Ausgabe 10 Cover

Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
Das Heft als PDF (13 MB) – Februar 2016

Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz oder Suffizienz? Effizienz und Suffizienz!

Angeblich schließen sich Effizienz und Suffizienz aus. Zur politischen und wissenschaftlichen Profilierung wird das sogar noch hervorgehoben. Faktisch aber ergänzen sich beide Strategien. Es kommt darauf an, nüchtern und offen das jeweils wirkungsvollste Instrument oder eine Kombination davon zu finden.

Text: Irmi Seidl und Angelika Zahrnt

Effizienz gilt als ein zentraler Ansatz, um zu einer nachhaltigen Entwicklung zu gelangen. Dabei ist Effizienz ein grundlegendes ökonomisches Prinzip: Ein bestimmter Output soll mit einem Minimum an Input erreicht werden oder ein maximaler Output aus einem bestimmten Input.

Auf den Umweltbereich übertragen spricht man auch von Ökoeffizienz. Dabei geht es in erster Linie um einen möglichst effizienten Energie- und Ressourceneinsatz sowie eine minimale Umweltbelastung durch Emissionen und Abfälle. Zu Ökoeffizienz haben Wirtschaft und Unternehmen leichten Zugang, ist Effizienz doch Wirtschaftlichkeitsdenken. Effizienzverbesserungen entstehen oft durch technische Maßnahmen. Deshalb wird technischer Fortschritt vielfach als entscheidend für Nachhaltigkeit angesehen.

Damit einher geht die Vorstellung, unsere Wirtschafts- und Lebensweise, ja sogar das bisherige Wirtschaftswachstum, könnten fortgesetzt werden, wenn die Anstrengungen für Ökoeffizienz deutlich zunähmen. Dieser Ansatz erweist sich allerdings als unzureichend. Sogenannte Rebound-Effekte machen Effizienzgewinne zunichte, weil effizientere Produkte intensiver genutzt werden, und Wirtschaftswachstum kompensiert Effizienzsteigerungen über eine erhöhte Güterproduktion.

Suffizienz – die große Gegenthese

Demgegenüber steht die Nachhaltigkeitsstrategie der Suffizienz für einen Lebensstil, der in bewusster Abgrenzung zum vorherrschenden "Immer weiter, immer schneller, immer mehr" auf das rechte Maß setzt, der ein Genug kennt und eine Kombination von Wohlstand an Gütern, Zeit und sozialen Beziehungen anstrebt – bei einem ökologisch verträglichen Fußabdruck. Dabei kommt neben der Warenproduktion und Erwerbsarbeit der informelle Sektor neu in den Blick – mit Eigenarbeit, Selbstversorgung, gemeinsamer Nutzung und Tausch von Gütern.

Suffizienz ist eine individuelle Aufgabe, gleichzeitig ist es auch Aufgabe der Politik, einen suffizienten Lebensstil zu erleichtern. Das geschieht durch entsprechende Infrastrukturen, etwa Radwege oder Sportstätten, und durch geeignete Rahmenbedingungen wie zum Beispiel Preise, die Umweltkosten widerspiegeln. Suffizienz im technischen Bereich meint vor allen Vermeiden und Einsparen.

In der öffentlichen Debatte geht es häufig darum, ob Effizienz oder Suffizienz der erfolgversprechende Pfad für eine nachhaltige Entwicklung ist. Kann ein Vorantreiben technischer Ökoinnovationen den ökologischen Fußabdruck auf das verträgliche Maß reduzieren oder geht das nur mit genügsamen Lebensstilen? Brauchen wir eine wachsende Green Economy oder eine wachstumsvermeidende "Degrowth Economy"? Schaffen wir es technikbegeistert und mit hohen Kapitalinvestitionen oder aber technikskeptisch und mit mühsamen Verhaltensänderungen?

Den Gegensatz gibt es oft gar nicht

Wie so oft wird das Entweder-oder der komplexen Realität nicht gerecht. Beleuchten wir deshalb einmal verschiedene Aspekte der beiden Strategieansätze – und ihr Zusammenwirken.

Strategien gehen ineinander über: Effizienz und Suffizienz sind analytisch nicht immer trennbar, insbesondere nicht im Zeitablauf. Beispielsweise ging es bei den ersten Carsharing-Projekten vor allem um Suffizienz, nämlich den Verzicht auf ein eigenes Auto aus ökologischen wie alltagspraktischen Überlegungen (kein eigener Parkplatz). Heute gilt Carsharing als Beispiel gelungener Ökoeffizienz: Neue IT-Lösungen ermöglichen, das Auto per Smartphone zu buchen und so das Carsharing einem stark wachsenden Kundenkreis zugänglich zu machen.

Effizienz, Suffizienz und Wachstum: Effizienz gilt im Allgemeinen als wachstumsfördernd, Suffizienz dagegen als wachstumsmindernd. Volkswirtschaftlich dürfte Suffizienz weniger Wachstum bedeuten. Wie eine Wirtschaft und Gesellschaft mit rückläufigem und ausbleibendem Wachstum aussehen kann, damit beschäftigt sich unter anderem die Debatte um eine Postwachstumsgesellschaft. Für einzelne Unternehmen kann Suffizienz ein Geschäftsfeld sein und Wachstumschancen eröffnen, zum Beispiel wenn sie hoch qualitative Produkte und speziell deren Instandhaltung anbieten.

