Ausgabe 10 Cover

Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
Das Heft als PDF (13 MB) – Februar 2016

Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Eine Springprozession Richtung Nachhaltigkeit

Die Selbstzerstörung des Planeten kann nur in sozialen und politischen Auseinandersetzungen aufgehalten werden. Wir müssen das Institutionensystem des Kapitalismus radikal verändern, die Eigentumsfrage aufwerfen und den öffentlichen Gütern gegenüber dem privaten Wohlstand Vorrang einräumen.

Text: Elmar Altvater

Vor genau einem halben Jahrtausend, im Jahr 1516, veröffentlichte Thomas Morus seine Schrift "Utopia", in der er eine, wie wir heute sagen würden: sozial ausgeglichene, politisch friedliche und ökologisch nachhaltige Gesellschaft ausmalte. Das war zu Beginn des Kapitalismus in Europa, in jener Zeit, in der Karl Marx die "ursprüngliche Akkumulation des Kapitals" verortete. Die Landbevölkerung wurde damals in England, dem Mutterland des Kapitalismus, brutal enteignet, als Bettler in die Städte getrieben, in Arbeits- und Zuchthäuser gesteckt und in die neue Klasse der fast aller ihrer Rechte beraubten Lohnabhängigen verwandelt – bis diese sich seit dem 19. Jahrhundert in Gewerkschaften und sozialistischen Parteien organisieren lernten, um sich der Ausbeutung und Unterdrückung zu erwehren, zumal ihnen sehr bald die ehemaligen Pächter und Teile des Adels als neue Klasse der Kapitalisten gegenüberstanden.

Ein radikaler Umbruch und eine reale Utopie

Das war ein radikaler gesellschaftlicher Umbruch, für die Masse der Menschen nicht zum Besseren. Thomas Morus war ein aufmerksamer und empathischer Beobachter der elenden Verhältnisse im England Heinrichs VIII. Er zeigte daher dem englischen Publikum den Spiegel einer besseren Welt auf einer fernen und freundlichen Insel mit Namen Utopia. Eine andere Welt ist möglich, war die Botschaft. Morus sollte sie nicht erleben. Er wurde von den Henkern Heinrichs VIII. im Jahre 1535 enthauptet.

Doch er hinterließ seine berühmte Beschreibung der Gesellschaft Utopias. Er war gewiss, dass im England seiner Zeit wie in Utopia ein sechsstündiger Arbeitstag ausreichen würde, um alle Gebrauchswerte zur Befriedigung aller Bedürfnisse produzieren zu können, auch die Bedürfnisse derer, die gar nicht produktiv tätig sein können. Das war ein radikaler Gegenentwurf gegen die kapitalistischen Zwangsmaßnahmen einer rücksichtslosen Verlängerung der Arbeitszeit in den neu entstehenden Manufakturen und gegen die Landnahme durch die neuen Herren, die den Menschen in Stadt und Land die Arbeit und damit den Lebensunterhalt genommen und die natürlichen Lebensbedingungen zerstört hatten.

Thomas Morus knüpft dabei, allerdings nur implizit, an der Idee der "Oikonomia" an, der begrenzten Hauswirtschaft, wie sie Aristoteles mehr als eineinhalb Jahrtausende zuvor bereits dargelegt hatte. Das sollte eine Ökonomie der Gebrauchswerte sein, der im Unterschied zur "Chrematistik" genannten Lehre von der grenzenlosen Geldvermehrung "Maß und Mitte" nicht abhanden gekommen sind. Die sozial und ökologisch nachhaltige Oikonomia ist eine Utopie – aber eine im Sinne Ernst Blochs "reale Utopie", weil sie zwei Eigenschaften aufweist.

Erstens werden die äußeren Begrenzungen des menschlichen Handelns beachtet, heute die "Planetary Boundaries", die Klimatologen, Biologen oder Geowissenschaftler berechnen. Die Grenzen des Planeten ergeben sich aus den Gesetzen der Evolution der lebendigen Natur oder aus den thermodynamischen Hauptsätzen für die Energie- und Stoffströme der nicht lebendigen Natur. Dass der ökologische Fußabdruck der Industriegesellschaften ein Fußtritt gegen die Natur und die ärmere Hälfte der Menschheit ist, kann niemand mehr leugnen.

