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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Ein Leben ohne Geld

Heidemarie Schwermer wohnt bei Freunden und lässt sich beschenken – seit fast 20 Jahren. Am Anfang hatte sie ein schlechtes Gewissen. Heute weiß sie, was sie für andere tut.

Text: Felix Werdermann

"Hier gibt’s Geld! Hier gibt’s Geld!" Heidemarie Schwermer steht in der Stadt und klappert mit ihrem Eimer voller Fünf-Mark-Stücke. Sie verschenkt Geld, das sie durch den Verkauf ihrer Wohnung eingenommen hat, und sie verteilt Flugblätter. Darauf ist zu lesen, dass sie jetzt ein Leben ohne Geld beginnt.

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Heidemarie Schwermer lebt besser ohne Geld. (Foto: Tone Andersen/​livingwithoutmoney.org)

Inzwischen ist das fast 20 Jahre her – und Schwermer kommt noch immer weitgehend ohne das Zahlungsmittel aus. Die 73-Jährige lebt bei Freunden, zieht alle paar Wochen um. Die Dinge des täglichen Bedarfs bekommt sie geschenkt, im Gegenzug ist sie für andere da. Als sie länger bei einer Freundin in Kassel wohnte, bekam sie zunächst ein schlechtes Gewissen, weil sie das Gefühl hatte, nur noch zu nehmen, erzählt Schwermer. "Aber meine Freundin hat gesagt: Das ist überhaupt nicht wahr! Sie wohnt nämlich alleine in einem großen Haus und hat sich über meine Gesellschaft gefreut. Ich habe auch immer gekocht, dazu kam sie gar nicht."

Am Anfang ihres Ohne-Geld-Experiments war es ganz schlimm, berichtet Schwermer. Immer war da dieses Gefühl, auf Kosten anderer Leute zu leben, deren Gutmütigkeit auszunutzen. "Ich habe immer überlegt: Was kann ich jetzt für die anderen tun? Doch nach fünf Jahren, da hatte ich eine Eingebung, dass ich einfach mal üben soll, zu nehmen." Und so hat sie es gemacht.

Ihre Rente verschenkt sie in der Regel an bedürftige Menschen. Im Dezember vergangenen Jahres hat sie das Geld erstmals selbst gebraucht, um eine Heilpraxis zu bezahlen. Als Rentnerin ist sie zwar automatisch krankenversichert, doch ihre Kasse wollte diese Kosten nicht übernehmen. Früher hat sie an die Selbstheilungskräfte geglaubt und ist jahrelang nicht zum Arzt gegangen.

In ihrem früheren Leben hat Heidemarie Schwermer als Lehrerin und später als Psychotherapeutin gearbeitet. Als sie nach Dortmund zog, hat sie die Armut gesehen und einen Tauschring gegründet. Dabei merkte sie, dass sie selbst kaum Geld brauchte. "Als dann die Leute aus dem Verein auch noch anfingen mir anzubieten, ihre Wohnung zu hüten, wenn sie in den Urlaub fahren, da hat es bei mir geschaltet: Jetzt kann ich endlich mal ausprobieren, ob ich auch ohne Geld leben kann!" Zunächst war es ein befristeter Versuch, inzwischen sind daraus fast zwei Jahrzehnte geworden.

Die Angst ist gewichen

Das größte Hindernis war die Angst, erzählt Schwermer. Viele ihrer Freunde reagierten zunächst skeptisch. "Die fanden das komisch. Manche waren sehr bedrückt oder haben gedacht: Das schafft die doch nie!" Schwermer aber hat es durchgezogen. Inzwischen ist ihre Angst gewichen und ihr Vertrauen gewachsen, dass ihr auch im nächsten Monat nichts fehlen wird.

Ihr geht es um mehr als einen individuellen Lebensstil. "Ich habe schon einen politischen Anspruch." Ist das, was sie macht, gelebter Kommunismus? "Viele Dinge aus dem Kommunismus habe ich schon", sagt sie. "Ich will ohne Geld und ohne Konkurrenz leben. Aber der Kommunismus hat nicht funktioniert, weil die Menschen zu egoistisch waren." Da habe es an Spiritualität gefehlt, meint sie. Eigentlich glaubt sie aber an die Möglichkeit eines anderen Wirtschaftens: "Die Menschen sind nicht faul. Jeder will gebraucht werden."

Ein Leben ohne Geld hält sie sogar in ärmeren Ländern für möglich. "Solidarität und Hilfsbereitschaft findet man auch bei Menschen, die in extremer Armut leben." Sie ist eine unverbesserliche Optimistin. "Ich glaube, dass wir irgendwann so weit sind, dass wir alle freiwillig geben und nehmen. Wir brauchen ja viel, viel weniger, als wir heute haben." Heidemarie Schwermer macht es vor.

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Vor 20 Jahren beschloss Heidemarie Schwermer, nichts mehr zu kaufen. "Manche reagierten sehr bedrückt." (Foto: Jeremy Schultz/Flickr)

Heidemarie Schwermer lebt nicht nur ohne Geld, sie spricht auch darüber. Schwermer schrieb Bücher über ihre Erfahrungen und wurde in Talkshows eingeladen. 2010 erschien der 52-minütige Dokumentarfilm "Living without money". Die Filmemmacherin Line Halvorsen folgt darin Heidemarie Schwermer und zeigt die alltäglichen Schwierigkeiten, die ihre alternative Lebensweise mit sich bringt.

Living without money, 52 min. Regie: Line Halvorsen

Heidemarie Schwermer: WunderWelt ohne Geld. Erzählungen aus einem Leben. Books on Demand, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8482-0586-8, 10,90 €.