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Heft 8: Finanzpolitik

Die Preise sollen die ökologische Wahrheit sagen. Aber auch die massive Ungleichverteilung der Vermögen und Einkommen ruft nach einer anderen Finanzpolitik. Helfen Ökosteuern, Niedrigzinsen oder Subventionsabbau?
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Heft 8: Finanzpolitik

Eine Police gegen Hunger

Klimarisiko-Versicherungen sollen Millionen Kleinbauern in Entwicklungsländern helfen, Dürren oder Hochwasser zu überstehen. Nichtregierungsorganisationen haben dafür Lob und Kritik. Einige sehen große Chancen, andere befürchten die Privatisierung öffentlicher Mittel.

Text: Joachim Wille und Jörg Staude

Es geht um die Armenhäuser dieser Welt, um Staaten wie Äthiopien am Horn von Afrika, den Himalaya-Staat Nepal oder die pazifische Inselrepublik Vanuatu. Diese Länder leiden schon heute unter dem Klimawandel. Sie besitzen nicht die finanziellen Mittel, um die Folgen von häufiger auftretenden Dürren, Überschwemmungen und Wirbelstürmen zu beherrschen oder sie wenigstens abzumildern. Nun wird eine neue Idee verfolgt, um die Länder "katastrophenfester" zu machen. Öffentlich geförderte Klimarisiko-Versicherungen sollen diesen Staaten oder besonders gefährdeten Gruppen – etwa den Bauern in den betroffenen Regionen – in schwierigen Lagen Finanzhilfen zukommen lassen. Die Staats- und Regierungschefs der G7-Industriestaaten haben im Juni auf ihrem Gipfel in Elmau beschlossen, dieses innovative Konzept voranzubringen.

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Gegen Hunger und Durst versichert – bislang profitieren nur wenige Menschen von Klimaversicherungen. (Foto: M. M. Padmanaba/Flickr)

Modelle für die Klimaversicherungen gibt es bereits. Am bekanntesten ist die "African Risk Capacity" (ARC), eine Dürreversicherung, die mit deutsch-britischer Unterstützung aufgebaut wurde. Afrikanische Länder können sich damit gegen die Folgen von Ernteausfällen aufgrund von Trockenheit schützen. Tatsächlich wurden im vergangenen Februar an drei Staaten in der Sahel-Zone – Mauretanien, Niger und Senegal – Kompensationen aus den ARC-Mitteln ausgezahlt. Mit den 25 Millionen US-Dollar konnte über einer Million Menschen nach einer starken Dürreperiode mit Nahrung geholfen werden, und eine halbe Million Nutztiere wurden vor dem Tod bewahrt, weil die Bauen dank der Zahlungen in der Lage waren, schnell Futter für sie zu kaufen.

Der Anstoß, dieses Konzept auszuweiten, kam im Vorfeld des Elmau-Treffens von der Bundesregierung. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagte dazu: "Gerade die Ärmsten tragen am wenigsten zum Klimawandel bei, aber sie leiden am meisten und können am wenigsten vorsorgen." Die G7 müssten hier Verantwortung übernehmen. Bislang sind rund 100 Millionen Menschen weltweit gegen Klimarisiken versichert. Bis 2020 soll deren Zahl auf 500 Millionen erhöht werden, so das Ziel der G7-Initiative. Deutschland will dafür 150 Millionen Euro bereitstellen.

"Die Versicherer wollen neue Märkte erschließen"

Bei den Umwelt- und Entwicklungsorganisationen gibt es zu dem Versicherungsprojekt viel Zustimmung, aber auch Kritik. "Die Klimarisiko-Versicherungen sind wichtig, um die sozialen und ökologischen Folgen des Klimawandels zu bekämpfen", meint Jan Kowalzig, Klimaexperte von Oxfam. Allerdings müssten sie richtig konzipiert sein. Die Versicherungsprämien müssten durch die Industrieländer heruntersubventioniert werden, um möglichst vielen den Zugang zu ermöglichen. Wenn sich nur reiche Bauern eine Klimapolice leisten könnten, stünden arme Menschen trotzdem als Verlierer da, warnt Kowalzig. Tatsächlich sind die Mittel, die Deutschland als Starthilfe zur Verfügung stellen will, auch dafür gedacht. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Regierungen die Versicherungen direkt für bestimmte Gruppen abschließen.

Umstritten ist bei den NGOs, dass die neuen Klimapolicen von der privaten Versicherungsindustrie, also Konzernen wie der Allianz, angeboten werden sollen. Attac-Experte Alexis Passadakis kritisiert, das G7-Konzept laufe auf eine Subventionierung der Konzerne hinaus. "Letztlich werden hier Steuermittel privatisiert." Er glaubt, dass die Versicherungen auch über einen öffentlichen Fonds angeboten werden könnten. "Da könnten aber keine bei den Privaten üblichen Managergehälter gezahlt werden."

Hindou Oumarou Ibrahim von der Assoziation Indigener Frauen im Tschad ist von der Klima-Versicherungsidee ganz und gar nicht begeistert. Die meisten Menschen in ihrem Land könnten solche Kontrakte gar nicht lesen. Und wer schon Schwierigkeiten habe, etwas zum Essen zu kaufen, könne nicht auch noch für Versicherungen bezahlen.

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Macht in Kibera, einem armen Vorort der kenianischen Hauptstadt Nairobi, die Allianz bald eine Filiale auf? (Foto:
Ninara/Flickr)

Die Klimaexpertin Sabine Minninger vom evangelischen Entwicklungsdienst Brot für die Welt glaubt, dass die neuen Versicherungen eine große Chance für die Armen sind. Dass die Konzerne sich hier allerdings nicht aus reiner Nächstenliebe engagieren, liegt auch für sie auf der Hand: "Sie wollen neue Märkte erschließen." Der Markt sei jedoch begrenzt. Minninger ist sich sicher: "Die Konzerne werden nichts versichern, woran sie pleitegehen können." Bei Polkappen, Alpengletschern, Wüsten und versinkenden Inselstaaten werde "keine Versicherung je auch nur einen Finger rühren".