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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Der Ärger mit dem Rebound-Effekt

Mehr Effizienz gilt als goldener Weg zu mehr Klimaschutz und Ressourcenschonung. Doch Rebound-Effekte verwässern alle Ansätze. Die Politik ignoriert die unbequeme Wahrheit.

Text: Verena Kern

Begonnen hat alles mit James Watt. Vor 250 Jahren erfand der Schotte eine Dampfmaschine, deren Wirkungsgrad den der bislang üblichen Modelle deutlich übertraf. Sehr viel weniger Kohle musste nun als Brennstoff eingesetzt werden, die Kosten sanken. Watts Erfindung löste einen Boom aus. Dampfmaschinen verbreiteten sich immer mehr.

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Energiesparende Gebäude können dazu führen, dass die Wohnungen größer werden – ein klassischer Rebound-Effekt. (Foto: Dena)

Doch damit stieg auch der Kohleverbrauch sprunghaft an – so sehr, dass der englische Ökonom William Stanley Jevons hundert Jahre später das baldige Versiegen von Britanniens Kohlevorräten prognostizierte. Dass jede einzelne Maschine weniger verbraucht, analysierte er in seinem Buch "Die Kohle-Frage", führt paradoxerweise dazu, dass sich der Verbrauch insgesamt erhöht.

Was das Ende der Kohleverfeuerung betrifft, lag Jevons, zumindest global betrachtet, daneben. Doch das von ihm erstmals formulierte Paradoxon, dass Effizienzgewinne die Nachfrage ankurbeln und damit zu den Verbrauch anfeuern, ist inzwischen überall Realität. Sogenannte Rebound-Effekte zehren die durch mehr Effizienz erreichten Einsparungen teilweise wieder auf und erschweren damit den Weg in eine nachhaltigere Welt, wie ihn die Vereinten Nationen letzten September mit den Sustainable Development Goals beschlossen haben.

Beispiele für Rebound-Effekte sind in jedem Bereich zu finden: In gedämmten Häusern werden mehr Räume mit höheren Temperaturen beheizt. Effizientere Flachbildschirme bleiben länger angeschaltet, sparsame Autos werden öfter genutzt.

Zudem bietet die Industrie immer größere und leistungsstärkere Geräte an, sodass der Energieverbrauch trotz aller Effizienzbemühungen insgesamt hoch bleibt. Bei einem Kühlschrank mit niedrigem Stromverbrauch mag sich der Käufer leichter für ein größeres Gerät entscheiden, schließlich weiß er, dass er beim Betrieb Geld sparen kann.

Der Effekt lässt sich nur schwer beziffern

Im Bereich Energie gehen Fachleute davon aus, dass Rebound-Effekte im Schnitt etwa 25 Prozent der Einsparung wieder "auffressen". Es könnte aber auch mehr sein. Das Umweltbundesamt nennt die empirische Messung des Rebound-Effekts "eine Herausforderung". Wollte man ganz genau sein, müsste man den gesamten Ressourcenverbrauch erfassen. Man müsste berechnen, ob die Herstellung eines effizienteren Geräts auch ihrerseits effizienter ist. Und man müsste beispielsweise auch berücksichtigen, dass effizientere Elektrogeräte im Haushalt weniger Wärme abstrahlen und damit den Heizbedarf im Winter erhöhen, so die Behörde.

Laut Energiekonzept der Bundesregierung soll, als Beitrag zum Klimaschutz, bis 2050 die Entkopplung von Bruttoinlandsprodukt, Energieverbrauch und CO2-Emissionen gelingen. Dafür will man den "schlafenden Riesen" Energieeffizienz wecken und peilt eine jährliche Steigerung um 2,1 Prozent an. Ob das genügen wird, steht dahin.

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Energiefressende SUV sind auch als Hybrid-Version eine Umweltsünde. (Foto: Mario Roberto Durán Ortiz/Wikimedia Commons)

Eine Studie des Freiburger Öko-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass das Wachstum bei Energieverbrauch, Verkehr oder Fleischkonsum mit Maßnahmen zur Effizienzsteigerung allein nicht in den Griff zu bekommen ist. Dafür müssten auch die bestehenden Ansätze einer Suffizienzpolitik systematisch ausgebaut werden – von der fahrradfreundlichen Stadtplanung über Produktstandards und Gewährleistungsfristen bis zur ökologischen Steuerreform. Die Politik müsste also Grenzen setzen, ein "Genug" definieren. Danach sieht es bislang nicht aus.