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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
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Heft 6: Boden

Ökostrom auf sicherem Boden

Die Energiewende darf nicht auf Kosten der Böden gehen. Lösungen für bodenschonende Energieprojekte sind vorhanden. Doch der Alltag auf den Baustellen von Stromtrassen oder Windparks sieht bisher anders aus.

Text: Kerstin Schmidtfrerick

Der Boden spielt bei der Energiewende eine wichtige Rolle. Er ist der Acker für den Anbau von Energiepflanzen und die Fläche für den Bau von Windkraftanlagen, Freileitungen und unterirdischen Stromtrassen. Bei der Geothermie ist er sogar der Energieträger. Gerade beim geplanten Netz-Ausbau ist der Bodenschutz sehr wichtig, um Schäden durch Großbaustellen von Windparks oder Stromtrassen, besonders bei Erdkabeln, zu vermeiden.

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Energielandschaft: Erneuerbaren-Anlagen auf einem früheren Militärgelände. (Foto: ELM)

Noch immer werden Böden auch bei Energiewende-Projekten in erster Linie als bloßer Baugrund wahrgenommen. Der Boden geht ja nicht kaputt, nur weil ein Bagger drüberfährt. Die Baugruben werden doch hinterher wieder zugeschüttet, dann sieht alles aus wie vorher. Aber das ist falsch. Oft wird durch Baumaßnahmen fruchtbarer Boden zerstört, er geht verloren. Angesichts der immensen Bodenverluste durch Versiegelung und Erosion ist das nicht hinzunehmen. Die Bildung von einem einzigen Zentimeter Mutterboden dauert 100 bis 400 Jahre. Boden ist eine endliche, praktisch nicht erneuerbare Ressource, die erhalten werden muss.

"Die Baupraxis zeigt, dass Bauflächen durch intensive Befahrung, Materiallagerungen und Bodenumlagerungen massiv in ihren natürlichen Bodenfunktionen gestört werden können", sagt Norbert Feldwisch, Vizepräsident des Bundesverbands Boden (BVB). Die physikalischen Beeinträchtigungen von Böden beim Bauen und bei der Wiederherstellung von durchwurzelbaren Bodenschichten werden nach den Erfahrungen des Verbandes nicht ausreichend beachtet. Die Folgen sind zunächst unsichtbar, wiegen aber schwer. "Das natürliche Bodengefüge wird gestört", sagt die Bodenexpertin Gabriele Broll, Professorin an der Universität Osnabrück. "Die für Menschen, Tiere, Pflanzen und Bodenorganismen notwendigen natürlichen Bodenfunktionen gehen verloren oder werden beeinträchtigt, ebenso die Wasser- und Nährstoffkreisläufe."

Ausweg: Bodenkundliche Baubegleitung

Den Schutz der Böden regeln im Prinzip das Bundesbodenschutzgesetz und die Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung. Beide zielen aber in erster Linie auf die Beseitigung von Altlasten, nicht auf die Vermeidung von Erosion und Verdichtung. "Die Bodenschutz-Behörden sind zumeist fachlich und personell überfordert, neben den drängenden Altlasten-Aufgaben auch noch die Belange des vorsorgenden Bodenschutzes durchzusetzen", sagt Feldwisch. Deswegen müsse Bodenwissen schon in den Planungs- und Zulassungsprozess von Bauvorhaben einfließen.

Eine bodenkundliche Baubegleitung, in der Schweiz seit vielen Jahren fest in der Baupraxis etabliert, ist dafür eine Lösung. Bodensachverständige übernehmen hierbei die Planung und Kontrolle von Schutzmaßnahmen auf der Baustelle. In Deutschland ist dieses Verfahren nicht vorgeschrieben, die Experten können nur beratend tätig sein. Erste Praxiserfahrungen zeigen aber, dass es gut funktioniert. Die Maßnahmen selbst sind recht simpel: Berücksichtigung bodenkundlicher Standortbedingungen, Raupenbagger statt Planierraupen, regelmäßige Tieflockerung der Fahrtrassen, getrennte Lagerung der entnommenen Bodensubstrate, Bodenruhe nach der Rekultivierung und Bepflanzung mit tiefwurzelnden Pflanzen.

EnergieAgentur.NRW flickr.com
Baustelle Windpark: Auch hier wird fruchtbarer Boden aufgerissen, die Gruben werden achtlos zugeschüttet. (Foto: Energieagentur NRW)

"Der Bodenschutz will die Energiewende nicht verhindern", stellt Feldwisch klar. Vermeidbare Bodenschäden und Fehlentwicklungen könnten aber nicht mehr hingenommen werden. "Der Boden muss als eigenständiges Schutzgut anerkannt werden", fordert der Experte.