Ausgabe 10 Cover

Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Das Leben auf der Pro-und-kontra-Liste

Effektive Altruisten wollen nicht einfach Gutes tun – sie wollen das Bestmögliche für möglichst viele. Per Kosten-Nutzen-Analyse wählen sie aus, wie sie sich engagieren. Dabei können die eigenen Ideale auch mal auf der Strecke bleiben.

Text: Susanne Schwarz

Alles begann mit dem Führerschein. Da lernte Denis Drescher, dass man als Entdecker eines Unfalls zur Hilfe verpflichtet ist, und fand das schlüssig. "Aber ich wusste ja von viel mehr Leiden auf der Welt", meint der inzwischen 27-Jährige. Alle Probleme auf einmal konnte er natürlich nicht in Angriff nehmen. "Vor ein paar Jahren habe ich dann von einer Community gehört, in der ich mich wiedergefunden habe", erzählt Drescher. Er wurde effektiver Altruist. Mittlerweile organisiert er die Bewegung in Berlin, betreut einen wöchentlichen Stammtisch.

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Damit effektiver Altruismus funktionieren kann, muss sich der Effekt in Euro und Cent ausdrücken lassen. (Foto: Jörg N/Pixelio)

Der effektive Altruismus hat zum Ziel, mit den beschränkten Ressourcen möglichst viel Glück auf der Welt zu verbreiten oder möglichst viel Leid zu verhindern. Das geht schon bei der Themenwahl los: Welches Problem verursacht auf der Welt am meisten Leid? Viele effektive Altruisten engagieren sich gegen Armut und Hunger in Entwicklungsländern, für Klimaschutz oder – wie Drescher – für Tierrechte.

Es geht darum, die rationale Wahl zu treffen. Natürlich: Gesellschaftliche, emotionale und kulturelle Realität lässt sich nur schwerlich komplett in Zahlen ausdrücken. Dennoch wollen die Effektiven ihre Taten lieber auf unvollkommene Berechnungen stützen als auf gar keine. Gedankenexperimente sollen auch Gefühle wie Leid messbar machen: Wie viele Lebensjahre wären Sie bereit aufzugeben, wenn Sie dafür nicht mehr in Armut leben müssten?

Wie viele Leben können pro Dollar gerettet werden?

Ist das Thema gefunden, suchen effektive Altruisten die effizienteste Organisation. Für entsprechende Berechnungen haben sich mittlerweile eigene Institute und Gruppen gebildet. So versucht die US-Organisation Givewell abzuschätzen, wie viel eine Nichtregierungsorganisation erreicht – etwa, wie viele Leben eine bestimmte Strategie pro Dollar statistisch gesehen retten kann. Givewell zufolge prüfen viele NGOs ihre Strategie nicht genug. Für effektive Altruisten ist das Ressourcenverschwendung.

Denis Drescher will sein Leben so leben, dass genau das nicht passiert. Momentan versucht er sein Informatik-Studium möglichst schnell zu beenden – um bald auch mit der neu erlangten Qualifikation für gute Zwecke eintreten zu können. "Eine Möglichkeit wäre dann earning to give", sagt Drescher. Dieses Prinzip – zu Deutsch "verdienen, um zu geben" – bedeutet, eine möglichst gut bezahlte Karriere einzuschlagen, um viel Geld zu spenden. "Als Software-Entwickler wäre das ja denkbar", überlegt Drescher. "Ich hätte aber auch Lust, als Aktivist tätig zu sein."

In der Tradition des Utilitarismus

Die Rechnung beginnt. Brauchen die Organisationen gerade Arbeitskraft? "Derzeit werden viele Tierrechts-NGOs größer und brauchen Leute", sagt Drescher. Aber: Fast jeder kann aktivistisch tätig werden, aber Software entwickeln und das große Geld machen steht nicht jedem offen. "Das spricht dafür, eine lukrative Erwerbsarbeit anzunehmen", meint Drescher. Etwas anderes wäre es, wenn eine NGO einen Informatiker suchen würde – dann könnte Drescher mit seiner Spezialisierung dem Zweck mehr nützen als andere.

Die Idee des effektiven Altruismus steht in der Tradition des Utilitarismus, einer Strömung der normativen Ethik. Der wohl bedeutendste Vertreter von "EA" ist der australische Philosoph Peter Singer, der mit seinen Ansichten allerdings regelmäßig für Kontroversen sorgt. Etwa wenn er dafür plädiert, Tiere und Menschen gleichermaßen nach ihren kognitiven Fähigkeiten zu bewerten – und dann zu dem Schluss kommt, es sei verwerflicher, einen gesunden Schimpansen zu töten als ein schwer geistig behindertes Kind. Auch wenn sich viele effektive Altruisten von solchen Ansichten distanzieren, bleibt bei ihnen nicht selten ein Widerspruch zu üblichen Gerechtigkeitsprinzipien bestehen.

Spenden umzuleiten ist einfacher

Das Engagement gegen bestimmte Ungerechtigkeiten, speziell wenn es um Minderheiten geht, kann schließlich in der Bilanz des weltweiten Glücks als zu wenig effizient abgelehnt werden. An ein Leib-und-Magen-Thema darf sich ein effektiver Altruist auch nicht gewöhnen, so viel Wut und Antrieb er darin persönlich auch finden mag. Wenn jemand Denis Drescher vorrechnen würde, dass ein anderes Engagement deutlich effektiver wäre als das für Tierrechte? "Dann müsste ich die Offenheit mitbringen, mich umzuorientieren", findet Drescher. Aber natürlich nur im Prinzip. Real könne vieles dagegen sprechen.

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Die Entscheidung, wer in den Genuss ihrer Gaben kommt, wollen effektive Altruisten lieber auf unvollkommene Berechnungen stützen als auf gar keine. (Fotos: Gerd Altmann/Pixabay, Helene Souza/Pixelio; Montage: Adrien Tasic)

Die Rechnung beginnt. "Vielleicht bräuchten die Organisationen in dem neuen Themenfeld gar keine Arbeitskräfte mit meinen Qualifikationen", gibt er zu bedenken. "Und vielleicht würde der alten Organisation der Wegfall meines spezifischen Know-hows ganz besonders fehlen, sodass es dort immer noch besser eingesetzt wäre." Spenden hingegen seien leichter umzuleiten. Das Leben nach der Pro-und-kontra-Liste lohnt sich, findet Drescher. "Ich will irgendwann auf mein Leben zurückblicken und sehen, dass ich viel Gutes bewirkt habe."

Die Rechnung beginnt.