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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Drei Fragen zu Effizienz und Suffizienz

Unsere Technik und unser Wirtschaften müssen viel effizienter werden, aber wie erreichen wir das? Und genügt das überhaupt oder brauchen wir auch Suffizienz? Es antworten der Energiexperte Andreas Kuhlmann, die politische Aktivistin Barbara Unmüßig und der Suffizienz-Vordenker Manfred Linz.

Herr Kuhlmann, Frau Unmüßig, Herr Linz, sind die ökologischen Ziele, zum Beispiel im Klimaschutz, mit mehr technischer Effizienz zu erreichen oder ist zugleich auch Suffizienz – also Mäßigung und Selbstgenügsamkeit – vor allem in den Industriestaaten notwendig?

BildAndreas Kuhlmann: Zunächst einmal bin ich Physiker und ganz sicher auch ein Freund technologischer Entwicklungen. Ganz aktuell tut sich zum Beispiel einiges im Zusammenhang mit der Energiewende. Die Digitalisierung der Energiewelt zum Beispiel kann einen wichtigen Beitrag für das Erreichen der Klimaziele leisten. Gerade im Zusammenhang mit Energieeffizienz sehe ich spannende Entwicklungen, wenn wir nur mutig genug den Rahmen dafür setzen.

Ich bin auch Katholik. Geprägt haben mich in jungen Jahren die Entwicklungspolitik und die Diskussionen über die Bewahrung der Schöpfung. Denke ich an Suffizienz, denke ich spontan daran zurück. Effizienz heißt für mich Innovation, Suffizienz steht für das erforderliche Umdenken. Denn es ist offenkundig, dass unser Wohlstand auf der Armut anderer beruht. Auffällig ist, wie wenig wir heute über ökologische Ökonomie und entsprechende politische Strategien diskutieren. Da waren wir schon mal besser.

BildBarbara Unmüßig: Die Verpflichtung aus dem Paris-Abkommen, die Erderwärmung auf zwei oder sogar 1,5 Grad zu begrenzen, lässt sich nicht allein mit technologischen Lösungen erfüllen. Die Transformation muss alle klimarelevanten Bereiche der Gesellschaft erfassen – neben Energie vor allem Landwirtschaft und Mobilität. Die klimawissenschaftlichen Szenarien zeigen uns Entwicklungspfade für das Zwei-Grad-Ziel auf, die alle unausgesprochen mit einem massiven Einsatz von Geoengineering rechnen.

Das "offizielle" Denken und Forschen ist gänzlich dem aktuellen Wirtschaftssystem und Wachstumsparadigma verhaftet. Zu einer grünen Transformation gehört aber die Kunst des Unterlassens, des Weniger. Suffizienz will die richtige Mitte zwischen Übermaß und Mangel finden. Dafür braucht es ganz neue, auch soziale Erfindungen. Die Frage "Wie viel ist genug?" lässt sich nicht umgehen, schon gar nicht im Kontext globaler Gerechtigkeit.

BildManfred Linz: Effizienz allein kann die ökologischen Ziele gar nicht erreichen. Effizienz ist auf möglichst wirksame Nutzung der eingesetzten Mittel ausgerichtet und damit zunächst ein Prinzip allen gewinnorientierten Wirtschaftens und verständigen Haushaltens. Sie spart Ressourcen und Kosten und setzt sie damit frei für neue Vorhaben.

Im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit ist Effizienz sehr wirksam darin, Energie und Rohstoffe einsparen. Sie enthält in sich aber keinerlei Antrieb, das Eingesparte zu bewahren und es nicht für neue Produkten und Dienstleistungen einzusetzen, die ihrerseits wieder Rohstoffe und Energie verbrauchen – der sogenannte Rebound-Effekt. Effizienz droht darum ohne Verbindung mit naturverträglichen Technologien – also Konsistenz – und mit Suffizienz ihre ökologische Aufgabe zu verfehlen.

Suffizienz in unserem Zusammenhang verstehe ich als die bewusste und beabsichtigte Verringerung des Bedarfs an Energie, vor allem fossiler Herkunft, an Rohstoffen und an Fläche. Das ist zu einem begrenzten Teil dadurch erreichbar, dass Menschen ihren persönlichen Lebensstil verändern. Strategische Bedeutung gewinnt Suffizienz aber erst, wenn sie durch politisches Handeln verbindlich gemacht wird.

Kann eine "Effizienzrevolution" angesichts des Rebound-Effekts überhaupt erfolgreich sein, wenn es nicht auch Suffizienz und einen Umbau in Wirtschaft und Gesellschaft gibt? Erfordert Suffizienz die Verbindung von Ökologie und Gerechtigkeit?

Andreas Kuhlmann: Der Rebound-Effekt wird meines Erachtens überschätzt. Man könnte ihn durch entsprechende politische Maßnahmen leicht eindämmen. Aber das erfordert genaue Analysen und mutige politische Konzepte, die mit verteilungspolitischen Debatten verbunden sind. Die Frage ist nicht, ob es einen Umbau in Wirtschaft und Gesellschaft geben wird, sondern wie und mit welchen Instrumenten und politischen Strategien.

Und ja, eine Verbindung von Ökologie und Gerechtigkeit ist ganz sicher erforderlich. Deshalb habe ich mich über die Verabschiedung der SDGs, der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, mehr gefreut als über das Pariser Klimaabkommen. Aber da war ich wohl einer der wenigen.

