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Heft 8: Finanzpolitik

Die Preise sollen die ökologische Wahrheit sagen. Aber auch die massive Ungleichverteilung der Vermögen und Einkommen ruft nach einer anderen Finanzpolitik. Helfen Ökosteuern, Niedrigzinsen oder Subventionsabbau?
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Heft 8: Finanzpolitik

Die Zukunft zum Nulltarif

Viele glaubten, ein Zins nahe Null werde die Renditegier stoppen. Doch sie verlagert sich nur. Dauerhafte Niedrigzinsen werden als Anreiz gesehen, für morgen und übermorgen geplante Käufe und Investitionen ins Heute vorzuziehen. Wieder verliert die Umwelt. 

Text: Mechthild Schrooten

Was wurde nicht schon alles über den Zusammenhang zwischen Zins, Wirtschaftswachstum und Umwelt gesagt. Einige sehen im Zins die Wurzel des Bösen – steht der Zins doch für ungezügeltes und oft sinnloses Wirtschaftswachstum. Zugleich wird Wirtschaftswachstum oft als Hauptursache für Umweltzerstörung ausgemacht. In einer solchen Argumentationskette wird die Gier nach hohen Renditen als Grundübel festgestellt. Die Kosten, die der meist kurzfristigen Gier nach Rendite gegenüberstehen, fallen erst langfristig an und destabilisieren Umwelt und Gesellschaft.

Gefordert wird daher oft ein Zins von Null. Die Gedanken des "Freiwirtschaftlers" Silvio Gesell und anderer Verfechter der Nullzins-Idee finden derzeit viele Anhänger. Vielfach wird in dem Zins von Null eine Maßnahme gesehen, mit der die Renditegier mit all ihren negativen Auswüchsen gestoppt werden kann.

Tatsächlich liegt heute in zahlreichen Industrienationen der Nominalzins auf historisch niedrigstem Niveau – vielfach bei nahezu Null. Renditestreben und Umweltzerstörung wurden durch diese Nullzinspolitik aber nicht gestoppt. Auch kommt es bislang nicht zu einer nennenswerten Umverteilung von "oben" nach "unten", die erwarteten durchschlagenden Verteilungseffekte bleiben aus.

Das liegt auch daran, dass sich die Renditegier nicht einfach abschaffen lässt, sie hat die Neigung sich auf andere Felder zu verlagern. Inzwischen brummt zum Beispiel in Deutschland der Immobilienmarkt, hier befeuern die Anleger durch eine wachsende Nachfrage die Preise und steigern damit den Wert ihrer Vermögen. Sie können so leicht einen höheren Ertrag als den sicheren Anlagezins von etwa null Prozent erzielen.

Lebenszeit und Umwelt bleiben Randnotiz

Instabilität und rasche Veränderungen sind in den letzten zehn Jahren zur ökonomischen und gesellschaftlichen Normalität geworden. Wir sind im Finanzmarktkapitalismus angelangt, und da hat sich einiges verschoben. Interessanterweise tritt dieser "verdauerten" Krise niemand mit einem Konzept entgegen, das auf die Krisenursachen blickt. Eine der Krisenursachen ist der Umgang mit der Zeit, besonders der Lebenszeit, eine andere ist der verschwenderische Umgang mit der Umwelt. Beides sind Fragen, die bis heute in den Krisenbewältigungsstrategien kaum eine Rolle spielen.

Stattdessen erleben einfache Standard-Ansätze der Ökonomie eine Renaissance. In lehrbuchmäßige modellökonomische Darstellungen fließt die Umweltnutzung und -zerstörung bestenfalls teilweise ein. Das gleiche gilt für die Lebenszeit. Gemeinsam ist den Mainstream-Gedankengebäuden, dass im Zins ein Mittel gesehen wird, das der Zukunft – oder besser gesagt dem zeitlichen Verschieben von Aktivitäten – einen Preis gibt.

Dabei ist Zins ist nicht gleich Zins. Der Leitzins ist nicht gleich dem Zins, der auf dem Markt für einen Kredit zu zahlen ist. Auch unterscheiden sich Nominalzins und Realzins, aber letztendlich geht es bei den Zinsen immer um zukünftige Zahlungen.

Entsprechend der Modellannahmen kurbelt ein niedriger Zins die Konjunktur an. Mit Zinssenkungen und einem dauerhaft niedrigen Zinsniveau sollen Anreize geschaffen werden, den für morgen und übermorgen geplanten Konsum, aber auch die geplante Investition ins Heute zu verlegen. Umweltaspekte werden bei dieser zeitlichen Verschiebung weitgehend ausgeblendet. Die Zukunft ist gewissermaßen zum Preis von Null zu haben.

