährungen in Deutschland und Österreich zu Lebensstil und Einstellungen. Die Ergebnisse verglichen sie mit denen aus offiziellen Bevölkerungsumfragen.

Besonders für den Kauf von Nahrungsmitteln zeigt sich: Wer eine alternative Währung nutzt, achtet eher darauf, nachhaltige Produkte zu erwerben – regional, bio und Co. Zwei Drittel der Befragten gaben an, Bioprodukte zu kaufen, in der Durchschnittsbevölkerung sind es nur 20 Prozent. Außerdem glauben die Regiogeldnutzer häufig, dass auch den Menschen in ihrem Umfeld die nachhaltige Ernährung wichtig ist. 

Auch in anderen Lebensbereichen verhalten sie sich anders als der Rest, sie fahren etwa seltener Kurzstrecken mit dem Auto. Insgesamt schätzten 89 Prozent der "Alternativen" materielle Werte als wenig wichtig ein. Im Durchschnittlich sagen das 61 Prozent der Menschen von sich.

Zusammen wird man nachhaltiger

Allerdings gibt es ein Henne-Ei-Problem: Steigern die alternativen Währungen das Bewusstsein für nachhaltiges Leben oder entscheiden sich von vornherein Überzeugte einfach besonders oft für ihre Nutzung? Abschließend lasse sich das schwer klären, schreiben die Leipziger Wissenschaftler in der Auswertung. Viele Nutzer von Tauschringen und Regionalgeldern glauben jedenfalls, dass der Beitritt zur entsprechenden Gruppe sich auf ihr Leben ausgewirkt hat: 76 Prozent gaben an, sich oft oder sehr häufig nachhaltiger zu verhalten als zuvor.

"Komplementärwährungen scheinen eine gute Möglichkeit für Experimente für eine nachhaltigere Lebensweise zu sein", resümieren die Wissenschaftler. Sprich: Die Nutzer wissen durch den Austausch mit Gleichgesinnten einfach mehr darüber, wie sie nachhaltig leben können. Außerdem fällt ihnen die Umsetzung leichter, weil sie in der Gruppe Anerkennung dafür bekommen. Allerdings betonen die Wissenschaftler auch, dass die alternativen Währungen sich bisher kaum auf die gesamte Gesellschaft ausgewirkt haben. Es gibt einfach noch zu wenig Nutzer.

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In der Mitte des Helmholtzplatzes steht das Nachbarschaftshaus. (Foto: Martin Zeise/Wikimedia Commons) 

Damit hat etwa auch der Tauschring Helmholtzplatz zu kämpfen: Die Tauschwut lässt nach. Auch wenn die Angebote beim Tauschring Helmholtzplatz vielfältig wirken – früher waren es einmal viel mehr. Das Problem hätten auch die anderen Berliner Tauschringe, berichtet Holger Liedtke. "Bei uns liegt das vielleicht an den Veränderungen im Kiez", vermutet er. Prenzlauer Berg gilt als der Prototyp für die Gentrifizierung in Berlin: Früher ein Hort von Unangepassten, Künstlern und Hausbesetzern, ist der Stadtteil über die Jahre immer bürgerlicher, immer kommerzieller, immer "fertiger" geworden. Heute hat es kaum noch jemand finanziell nötig, zu tauschen statt zu kaufen.

"Klar haben wir auch Idealisten im Tauschring", meint Liedtke. Vor allem habe die Gruppe aber immer Menschen angezogen, bei denen das Geld knapp ist. "Man sieht es zurzeit in Griechenland: Die Krise ist manifest und die Tauschringe schießen nur so aus dem Boden."