Ausgabe 10 Cover

Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
Das Heft als PDF (13 MB) – Februar 2016

Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Grüne Ambivalenzen

Wer für ein grünes und genügsames Leben ist, reibt sich immer öfter die Augen: Einstige Öko-Gewissheiten werden plötzlich als umweltpolitisch fragwürdig und ungerecht gebrandmarkt. Eine ambivalente Entwicklung.

Text: Jörg Staude

Einige Experten, die immer als "grün" galten, scheinen in letzter Zeit die Seiten zu wechseln. So musste Rainer Grießhammer vom Öko-Institut im vergangenen Jahr die Energiewende gegen wuchtige Angriffe von Friedrich Schmidt-Bleek, dem Ex-Vizepräsidenten des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, verteidigen. Schmidt-Bleek hatte seinem Buch "Grüne Lügen" einen Generalangriff gegen die Photovoltaik und das Elektroauto gefahren, bezeichnete Solarstrom als "Gift für die Umwelt" und "Schwachsinn".

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Elektroautos sind nur Spielerei, schimpft "Ressourcenpapst" Friedrich Schmidt-Bleek. (Foto: Spielvogel/Wikimedia Commons)

Zwar konnte Grießhammer dem Ex-Vizepräsidenten Rechenfehler, veraltete und falsche Daten nachweisen. Auch habe sich dieser bei seinem anti-grünen Lamento auf das zu enge Kriterium der Materialintensität von Produkten und Dienstleistungen gestützt. Dennoch schält sich mehr und mehr eine gewisse Unsicherheit gegenüber "grünen" Lösungen heraus.

Recht ambivalent erscheint zum Beispiel inzwischen das zuerst so gelobte Carsharing. Die Leihwagen stehen, wie letztes Jahr das Beratungsunternehmen Civity herausfand, meist ungenutzt herum und kosten vor allem Parkfläche. Eine Untersuchung des Forschungsprojekts Wimobil ergab dagegen im gleichen Jahr, dass einige Carsharer sogar ihr eigenes Fahrzeug abschafften. Pro Leihwagen können es bis zu sechs private Pkw sein.

Die Bandbreite der Ergebnisse ist für viele vor allem ein Hinweis darauf, dass der Nutzen grüner Technologien stark von ihrer Einbindung ins gesellschaftliche Umfeld abhängt: Wo der öffentliche Nahverkehr schlecht ist, steigt man schneller auf Carsharing um. Wo Parkraum in den Innenstädten verknappt wird, steigen die Chancen für die Ausleih-Wagen, für die es oft auch noch spezielle Parkplätze gibt.

Keine Energiewende an der Politik vorbei

Die kontroverse Debatte um den Nutzen des Autoteilens führte zu der Erkenntnis, dass Carsharing erst dann wirklich grün sein kann, wenn die Fahrzeuge mit Strom, genauer mit Ökostrom betrieben werden und wenn sie Privatautos ersetzen. Das ist möglich, braucht aber eine flankierende Politik.

Ein anderes Beispiel: Gerade erlebt das Land einen Boom privater Stromspeicher, die solaren Überschuss-Strom "zwischenlagern" und ihren Besitzern eine weitgehende Selbstversorgung mit Elektrizität sichern können. Der Nutzen liegt eigentlich auf der Hand – dennoch sehen sich die privaten Solarbetreiber dem Vorwurf des Egoismus ausgesetzt.

Denn wer Strom selbst erzeugt und verbraucht, zahlt dafür keine oder deutlich weniger Abgaben wie EEG-Umlage und Netzentgelte. Was die einen einsparen, müssen dann die anderen Haushalte zahlen, die ihren Strom wie eh und je aus der Steckdose beziehen.

Um diesem Vorwurf zu begegnen, rät eine jetzt veröffentlichte Studie vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), die privaten Eigner sollten ihre Solarspeicher "systemdienlich" betreiben müssen. Das heißt zum Beispiel, 40 bis 60 Prozent des eigenerzeugten Stroms immer zunächst in den Speicher zu geben und erst ins Netz einzuspeisen, wenn andere Abnehmer Bedarf haben.

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Gerecht? Was Eigenverbraucher mithilfe des EEG an Kosten einsparen, müssen normale Haushalte draufzahlen. (Foto: Luise Moypili/Pixelio)

Derzeit lebt die Ökostrombranche noch vom Vergleich mit dem schmutzigen Kohlestrom. Dieser Imagevorteil wird aber immer geringer, je größer der Anteil des Grünstroms wird. Im Kern geht es auch hier künftig darum, grüne Technologien mit sozialen Strategien und Projekten zu kombinieren. Dann findet auch das Schwadronieren über "grüne Lügen" im Zweifelsfall weniger Resonanz.