Neuer kategorischer Imperativ

Diese Grenzen des Planeten Erde zwingen die Menschen dazu, Regeln des friedvollen Zusammenlebens zu entwickeln und diese, wie Immanuel Kant betont, als kategorischen Imperativ zur "Maxime" des alltäglichen Tuns zu akzeptieren. Kant hatte diesen Imperativ in erster Linie im Hinblick auf das friedliche Zusammenleben der Völker auf Erden zur Gewährleistung des "ewigen Friedens" formuliert. Heute müssen wir den Imperativ kategorisch auf den Umgang mit der inneren und äußeren Natur ausdehnen und auch dafür Regeln der Nachhaltigkeit aufstellen.

Das geht nur gegen das heute in der Welt vorherrschende neoliberale Denken, dem gemäß die Akkumulation von Kapital eine Veranstaltung ohne beengende Grenzen bleiben müsse. Zur "Natur" des kapitalistischen Systems gehören schließlich seine Innovationskraft, seine Dynamik und daher das hohe wirtschaftliche Wachstum. Wenn es zu niedrig ausfällt, muss es mit einem "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" politisch verordnet werden. Dann wird alles getan, damit sogenannte "Investoren" hohe Gewinne erzielen können. Moralische Erwägungen oder gar Skrupel wären dabei fehl am Platze. Daher meinte der vatikanische Ruheständler und Ex-Papst Benedikt XVI., als er noch Kardinal Ratzinger war: "Eine Moral, die … die Sachkenntnis der Wirtschaftsgesetze überspringen zu können meint, ist nicht Moral, sondern Moralismus, also das Gegenteil von Moral."

Das ist ein harsches Urteil, ganz im neoliberalen Geist: Moral hat in der Ökonomie und daher in einer modernen Gesellschaft nichts zu suchen. Die Folge können wir erschrocken in der Zeitung lesen. Die Ungleichheit ist ein Skandal, 62 Menschen besitzen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Der Nachfolger Ratzingers, Papst Franziskus, hat ihm gehörig die Leviten gelesen, als er den Kapitalismus als eine tödliche Produktionsweise bezeichnete. Diese ist zutiefst unmoralisch, zumal moralische Imperative zur Überlebensfrage werden, wenn die Grenzen der Belastbarkeit der Erdsphären erreicht sind. Dann müssen sie einvernehmlich zur menschheitlichen Selbstbegrenzung werden. Wie soll das aber je gelingen, wenn einige Wenige in unvorstellbarem Reichtum schwelgen und die meisten anderen hungern müssen?

Die nicht sehr erfolgreichen Klimaverhandlungen auf den "Vertragsstaatenkonferenzen", zuletzt im Dezember 2015 in Paris, sind der Versuch, dem Gebot der Nachhaltigkeit Rechnung zu tragen und weniger Natur zu verbrauchen, also beträchtlich weniger fossile Energie zu verbrennen. Doch ohne radikale Überwindung der eklatanten Ungleichheit kann das nicht gelingen. Über einen Appell, weniger Energie zu verbrauchen, lachen ja die Hühner in den Chefetagen der Automobilkonzerne, wo die Abgaswerte gefälscht werden.

Die "moralische Ökonomie" gab es immer

Die Einhaltung ethischer Regeln verlangt eine "moralische" und keine kapitalistische Ökonomie. Die moralische Ökonomie hat es als Widerpart der kapitalistischen Ökonomie immer gegeben, worauf der britische Historiker Edward P. Thompson verweist. Und er meinte mit dem Widerpart die subalternen Klassen, die gegen die herrschenden Klassen der kapitalistischen Marktwirtschaft für eine Überlebensökonomie kämpfen. Davon wissen die Piqueteros in Argentinien 2001, die Landbesetzer aus Brasilien seit vielen Jahren oder die Genossenschaftler in Griechenland heute zu berichten. Sie leisten Widerstand gegen die herrschende Logik der Akkumulation, weil deren Konsequenzen soziale Entrechtung, ökonomische Verarmung und ökologische Degradation von ganzen Landstrichen sind.