Veränderte Lebenspraktiken: Effizienz gilt als vergleichsweise einfach bei den Verbrauchern durchsetzbar, ist doch in jeder neuen Produktgeneration die Effizienzsteigerung mitgeliefert. Doch erfordern Effizienzmaßnahmen oftmals Verhaltensänderungen: Das Management eines Smart Homes ist anspruchsvoll und das richtige Timing des Energieverbrauchs ändert die Tagesorganisation; die Abhängigkeit von Technologie steigt, selbst reparieren wird schwieriger. Dagegen gilt Suffizienz als eher langwieriger Prozess der Veränderung von Werten und Verhalten. Doch es gibt Beispiele, wo es mit veränderten Verhaltensweisen zügig ging, so beim Rauchen im öffentlichen Raum oder bei der veganen Ernährung.

Freiheit und Lebensstil: Effizienzstrategien werden oft mit Freiheit assoziiert, mit der Freiheit, den westlichen Lebensstil beibehalten und die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit ausblenden zu können. Als frei und unabhängig gilt auch die Forschung, die Effizienzsteigerungen hervorbringt. Tatsächlich aber bestimmen wirtschaftliche Macht und politische Interessen die Forschung ganz wesentlich. Anders als Effizienz wird Suffizienz oft als Einschränkung der (Konsum-)Freiheit wahrgenommen, wobei Einschränkungen der Freiheit in den Rohstoff- und Herstellerländern ignoriert werden. Dabei kann Suffizienz Freiheit bedeuten, Freiheit durch ein ressourcenleichtes und beziehungsreiches Leben.

Neue Aufgaben, neue Herausforderungen

Daraus ergeben sich bekannte und neue Aufgaben und Herausforderungen für Effizienz und für Suffizienz:

Rebound-Effekt begrenzen: Um Effizienzgewinne zu sichern und Rebound-Effekte zu begrenzen, wird vorgeschlagen, Ökosteuern parallel zu Effizienzgewinnen anzuheben oder die Zielvorgaben für den Emissionshandel und andere absolute Ziele – sogenannte energy caps – zu verschärfen. Auch Produktstandards lassen sich dynamisieren. Informations- und Bewusstseinsbildung können individuelles Verhalten beeinflussen und ökologische Lebensstile fördern. Rebound-Forschung sollte verstärkt werden.

Gesellschaftliche Wirkungen beachten: Einem Teil der Gesellschaft dürften anspruchsvolle Effizienztechnologien nicht zugänglich sein, entweder weil sie die Investitionskosten nicht aufbringen und damit von Ressourceneinsparungen nicht profitieren können oder weil diese Technologien zu komplex sind. Die dadurch mögliche gesellschaftliche Spaltung muss im Blick bleiben, breit zugängliche Technologien müssen gefördert werden.

Große materielle Unterschiede vermeiden: Menschen orientieren sich an ihrem Umfeld, besonders an besser verdienenden Schichten, die in der Regel einen Lebensstil mit größerem ökologischen Fußabdruck haben. Weniger Verdienende werden versuchen, durch entsprechenden Konsum aufzuschließen. Ein suffizienter Lebensstil setzt also verringerte soziale Unterschiede voraus, zum Beispiel durch geringere Einkommens- und Vermögensunterschiede.

Wissen über Suffizienz erweitern: Die bisherige Forschungspolitik fördert vor allem technische Entwicklungen. Die Suffizienzforschung steht am Anfang. Wir wissen kaum etwas über die ökologische Entlastung von suffizienten Verhaltensweisen und mögliche Reboundeffekte, über die Wirkungen von Suffizienz auf die Lebensqualität sowie gelungene Kombinationen von Suffizienz und Effizienz.

Auch suffizientes Verhalten braucht Regeln: Wenn suffizientes Verhalten Teilen, gemeinsames Nutzen und Kooperieren bedeutet, müssen auch Toleranz sowie die Fähigkeit zu Moderation und Konfliktlösung entwickelt werden. Schon eine Waschküche gemeinsam zu nutzen braucht Anpassung und Organisation. Wie sich zunehmend zeigt, werden rechtliche Regelungen bei den auf geteilter Nutzung beruhenden Businessmodellen der Share Economy nötig.

Nüchtern abwägen statt ideologisch profilieren

Dass Effizienz und Suffizienz sich angeblich ausschließen, wird oft damit begründet, dass sich bei geringerer Konsumnachfrage die Effizienzdynamik verringert. Doch gerade im Umweltbereich kann Suffizienz durchaus Effizienzverbesserungen auslösen. Dennoch setzt die Forschungs- und Infrastrukturförderung – auch im Umweltbereich – im Wesentlichen auf Effizienz.

So spielt Suffizienz bei der Energiewende eine äußerst nachgeordnete Rolle. Die Ausschließlichkeit der beiden Strategieansätze wird der politischen und wissenschaftlichen Profilierung halber sogar noch hervorgehoben: hier jene, die auf Ökoeffizienz und grünes Wachstum setzen, dort jene, die in der Suffizienz und im Schrumpfen den Weg in eine nachhaltige Entwicklung sehen. Faktisch aber ergänzen sich die beiden Strategieansätze. So ist es für eine nachhaltige Entwicklung entscheidend, nüchtern und offen das jeweils wirkungsvollste Instrument oder eine Kombination davon zu finden.

Bild
Bei dieser Familie sieht es nach einem suffizienten Lebensstil aus. Mit einem extrem ineffizienten Kühlschrank nützt das aber nicht viel. (Foto: Michael Bührke/Pixelio)

Irmi Seidl ist Umweltökonomin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Angelika Zahrnt ist Systemanalytikerin und war Vorsitzende des Umweltverbandes BUND. Beide sind Herausgeberinnen von "Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft" und der dazugehörigen Website postwachstum.de