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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
Das Heft als PDF (8,6 MB) – Juni 2015

Heft 6: Boden

Moderner Landraub

Fruchtbares Ackerland ist das Gold der Zukunft. Für kleine Landwirte ist der Landaufkauf durch große Unternehmen weltweit ein Problem. Denn wollen Familienbetriebe sich vergrößern, um konkurrenzfähig zu bleiben, können sie oft nicht mithalten.

Text: Joachim Wille

Die Ackerflächen in Ostdeutschland werden immer teurer. Ein Hektar kostet zum Beispiel in Brandenburg inzwischen rund 13.000 Euro. Die Folge: Viele Flächen gehen an Agrarkonzerne, Investoren oder reiche Privatleute, die oft mit Landwirtschaft gar nichts zu tun haben. Der Bauernbund fürchtet um die bäuerlichen, inhabergeführten Betriebe, die nach seiner Meinung die Grundlage der Landwirtschaft sein sollen.

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Neues Ackerland ist für Bauern in Brandenburg kaum noch erschwinglich. (Foto:
Schulze von Glaßer)

Land Grabbing ist ein globaler Trend, der vor gut zehn Jahren einsetzte. Schon im vorigen Jahrhundert hatten Konzerne aus den Industrieländern Agrarflächen in tropischen Ländern gekauft, um dort "Cash Crops" wie Kaffee, Kakao, Orangen und Bananen anzubauen. Doch nach 2000 begannen Industrie- und Schwellenländer, darunter China und die Golfstaaten, Ackerland im Ausland zu erwerben oder langfristig zu pachten, um die Versorgung ihrer Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Reis und Mais zu sichern oder profitabel für den Weltmarkt produzieren zu können. Daneben treten auch Konzerne aus Europa und Nordamerika als Landkäufer auf, die auf den Flächen "Bio"-Energie gewinnen – etwa aus Ölpflanzen, Mais oder Zuckerrohr.

Richtig in Fahrt kam das Land Grabbing, nachdem die Preise für Grundnahrungsmittel 2007 weltweit auf Rekordhöhen stiegen. "Jahrzehntelang hatten fallende Nahrungsmittelpreise Ackerland als Investitionsobjekt unattraktiv gemacht, doch spätestens seit der Nahrungspreiskrise hat sich die Situation radikal geändert", so Professor Harald Grethe von der Universität Stuttgart-Hohenheim. Investitionen in die Ressource Ackerboden erscheinen angesichts einer weiter wachsenden Weltbevölkerung, der steigenden Fleischerzeugung und des Booms bei Agrartreibstoffen lukrativ. Der legendäre US-Investor Warren Buffett prägte den Satz: "Fruchtbares Ackerland ist das Gold der Zukunft."

Der Landkauf dürfte weiter zunehmen

Darüber, welches Ausmaß des Land Grabbing inzwischen erreicht hat, gibt es nur Schätzungen. Nach Angaben der Entwicklungsorganisation Oxfam wurden allein zwischen 2001 und 2011 in Entwicklungsländern rund 227 Millionen Hektar verkauft. Das entspricht der Fläche Westeuropas. Die Weltbank geht davon aus, dass Staaten, Konzerne und andere Investoren bisher rund 50 Milliarden Euro für internationale Landkäufe ausgegeben haben, Die Agrarumweltorganisation GRAIN hält die doppelte Summe für realistisch. Der Weltbank-Ökonom Klaus Deininger schätzt, dass zehn bis 30 Prozent des weltweiten Ackerlandes Gegenstand von Verhandlungen sind. Der Landkauf dürfte weiter zunehmen, weil landwirtschaftlich nutzbares Land immer knapper wird – bedingt durch Klimawandel, Urbanisierung, Flächenversiegelung oder Verseuchung durch Pestizide.

Die Leidtragenden beim Land Grabbing sind oft die kleinen Bauern vor Ort, in vielen Fällen wurden sie von ihrem Land vertrieben. Zwar investieren die Landkäufer in die Infrastruktur und es entstehen Jobs auf den Plantagen. Die Agrarkonzerne produzieren aber primär für den Export, nicht für die lokalen Märkte. Die Möglichkeiten der Selbstversorgung für die ländliche Bevölkerung sinken.

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Notunterkünfte von vertriebenen Familien in Kambodscha: Durch Privatisierungen werden Menschen obdachlos. (Foto: Manfred Hornung/Heinrich-Böll-Stiftung)

Das Problem ist – prinzipiell – auf höchster Ebene inzwischen erkannt. Der UN-Ausschuss für Welternährungssicherung hat 2012 nach dreijährigen Verhandlungen freiwillige Leitlinien verabschiedet, um die lokale Bevölkerung vor den Auswüchsen des internationalen Landkaufs zu schützen. Staaten und Investoren sollen traditionelles Landeigentum achten, auch wenn es in keinem Grundbuch dokumentiert ist. Bisher ist das eher ein frommer Wunsch geblieben. Die Zahl der Landkäufe jedenfalls wächst weiter, wie die Datenbank "Land Matrix" zeigt, die seit drei Jahren Informationen zu dem Thema sammelt.