Damit sind wir bereits auf den zweiten Grund für die Schaffung einer alternativen, nachhaltigen Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft gestoßen. Die reale Utopie einer "moralischen Ökonomie" ist nämlich in der gegenwärtigen Welt bereits angelegt. "Das Morgen tanzt im Heute", schreibt Dieter Klein. Allerdings wäre es fatal zu meinen, das Neue könne, so wie ein Rohstoff aus der Erdkruste extrahiert wird, einfach "aufgehoben" werden. Nein, das Utopische muss real produziert, aktiv geschaffen, sozial erkämpft werden. Das ist die Poesis einer sozial und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft.

Nun kommt sofort die Frage auf, ob das Neue innerhalb des kapitalistischen Umfeldes überhaupt geschaffen werden kann. Diese Frage strukturiert die heutige Diskussion um Wirtschaftswachstum, um dessen Effizienz, Suffizienz und Konsistenz. Das sind keine erotischen Begriffe, mit denen für einen nachhaltigen und freudvollen Umgang mit der Natur geworben werden könnte. Sie erinnern an die Begrenztheit der Ressourcen der Natur und ihrer Tragfähigkeit für Schadstoffe, an Rationierung des Naturverbrauchs, an die Tonnen Papier, das mit den Berichten über Rohstoffknappheit, Peak Oil, Peak Everything, Treibhausgase in der Atmosphäre, Plastik in den Ozeanen und über die Folgen für die Evolution des Lebens bedruckt worden ist.

Der Dreiklang macht ein schlechtes Gewissen, weil er eine mathematische Trivialität anklingen lässt. Der Naturverbrauch kann nur gesenkt werden, wenn wir das Sozialprodukt weniger oder gar nicht steigern und wenn wir sehr radikal dessen Verteilung ändern. Denn es ist offensichtlich: Freiwillig, durch individuellen Verzicht ist die notwendige Reduktion der CO2-Emissionen oder des Materialverbrauchs um bis zu 90 Prozent in den kommenden Jahrzehnten nicht zu erreichen.

Öffentliche Güter brauchen Vorrang

Man hört die Nachtigallen trapsen: Was mathematisch trivial ist, kann nur gemacht werden, wenn wir Produktions- und Lebensweise nachhaltig und daher radikal verändern. Das klingt einfach, ist aber schwer zu machen. So sagte es Bertolt Brecht vom Kommunismus. Eine höhere Effizienz des Naturverbrauchs ist angesichts des Ausmaßes des Zugriffs auf Ressourcen und Senken völlig unzureichend. Eine "Sack-und-Asche"-Suffizienz wird nur wenige mobilisieren können.

Es werden also die Rahmenbedingungen der Produktion und des Lebens geändert werden müssen, um Kants kategorischen Imperativ zu befolgen. Wir müssen, wenn wir den Klimakollaps verhindern wollen, das Institutionensystem des Kapitalismus radikal verändern, die Eigentumsfrage aufwerfen und den öffentlichen Gütern gegenüber dem privaten Wohlstand Vorrang einräumen.

Dann winkt nicht das ewige, doch vielleicht das "gute Leben" mit Maß und Mitte, wie es Thomas Morus sehr konkret in Utopia vorschwebte. Als "buen convivir", als "gutes Zusammenleben in einer Gemeinschaft im Einklang mit der Natur" ist es bereits in Bolivien und Ecuador zum Verfassungsprinzip erhoben worden. Doch der Verfassungstext des "buen vivir" ist, wie so oft, nicht gleichbedeutend mit der Verfassungswirklichkeit. Die ist durch einen "neuen Extraktivismus" der gar nicht nachhaltigen Rohstoffausbeutung charakterisiert.

Der Fortschritt zur sozial und ökologisch nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft ist wie die Echternacher Springprozession. Es geht vorwärts, aber auch wieder zurück. Man muss sich anstrengen, damit wir mit der nachhaltigen Produktions- und Lebensweise vorankommen.

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Zwei Schritte vor, einer zurück: Wie bei einer Springprozession kommt es auf dem Weg zur Nachhaltigkeit darauf an, trotz häufiger Rückwärtsbewegungen die Richtung zu halten. (Foto: Shadia Fayne Wood/Survival Media Agency/peoplesclimate.org)

Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und Autor verschiedener Werke zu Kapitalismus, Globalisierung und Ökologie