Einziges Kommunikationsmittel: Geld

Zugegeben, die Gedankengebäude rund um die Nullzinspolitik sind hier stark vereinfacht dargestellt. Um den Zusammenhang zwischen Zins und Umweltzerstörung zu fassen, ist es offenbar notwendig, einen systematischeren Blick in unsere Wirtschaftsform zu wagen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat das Geld zum Kommunikationsmittel in unserer komplexen Gesellschaft erklärt. Damit geht er weit über die Lehrbuchweisheiten der Wirtschaftswissenschaften hinaus, die in ihren Mittelpunkt das renditeorientierte Unternehmen, die nutzenmaximierenden privaten Haushalte und den bei Marktversagen einschreitenden Staat gestellt haben.

In einem solchen Setting hat der Unternehmenssektor einen gewaltigen Vorteil – er kann sein Ziel in Geldeinheiten quantifizieren. Dabei gilt in der Regel der gesellschaftliche Konsens: Je größer die Zahl, desto besser. Das gilt auch bei den Renditen, denn je höher die Rendite, desto "besser" und wettbewerbsfähiger ist das Unternehmen und desto mehr bekommen die sogenannten Shareholder, die Aktionäre. Im finanzmarktorientierten Kapitalismus ist das eine Grundregel – ein Common Sense.

Die Nutzenmaximierung der privaten Haushalte und die Verhinderung von Marktversagen durch den Staat sind dagegen wesentlich anspruchsvollere Aufgaben als die Renditemaximierung der Unternehmen. Wie lassen sich maximaler Nutzen und Marktversagen erkennen? Hierfür Indikatoren zu entwickeln ist noch nicht gelungen. Denn weder der private Nutzen noch das Marktversagen lassen sich so einfach auf Geldeinheiten abbilden.

Umwelt als Ware: Was kostet gute Luft?

Auch Umwelt und Umweltzerstörung lassen sich nicht so leicht in adäquate Zahlen fassen. Sie fallen mehr oder minder unter den Begriff Marktversagen. Für wichtige Umweltgüter gibt es bislang keine Preise – was kostet gute Luft? In der Vergangenheit wurden solche Güter oft als öffentliche Güter betrachtet – Privateigentum war nicht vorgesehen. Daher können Märkte, Marktmechanismen und Preise für solche Güter höchstens künstlich geschaffen werden. Ein typischer Fall von Marktversagen – der nach dem Lehrbuch den Staat auf den Plan rufen müsste. Doch auch der sieht sich oft nicht imstande, hier korrigierend einzugreifen. Im renditeorientierten Finanzmarktkapitalismus ordnen sich viele Staaten der Zielfunktion der Unternehmen unter.

Wenn also Geld als Kommunikationsmittel fungiert, dann werden in der renditeorientierte Wirtschaft ganze Bereiche aus der Kommunikation ausgeklammert – nämlich all die Bereiche, die sich nicht so ohne Weiteres auf Geld und Zins abbilden lassen.

Das bringt uns zurück zu Luhmanns Kommunikations-Sichtweise. Sie ermöglicht es, den Zusammenhang zwischen Geldwirtschaft und Umweltzerstörung besser zu begreifen. Der finanzmarktorientierte Kapitalismus setzt auf Zahlen – Geld, Renditen und andere quantifizierbare Größen. Sie lassen sich leicht kommunizieren. Daten für Umweltindikatoren sind bislang knapp und es gibt nur wenig Hoffnung, dass sich dies in der nahen Zukunft ändern wird. Umweltdaten sind oft sperrig und lassen sich in der Regel deutlich weniger elegant als die bekannten Standardindikatoren darstellen. Hier kommen wir an die Grenzen der geldwirtschaftlichen Kommunikation.

Der Zins wird weitgehend irrelevant

Die katastrophale Datenlage erschwert auch den Vergleich von Umweltzuständen über die Zeit; noch schwieriger ist der Vergleich über staatliche Grenzen hinweg. Solange aber hier nur wenig quantifiziert wird, ist es schwierig, Entwicklungen tatsächlich in Zahlen zu fassen.

Damit wird auch der Zins weitgehend irrelevant für solche Untersuchungen. Bislang lässt sich weder feststellen, dass die Umweltzerstörung in Zeiten hoher Zinsen abnimmt, noch, dass dies etwa in Niedrigzinsphasen gilt. Das lässt die Datenlage einfach nicht zu. Fehlende Daten müssen im Informationszeitalter nicht sein. Doch es gibt offenbar kein nennenswertes Interesse an solchen Indikatoren.

Das mangelnde Interesse an der systematischen Erfassung von Umweltzuständen und Umweltzerstörung hilft natürlich nicht die zukünftigen Kosten zu vermeiden. Die Problemlösung wird so in die Zukunft verlagert – die Kosten dürften deutlich steigen.

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Wenn das, was sich nicht sofort in Euro ausdrücken lässt, unter den Tisch fällt, kommt die Umwelt unter die Räder: Braunkohletagebau in Sachsen. (Foto: Nick Reimer)

Mechthild Schrooten ist Professorin für Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Geld und Internationale Wirtschaft an der Hochschule Bremen. Zuvor arbeitete sie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, Abteilung Weltwirtschaft.