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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Effizienz allein bringt keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen. Wir brauchen auch Suffizienz – die Befreiung vom "Immer mehr". Und zwar nicht individuell, sondern als Politik.
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Heft 10: Effizienz und Suffizienz

Editorial

Effizienz wird nur wirksam, wenn wir gleichzeitig die Rahmenbedingungen für echte Einsparungen schaffen. Nachhaltigkeit braucht beides: Effizienz und Befreiung vom "Immer mehr".

Text: Kai Niebert

Ein gutes Leben. Wer wünscht sich das nicht? Vor allem die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hat dem industrialisierten Fünftel der Welt ein geradezu unglaubliches Wirtschaftswunder beschert mit einem nie da gewesenen Wachstum an Wohlstand. Wirtschaftswachstum war dabei immer an ein Wachstum des Energie- und Rohstoffverbrauchs gekoppelt. Gleichzeitig sehen wir, wie die planetaren Grenzen immer näher kommen – wir sie an einigen Stellen sogar schon überschritten haben.

Ein Ausweg aus dieser Sackgasse ist die längst überfällige Effizienzrevolution: In Deutschland können bis 2020 durch Effizienzmaßnahmen jährlich 68 Milliarden Kilowattstunden Strom gespart werden. Das entspricht der Leistung von zehn Atomkraftwerken. Gleichzeitig sind 90 Prozent aller Wohnungen in der EU energetisch sanierungsbedürftig. Ohne Effizienz wird die Energiewende auf der Strecke bleiben.

Effizienz klingt gut, wäre da nicht der Bumerang

Als scheinbaren Ausweg weisen Experten quer durch alle Parteien den Weg in eine Effizienzwirtschaft: Wenn Deutschlands Wirtschaft erst einmal ökomaximal grün revolutioniert und effizient sei, wären Klima und Wirtschaftswachstum gleichzeitig gerettet. Klingt gut. Wäre da nicht der Bumerang – mit seiner Eigenschaft, immer wieder zurückzukommen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden beispielsweise Glühbirnen noch mit Kohlenstoffdrähten als Leuchtmittel betrieben und waren nur in wohlhabenden Haushalten zu finden. 1906 erwarb General Electric das Patent für Glühbirnen mit einem Wolframdraht. Das führte zu einer kleinen Effizienzrevolution bei Leuchtmitteln.

Wäre die Geschichte hier zu Ende, könnte sie als ein Beispiel gelebter Nachhaltigkeit dienen – ökonomisch, ökologisch, sozial. Schaut man sich jedoch einmal Bilder der Erde bei Nacht an, schwant einem schon der unrühmliche Ausgang der Sache. In dem Maße, wie Energie und Licht bezahlbar geworden sind, explodierte die Ausbreitung von Leuchtmitteln aller Art. Heute ist Europa nachts hell erleuchtet. Der Effizienzgewinn wurde durch die exponentielle Ausbreitung der Technik zunichte gemacht.

Ähnliche Beispiele lassen sich bei Autos, Heizungen, Fernsehern, Wohnungen und vielem mehr finden. Heute benötigen wir etwa ein Viertel weniger Rohstoffe und Energie als zu Beginn der 1980er Jahre, um eine Einheit wirtschaftliche Wertschöpfung zu erzeugen. Da jedoch die Weltwirtschaft zwischen 1980 und 2015 insgesamt um das Siebenfache gewachsen ist, wurden diese Effizienzgewinne mehr als ausgeglichen.

Suffizienz, das Maßhalten, kann nicht privatisiert werden

Ohne Effizienz geht es nicht, aber Effizienz allein wird keine substanzielle Reduktion von Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfällen bringen. Nur wenn wir uns gleichzeitig vom Wachstumszwang, vom Drang nach immer mehr befreien, wird die Energiewende gelingen. Es wäre jedoch falsch, diesen Befreiungskampf, mal als Maßhalten und mal als Suffizienz verstanden, zu privatisieren. Natürlich gibt es sie, die Vorreiter, die zukunftsfähig produzieren und leben, die den Wandel vollziehen und sich freiwillig von der Last des "Immer mehr" befreien. Sie sind aber in der Minderheit. Es wäre vermessen anzunehmen, dass der notwendige Bewusstseins- und Wertewandel gesamtgesellschaftlich – vor allem in der notwendigen Geschwindigkeit – erreichbar ist.

Notwendig ist eine Politik, die diese Befreiung möglich macht: Wir müssen Verschwendung und Maßlosigkeit entmutigen und gleichzeitig Maßhalten und Nachhaltigkeit ermutigen. Das bedeutet: Abgaben auf Verschmutzungen und Verschwendungen erhöhen, schädigende Subventionen beschneiden und auch Werbung einschränken.

Effizienz wird nur wirksam, wenn wir gleichzeitig die Rahmenbedingungen für echte Einsparungen schaffen. Nachhaltigkeit braucht beides: Effizienz und Befreiung.

Bild
Das Beispiel der Glühbirne zeigt: Effizienz muss nicht gut für die Umwelt sein, oft genug ist das Gegenteil der Fall. (Foto: Matt Walker/Flickr)

Kai Niebert ist Professor für Nachhaltigkeit und Bildung an den Universitäten Zürich und Lüneburg und Präsident des Deutschen Naturschutzrings