Heft 25: Digitalisierung

Editorial

Schöne neue Digitalwelt: Zerstörer oder Heilsbringer? Digitalisierung könnte nachhaltigen Konsum einfacher machen und Konsumenten helfen, Prosumenten zu werden. Doch die Bilanz ist ernüchternd: Der E-Commerce sorgt für hohe Wachstumsraten und bringt neue Umweltbelastungen.

Text: Kai Niebert

Liebe Leserinnen und Leser, 35 – in Worten fünfunddreißig. Das ist die Zahl, die mich beim Lesen der Beiträge dieser movum am meisten elektrisiert hat, während ich am Schreibtisch vor meinem Bücherregal sitze. 35 – das ist die Zahl der Bücher, ab der die Energiebilanz eines E-Book-Readers besser ist als die der Bücher.

eschrottSelbst unter optimalen Bedingungen gehen im Recycling zwei Drittel der Metalle verloren. (Foto: Dietmar Oelke/​Shutterstock)

Die Rechnung: Wer mehr als 35 Bücher hat, sollte sich einen Reader kaufen, denn die Herstellung eines E-Book-Readers verursacht etwa gleich viel CO2 wie die Herstellung von 35 gedruckten Büchern. Also: Buchhandlung ade und nur noch bei Amazon erst den Kindle und dann die Seele füttern?

Die Verheißungen der Digitalisierung sind enorm: Alle ein bis zwei Jahre verdoppelt sich die Zahl der Transistoren, die auf einen Mikrochip passen. So bleibt der Ressourceneinsatz gleich, während die Rechenleistung kontinuierlich ansteigt.

Aber der Fortschritt hat Kosten, die wir nicht sehen: Ein E-Reader besteht nicht nur aus Energie. Sondern auch aus Coltan, Zinn, Wolfram und Gold, die als Metalle unsere Informationstechnologien überhaupt erst ins Laufen bringen. Diese Konfliktmineralien kommen im Kongo vor und sind hart umkämpft. Ein paar tausend Kilometer weiter in Ghana ist es nicht viel besser: Blei, Cadmium und Beryllium aus wachsenden Elektroschrottbergen belasten Umwelt und Mensch.

Viel Elektroschrott, wenig Recycling

Allein 2017 sind weltweit 65 Millionen Tonnen Elektroschrott angefallen, Tendenz steigend. Denn nicht nur der Konsum an neuen Geräten steigt stetig – durchschnittlich kaufen wir alle 20 Monate ein neues Mobiltelefon –, auch die Komplexität der Materialien: Während 1971 noch 17 Materialien in einem Chip verbaut waren, sind es heute über 50.

Das Problem dabei ist: Selbst unter optimalen Bedingungen wird im Recycling nur ein Drittel der Metalle zurückgewonnen, der Rest geht verloren.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung zum Ressourcenschutz sind da: digitale Tools und Gadgets bringen vielfältige Chancen, um Autos, E-Scooter oder auch Wohnraum zu teilen. Dank Digitalisierung können so aus uns Konsumenten Prosumenten werden, indem wir unsere Erwerbungen selber feilbieten. Für alle, die nachhaltig konsumieren wollen, machen Bits und Bytes das Leben einfacher.

Doch die Bilanz ist ernüchternd: Der E-Commerce sorgt jährlich für zweistellige Wachstumsraten – und das, obwohl die Umsätze im Einzelhandel gleich bleiben. Die Digitalisierung bringt somit nicht automatisch auch Entlastungen für die Umwelt, im Gegenteil. Derzeit treibt sie den Umweltverbrauch an.

Deutlich wird: Nur wenn die Digitalisierung mit einer durchdachten, die planetaren Grenzen beachtenden Politik gerahmt wird, können technische Innovationen auch zu sozialem und ökologischem Fortschritt führen. Bis das Realität ist, bleibe ich bei meinen Büchern. So energieeffizient der E-Reader auch sein mag, eines kann er nicht: Wenn ich jetzt meine Bücher weiterverschenke, verdoppelt sich ihre Produktivität mit jeder neuen Leserin und jedem neuen Leser.

Kai Niebert ist Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR).

Schlagworte: Konsum, Ressourcen, Informationstechnik, Editorial, Medien