Barbara Unmüßig: Das Beispiel Auto zeigt: Bescheidene Effizienzgewinne werden fast vollständig durch immer größere und schwerere Fahrzeuge aufgezehrt. Der Pkw- und Lkw-Verkehr steigt weltweit und in Deutschland seit Jahren an. Das Wachstumsmodell lediglich effizienter zu machen reicht also nicht aus, um das fossile Zeitalter zu überwinden.

Eine Entkoppelung von Wachstum und Energieverbrauch ist möglich, wir brauchen aber viel mehr: einen radikalen, absoluten Rückgang von Energie- und Materialverbrauch, vor allem in Industrieländern. Ohne das auf Wachstum beruhende Wohlstandsmodell zu hinterfragen ist das keine realistische Perspektive. Es gibt bisher kein plausibles Szenario, das Wachstum, weniger absoluten Umweltverbrauch und mehr Gerechtigkeit in einer Welt von neun Milliarden Menschen glaubhaft kombiniert.

Manfred Linz: Effizienz kann viel bewegen, nur ist sie in sich selbst ziellos. Von einer Effizienzrevolution zu sprechen hat darum nur Sinn, wenn die Ziele dieser Revolution nicht in der Effizienz selbst bestehen, sondern in einer zukunftsfähigen und befriedeten menschlichen Gesellschaft. Zu ihr gehört die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und eine drastische Verringerung der klaffenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in den heutigen Lebensbedingungen.

Auch eine politisch verstandene Suffizienz wird dazu ihren Beitrag leisten. Sie wird die Mäßigung der Ansprüche in der eigenen Gesellschaft nicht von denen fordern, die ohnehin zu wenig zum Leben haben, sondern für sie einen Ausgleich schaffen. Sie wird dafür arbeiten, dass der Anspruch der Suffizienz weltweit mit Leben erfüllt wird. Suffizienz ist ja nicht der Name für Mangel, für das Kümmerliche, sondern für das, was genug ist, was befriedigt. Davon sind zu viele zu weit entfernt.

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Eine Kirchentagsaktion regte 2013 zum Nachdenken über Suffizienz an. (Foto:
kirchentag.de; Porträtfotos: Heinrich-Böll-Stiftung (2), Wuppertal-Institut)

Müssen wir uns angesichts der planetaren Grenzen, wie sie Johan Rockström und andere aufgezeigt haben, vom Wachstumsmodell lösen?

Andreas Kuhlmann: Was kann ich in dem hier gesetzten Rahmen auf eine Frage antworten, über die ich mir viele intensive Diskussionen wünschen würde? Eines aber doch: Der Zertifikatehandel ist ein einfaches Beispiel dafür, wie man ein globales Umweltziel ökonomisch effizient und übrigens bei kluger Ausgestaltung auch gerecht und solidarisch erreichen kann.

Und dennoch verabschieden sich immer mehr Umweltaktivisten von diesem Instrument und freuen sich schon, wenn in Paris nationale Versprechen eingesammelt werden. Wer hier schon aufgibt, braucht gar nicht erst anzufangen darüber nachzudenken, wie man denn zu einer Kultur der Lebensqualität und Nachhaltigkeit kommen könnte. Das ist nämlich noch mal ein ganzes Stück anstrengender.

Barbara Unmüßig: Planetare Grenzen anerkennen heißt ja, Emissionen aller Art und Ressourcenverbräuche radikal zu reduzieren und eben auch fair zu verteilen. Die Trendumkehr wird radikaler ausfallen müssen, als dies manches Umbauszenario oder die Grüne Ökonomie suggerieren. Dazu braucht es viele Suchprozesse, gesellschaftliche, soziale Laboratorien und technische Innovationen.

Reale Machtstrukturen im ökonomischen wie politischen Zusammenhang, die die Transformation nicht befördern, müssen überwunden werden. Das wird nicht ohne politische und soziale Kämpfe gehen. Zur Transformation braucht es Leidenschaft und Optimismus, Mut und Lust auf Vielfalt und Kontroverse.

Manfred Linz: In einer begrenzten Welt ist unbegrenztes Wirtschaftswachstum nicht möglich, den Versprechungen auch des grünen Wachstumsglaubens zum Trotz. Ein Umbau der Weltwirtschaft nach Plan, so nötig er wäre, wird kaum gelingen. Dazu sind die Beharrungskräfte zu stark. Auch eine Kultur der Lebensqualität und Nachhaltigkeit, so sehr sie zu wünschen ist, ist nicht planbar.

Die tiefgreifenden Veränderungen, die uns in Wirtschaft und Kultur bevorstehen, werden nicht durch Vorsatz entstehen. Die Ereignisse werden uns nötigen, uns zu besinnen, und es ist zu hoffen, dass jedenfalls die Mehrzahl der Menschen sich unausweichlichen Einsichten nicht verschließt.

Andreas Kuhlmann ist Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena), Sprecher der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) und Mitglied im Präsidium des Weltenergierats.

Barbara Unmüßig ist Autorin, Aktivistin und Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie veröffentlicht zu internationalen Finanzbeziehungen, Umweltfragen und Nord-Süd-Politik.

Manfred Linz ist Journalist und Autor zu den Themen Öko-Suffizienz und Lebensqualität sowie freier Mitarbeiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Fragen: Susanne Götze